Zum Inhalt springen

SS.10

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
SS.10
Image
Schwedische SS.10-Lenkwaffe

Schwedische SS.10-Lenkwaffe
Allgemeine Angaben
Typ Panzerabwehrlenkwaffe
Heimische Bezeichnung SS.10
Herkunftsland FrankreichImage Frankreich
Hersteller Nord Aviation
Entwicklung 1946
Indienststellung 1955
Einsatzzeit 1955 bis in die 1960er-Jahre
Technische Daten
Länge 0,86 m
Durchmesser 160 mm
Gefechtsgewicht 15 kg
Spannweite 750 mm
Antrieb Feststoffraketentriebwerk
Geschwindigkeit 80 m/s (288 km/h)
Reichweite 1,6 km
Ausstattung
Lenkung Gyroskop
Zielortung MCLOS, via Draht
Gefechtskopf 5 kg Hohlladung
Zünder Aufschlagzünder
Waffenplattformen Infanterie, Fahrzeuge
Listen zum Thema

Die SS.10 war eine Panzerabwehrlenkwaffe der 1. Generation aus Frankreich. Sie war die weltweit erste Panzerabwehrlenkwaffe, die in Großserie hergestellt wurde.

Die Entwicklung begann 1948 in Frankreich, als der Militärflugzeughersteller Arsenal de l’Aéronautique aus Châtillon sous Bagneux nach Möglichkeiten suchte, die deutsche Ruhrstahl-X-7-Rakete weiterzuentwickeln. Mit Ende 1952 wurde Arsenal de l’Aéronautique in Société française d’étude et de construction de matériels aéronautiques spéciaux (SFECMAS) umbenannt, die im Oktober 1954 in Nord Aviation aufging. Bei der Entwicklung war auch der Ingenieur Jean Bastien-Thiry federführend beteiligt, der später für einen Mordversuch an dem französischen Präsidenten Charles de Gaulle hingerichtet wurde. Es entstanden die Modelle Nord 5201 (zweiflügeliger Prototyp), Nord 5202 (vierflügeliger Prototyp) und die finale Nord 5203. Die ersten Teststarts wurden ab 1949 durchgeführt. Dabei musste der Entwurf wiederholt angepasst und nachgebessert werden. 1955 war die Entwicklung abgeschlossen und das Waffensystem wurde von den Französischen Streitkräften übernommen. Dort wurden sie als SS.10 bezeichnet („Sol-Sol“ – französisch für Boden-Boden). Ab 1955 wurde die SS.10 auch exportiert. Im Januar 1962 wurden die Produktionslinien bei Nord Aviation nach knapp 30.000 gebauten Lenkwaffen geschlossen. Auf Basis der SS.10 entstanden später die Lenkwaffen SS.11 und AS.12.[1][2][3]

Die SS.10 war eine Panzerabwehrlenkwaffe zur Bekämpfung von Kampfpanzern und anderen Panzerfahrzeugen auf Distanzen von bis zu 1,6 km. Die minimale Schussdistanz lag bei 400–600 m. Das komplette SS.10-System konnte von Infanteristen getragen und eingesetzt werden. Weiter konnte es auf „Jeeps“ wie dem Hotchkiss M201 oder Willys MB verbaut werden. Daneben wurde die SS.10 versuchsweise auch ab Schiffen, Hubschraubern und Flugzeugen gestartet. Das Waffensystem bestand aus Transportbehältern mit den Lenkwaffen sowie einer Steuerkonsole. Das Waffensystem wog komplett 47 kg.[1][2][4]

Die Steuerkonsole beinhaltet einen Kommandogeber, einen kleinen Steuerhebel (Joystick) sowie ein auf einem Stativ aufgesetztem Fernglas. Die Lenkwaffen waren in Transportbehältern aus Blech verstaut. Zuvorderst in der Lenkwaffe war der Aufschlagzünder mit der Hohlladung (Durchmesser 110 mm) verbaut. Dahinter folgte das Feststoffraketentriebwerk für den Marschflug. Dieses entwickelte während rund 18 Sekunden einen Schub von 0,1 kN. Vorne waren neben dem Triebwerk ein Signalempfänger mit Amplifierm sowie ein Kommutator mit einem Gyroskop verbaut. Letzteres wurde von einem pyrotechnischen Satz angetrieben. Für die Elektrizitätsversorgung wurden Nass- und Trockenzellenbatterien verwendet. Zuhinterst in der Lenkwaffe war das Starttriebwerk verbaut, das für 0,65 Sekunden einen Schub von 2 kN lieferte. Neben dem Starttriebwerk war ein Bengalo verbaut. Die beiden Lenkdrähte mit 0,15 mm Durchmesser waren um das Triebwerk gewickelt. Hinten am Lenkwaffenrumpf waren vier große, trapezförmige Stabilisierungsflügel mit Störklappen montiert.[1][2][5]

Funktion & Einsatz

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Um das SS.10-Waffensystem einsatzbereit zu machen, wurden ein paar Minuten benötigt. Dabei musste die Lenkwaffe aus dem Transportbehälter genommen und auf eine Startschiene aufgesetzt werden. Danach wurde die Lenkwaffe mit einem Datenkabel an die Steuerkonsole angeschlossen.

Der Schütze erfasste das Ziel visuell mit dem auf der Steuerkonsole aufgesetztem Fernglas. War das Ziel in Schussdistanz, startete der Schütze die SS.10-Lenkwaffe. Diese startete mit Hilfe des Starttriebwerks ab der leicht himmelwärts geneigten Startschiene. Das Starttriebwerk beschleunigte die Lenkwaffe auf eine Geschwindigkeit von rund 80 m/s. Nachdem dieses ausgebrannt war, startete das Marschtriebwerk und hielt diese Geschwindigkeit. Das Gyroskop und die vier großen Stabilisierungsflügel sorgten für eine stabile Flugbahn. Zum besseren erkennen der Flugbahn, wurde am Lenkwaffenheck das Bengalo gezündet. Der Schütze musste nun die Lenkwaffe in eine Zielachse mit dem Panzer bringen und führte die Lenkwaffe mit dem Steuerhebel an das Ziel heran. Dabei musste er sowohl die Lenkwaffe wie auch das Ziel mit dem Fernglas verfolgen. Sämtliche Bewegungen des Steuerhebels wurden als Steuerbefehle über die Lenkdrähte an die Lenkwaffe gesendet. Dabei korrigiert die Lenkwaffe mit den Störklappen die Flugbahn. Die Flugzeit auf die maximale Einsatzdistanz von 1,6 km betrug etwa 18 Sekunden. Beim Aufschlag im Ziel wurde der Hohlladungs-Gefechtskopf gezündet. Dieser hatte bei einem Auftreffwinkel von 90° eine Durchschlagskraft von 400 mm und bei 60° rund 200 mm Panzerstahl.[1][2]

Das MCLOS (Manual Command to Line of Sight) genannte Steuerverfahren erforderte vom Schützen ein hohes Maß an Geschicklichkeit und Konzentration. Die Treffererwartung lag zwischen 20 und 30 %.[1]

Kriegseinsätze

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Französischen Streitkräften verwendeten die SS.10 im Algerienkrieg (1954–1962) sowie in der Suezkrise (1956–1957).[1][6]

Image
SS.10 auf dem schwedischen Torpedoboot HMS Altair (T108)

Daten aus[7]

Einzelnachweise

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  1. 1 2 3 4 5 6 J. E. Stauff, J. Guillot, R. Dubernet: Armements Antichars Missiles Guidés et mon Guidés. Comité pour l‘Histoire de l’Amement Terrester période 1945 -1975, Direction générale de l’armement 1996, Frankreich. S. 71–93.
  2. 1 2 3 4 Andreas Parsch: Nord SS.10/MGM-21. In: designation-systems.net. Designation-Systems.Net, abgerufen am 6. Juli 2026 (englisch).
  3. Hajime Ozu: SS.10. In: missile.index.ne.jp. The Missile Index, abgerufen am 18. Juni 2026 (englisch).
  4. M201.com: M201 SS 10
  5. Tankograd: Soviet ATGMs
  6. Waronline.org: ПТУР первого поколения в АОИ (Archivlink)
  7. Trade Register auf sipri.org, abgerufen am 6. Juli 2026