Aufstand in Polen.
Ueber das Eintreffen des Heimkehrertransportes, der vorigen
Sonntag für den
1.7. angekündigt worden
war, ist noch immer nichts bekannt.
Rakosi ist nicht mehr Ministerpräsident
Ungarns.
Gestern abends und heute früh
Gides "Falschmünzer" fertig gelesen.
Dann Vorarbeiten für die Uebersiedlung fortgesetzt. Das schöne Wetter ist
unbeständig. Schon gestern nachmittags trübte es ein. Heute ist der
Himmel ganz bedeckt. Je nach dem Wind, dem Wohnraum und der
subjektiven Verfassung scheint es kühl oder schwül zu sein.
Ordnungen in meinen Sachen gemacht.
Roček meldete sich für kommenden Sonntag an. Dann wird er für mehrere Wochen
nach
Rom fahren.
Mit Mama spazieren: Steinhofer Mauer, Gartenwege am Satzberg, das Wetter
wurde gleich sehr schön und hielt so an.
Das Sonnenlicht steigert Landschaft und Leben: den gelben Steinbruch,
den Laubwald mit seinem Gelb und Hellgrün, die Sommerblumen in den
Gärten /wie mittaglich die ganzen Tage sind!/, Menschengruppen in
Gärten: in Liegestühlen und auf Hockern um einen Tisch gelagert, einer
geht im nassen Gras und giesst Blumen, ein Mädchen muss die Stiegen aufwaschen, viele Hunde laufen in den Gärten umher und
Nachbarhunde bellen einander an.
In einer Baumkrone über dem Weg sägt ein Mann; ein anderer auf dem Boden
ordnet die abgesägten Stücke.
Setzten uns zu Westermayer und tranken je ein Krügel Bier. Westermayer hat
seinen "Vorgarten" erweitert, das heisst,
um sein Buffet noch mehr Tischchen und Hocker gestellt; umzäunt ist
dieser Vorgarten nicht; er wird umflutet von der breiten Strasse, die um die Steinhofer Mauer führt; vormittags gehen viele Ausflügler diese
Strasse, mittags nur einzelne Menschen aus den Schrebergärten.
Von den Hockern aus sehen wir das südliche Panorama von Wien; blassblau die
Ebenen und die kaum noch durch-
dringenden Berge hinter den Fabriken von Meidling,
dann die Gehege und die weiss-lila Häuser des Südwestens von Wien
über
St. Veit bis nach Hütteldorf und in den Wiener Wald.
Um Zeit zu gewinnen, nahm ich mir versuchsweise vor:
1.
werde ich alle mechanischen Arbeiten an Werktagabenden
verrichten,
2.
werde ich täglich um halb
sechs aufstehen, um in der Früh noch lesen zu können.
Die "Falschmünzer" sind ein grossartiges Buch. Ich ziehe Gide dem Hemingway
vor.
Gide ist vielfältiger und durch seine psychologische Polyphonie
wahrer. Kein Vergleich auch mit dem , armen
Sartre. Ich habe die "Falschmünzer" nicht nur
interessiert, sondern auch liebevoll gelesen.
Nm.
Pol. kam. Maja hat vorgestern ihr Kind, ein
dunkles Mädchen, bekommen. Ihre Wohnung
ist jetzt in der
Starchant-Siedlung. Auch die Frau mit dem Kind wird bald hinzuziehen,
im Spital braucht sie nicht lang zu bleiben
Pol. brachte das Belegexemplar des Wienbuchs
für Paul. Er demonstrierte mir
schlechte
Gedichte, wie er sie jetzt bei verschiedenen Gelegenheiten
/im Radio und in den NW/ kritisiert, um sich mit der Zeit eine
Bibliothek aus Rezensionsexemplaren zu schaffen. Er zeigte mir seine
Wohnung. Es regnete am Nachmittag.
Abends dachte ich über meine Haltung im
Büro nach und formulierte meine beiden
Richtlinien:
1.
Abdichtung meines privaten Lebens gegen alle Berührungen durch das
Büro,
2.
"Integrierung" meines Wesens gegen alle im Dienst üblichen
Folterungen und alle Versuche, mich zu ändern in einer Richtung,
die mir nicht gefällt. Man hat mich also nicht als ganzen Menschen
gekauft, sondern nur jene meine Funktionen zum Eigentum erworben,
die die konkrete Arbeit verrichten. Leider haben sie auch meine
Lebenskraft und meine Zeit mitgekauft.
Was ich neulich mit Bezug auf den Kampf gegen die Vorgesetzten
niedergeschrieben habe: dass ich den Kampf aufgegeben habe, weil ich
die Situation weder für die anderen noch für mich ändern kann, gilt
auch für meinen Kampf gegen die Kollegin
Huber. Ich lebe seit langer
Zeit nicht mehr in gespanntem Verhältnis mit ihr; ich gehe längst
nicht mehr mit meinem ganzen Wesen in die Gespräche /das ist das
Geheimnis meiner Immunität/; ihre Ansichten und die Gestaltung ihres
Lebens sind schliesslich ihre eigene Sache. Was mich immer noch daran
ärgert, sammle ich in den Behälter, den ich mir im Sinne der
Rationalisierung des Aergers gebaut habe: auch aus ihm hoffe ich für
die grössere Gemeinschaft gültige Ergebnisse schöpfen zu können.
/Uebrigens: Seit sie im praktischen Leben meinen Zorn und meine Geduld
kennt, unterdrückt sie mich nicht mehr. Und das ist für die Gesundheit
gut; denn wir sind an die gleiche Galeere geschmiedet./
Ich habe noch nie, wie man schlampig sagt, "ein Mädchen gehabt". Auch in den
früheren Jahren nicht. Aber es ist ein Unterschied: ob man in einer solchen
leeren Zeit unbeeinflusst gelassen wird oder ob man von dem zersetzenden
Gespräch von Leuten, die der Liebe zynisch gegenüberstehen, innerlich
gestört wird. Huber ist eine solche Zerstörerin und hat zu einem grossen
Teil meinen heutigen Zustand geprägt.
Aus dem Verzicht auf den Widerspruch
folgt die starke Verhaltenheit meines Ausdruckes, ja meiner Gefühle in
den letzten Jahren.