
Wer werde ich mal sein? Diese Frage stellt sich oft und wenn das fragende, junge Ich im Leben noch nicht seinen Platz gefunden hat, wird die Antwort selbst zu finden schwierig sein. Wie wäre es, sein älteres Ego zu treffen? Damit spielt Johanna Sebauer in „Popóm“. Doch geht sie über diese Frage hinaus und stellt vieles zueinander in den Bezug. Viele Romane drehen sich um das Ego. Die Selbstdarstellung steht dabei oft mehr im Vordergrund als die Selbstreflektion. In „Popóm“ sind mehr Wendungen möglich durch die Verdoppelung des Lebensweges des jungen Ichs und seines älteren Selbst. Wir treffen auf eine junge Generation, die sich in den Mittelpunkt stellt, ohne genau auf den anderen zu achten, nicht zu hinterfragen, weil es unangenehm werden könnte und stets seine Sorgenpakete gerne im Gegenüber ablegen möchte und wenn dies nicht gelingt, sich in Müßiggang vergräbt. Eine Generation, die alles im Internet ordert und sich über wunderbare und reale Spezialgeschäfte wundert. So auch der Held des Romans, Hendrik Popom, der die Betonung seines Namens gerne auf den Anfang Pópom setzt. Er trifft auf Popóm, sein älteres Selbst, das wunderlich, zweifelnd auftaucht und ein kleines Pfeifengeschäft betreibt. Dadurch werden hier zwei Welten, die doch dieselbe ist, gegenübergestellt. Eine etwas oberflächliche Gesellschaft, die um sich selbst kreist, ohne wirklich das Leben zu greifen und eine, die sich sorgt und das Spezielle pflegt. Der Roman spielt mit einer Leichtigkeit, die aber in der humorvollen Lebensbetrachtung eine Tiefgründigkeit beinhaltet.
Hendrik hat sich im Leben immer deplatziert empfunden, Er musste zu Schulzeiten oft sich in die Gruppen einfinden und selten waren die Verbindungen selbstverständlich oder leicht. Dann trifft er auf Anja, die, für ihn unbegreiflich, seine Gefühle erwidert und später mit ihm nach Norddeutschland zieht. Hendrik arbeitet in einer Werbeagentur, in der die Work-Life-Balance wichtig ist und er ab und zu mit seinen Kollegen abends oder in der Pause etwas trinken oder essen geht. Nichts ist Hendrik aber wirklich wichtig, nichts scheint ihm gut zu gelingen. Bei der Arbeit und in der Beziehung. Eines Tages hat Anja plötzlich Heißhunger auf Schokolade und Fassbrause und Hendrik sucht einen Kiosk auf. Plötzlich steht bei den Konserven ein Mann, der fast doppelt so alt wie er selbst und modisch gekleidet ist. Hendrik weiß sofort, dieser Mann bin ich. Hendrik spricht ihn an, der es aber als schlechten Witz behandelt und seines Weges geht. Doch sie treffen erneut aufeinander. Gerade als Hendrik seine Beziehung retten möchte, tritt der Mann erneut auf und Hendrik verzettelt sich nur noch in Selbstbetrachtungen. Zögerlich nähern er und der Mann sich an. Dieser Mann ist er, betont lediglich beim Nachnamen eher das Ende, wie bei einem Paukenschlag, also Popóm. Durch das Wissen, daß Hendrik auch über Popóm benennen kann, nähern sich die beiden Männer an. Doch die Beziehung ist voller Wunder, Rätsel und Widerstände. Jedes Treffen verläuft anders, mal freundschaftlich, mal brüderlich oder in gänzlicher Distanz. Hendriks Gedanken kreisen nur noch um sich – ob alt oder jung. Sein Umfeld blendet er aus, bis auf die neue Freundschaft zu der neuen Kollegin, die sich Zeit nimmt, um Hendrik zu sehen. Hendrik hofft, sich selbst zu finden und zu verstehen. Doch Popóm verweigert die Einsicht des jungen Ichs in seine Gegenwart, also die mögliche Zukunft von Hendrik. Hendrik hofft, endlich das finden zu können, was ihm fehlt und er möchte sehen, dass er nicht einsam bleibt. Langsam begreift Hendrik, daß sein Festhalten an dieser surrealen Situation ihn aus dem tatsächlichen Leben wirft.
Johanna Sebauer spielt mit Gedankenkonstrukten und mit der Sprache und Stilmitteln. Wenn die beiden Ichs aufeinandertreffen, verändert sich der Klang und der Dialogsatz. Mit zartem Humor und leiser Melancholie tanzen die Charaktere um Lebensbausätze, die da sind, kommen oder lediglich möglich sind. Letztendlich geht es in dem Spiel um das Treffen der Generationen, um das was uns alle angeht, um Liebe, Nähe und um Verlustangst. Die Welt wird immer komplexer, aber wir werden immer verständnisloser, empathielos oder bleiben lediglich, was wir sind und staunen über die Veränderungen, die uns beängstigen. Ein feiner und absurder Roman, der uns sehr unterhaltsam unsere Lebensfragen zuwirft.
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