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Briefe an die nahe Ferne ( 24 )

Wege des Wissens

Das  Medizinrad (Sun Bear & Wabun) hat sich weitergedreht in den
Mond der kraftvollen Sonne, dort bleibt es vom 21.Juni bis zum 22. Juli.

Die Große Ordnung hat Menschen, die in diesem Mond geboren wurden, zur Begleitung und Schutz und Hilfe am Lebensweg den Karneol als Totem im Reich der Mineralien, die zartrosa Heckenrose im Pflanzenreich und den geheimnisvollen Specht ausgewählt und zur Seite gestellt. Es heißt, Spechtmenschen haben die Fähigkeit, die reale Ebene zu durchdringen und die Dinge mit anderen Augen zu sehen. Dazu können sie vom Specht das Trommeln lernen, das sie ihre Kraft erkennen läßt und ihnen zum Gesang des Lebens  verhilft. Der Specht ist ein starker, zuverlässiger Begleiter, er baut perfekte Nester und ist der Meinung, daß man ein sicheres Nest braucht, um sich dorthin zurückziehen zu können, wenn es draußen zu stürmisch wird.

Ich liebe diese Geschichten aus dem Medizinrad. Ob sie besser oder schlechter sind als die der ebenso angezweifelten Astrologie, ob sie womöglich sogar erfunden wurden, wie gerne auch behauptet wird, ist mir vollkommen egal. Wenn ich dem Specht zuhöre, wie er trommelt, und vor allem, daß jeder Specht einen eigenen Rythmus hat, dann erscheint es mir sehr glaubhaft, daß wir mit seiner Hilfe unser eigenes Lied erkennen oder zumindest erfahren können, ob wir überhaupt eins haben.

Noch so ein der extremen Schwurblerei Verdächtigter war dieser Carlos Castaneda. Auch wenn man heute, lange nach seinem Tod weiß, wer er war, wird in „Fachkreisen“ heftig bezweifelt, daß er seine Geschichten um diesen Schamanen wirklich erlebt hat. Und ob es diesen Don Juan überhaupt gegeben hat, das ist mir auch längst egal und heute redet eh kein Mensch mehr von New Age und extra nach Südamerika zu reisen, um irgendwelche Peyote Pilze zu rauchen … da gibt es längst ganz andere Wege zur Betäubung in jeder Lebenslage. Für mich ist dieser „Weg des Wissens“ immer noch geheimnisvoll und wenn sich Castaneda das alles ausgedacht hat, dann beweist es ein enormes Wissen um andere Wirklichkeiten als das Wenige, was wir sehen und uns einbilden, das wäre alles, was existiert.

Es gibt in den ersten Büchern über die Lehre bei Don Juan ein paar grundlegende Wahrheiten und die deuten alle darauf hin, ganz genau hinzuschauen, zu horchen, zu riechen, wahrzunehmen und das in absoluter Bewegungslosigkeit und ohne Zeitbegrenzung … eigentlich genau das, was wir stundenlang mit dem Handy machen: hinstarren.

Ich fahre mit dem Radl immer den gleichen Weg durch den Wald und obwohl ich ihn schon tausend Mal gefahren bin, ist er doch jedes Mal ein anderer.  Ein Windhauch gleicht niemals einem anderen, die Blätter bewegen sich nie im gleichen Rythmus, die Steine am Weg liegen immer anders, Blumen und Gräser wechseln im Werden und Vergehen und in den Standorten. Die Wolken machen was sie wollen, auch sie niemals dasselbe. Der abgebrochene Baumstumpf, der mich jahrelang an den „Salvator mundi“ erinnert hat, schaut seit etlicher Zeit je nach Lichteinfall aus wie ein kleiner und ein großer König aus, beide mit Krone und der große streckt noch seinen rechten Arm weit in die Höhe. Und vor jedem Vorbeifahren bin ich gespannt, wieviele grad im Bild sind, derHerr der Welt mit diesem sonderbar verdrehten Finger oder die beiden mit der Krone…

Und dann gibt es immer noch wie schon viele Jahre die wechselnden Stellen am Waldrand, wo sich ganze Schwärme Schmetterlinge tummeln und in Kreisen herumfliegen, alle in dieser wunderbar leuchtenden Farbe meines inneren Löwen: orange, wie die Flammen des Feuers! Und regelmäßig fliegt einer mit, und umkreist mich beim Radfahren und bleibt in der Luft stehen und fliegt wieder voraus und ich folge ihm und er fliegt neben mir her, wenn ich den Berg hinaufschiebe und dann, wenn ich oben auf der Bank sitze, kreist er um mich herum, setzt sich sekundenlang auf meine Hand und dann fliegt er weg.

Schau genau hin, sagt Don Juan, beobachte, wohin Dich der Schmetterling führen will.

Früher bin ich in ferne Länder gereist, weil ich Großes sehen wollte, aber das Große habe ich im Großen nicht gefunden. Heute sitze ich auf der Hausbank und schaue in die Nacht oder stehe im Wald und schließe die Augen und mir ist … als wäre das wirklich Große
im Kleinen.

Sei lieb gegrüßt Frau Kraulquappe aus der fernen Nähe, wo man sich mit dem Messer die zähe warme Luft in Würfel zerteilt herausschneiden muß, damit man durchsteigen kann, um sich fortzubewegen. Meiomei! Babaa und foi ned!

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Briefe an die nahe Ferne ( 23 )

Um herauszufinden, was ich eigentlich suche in den spärlichen schriftlichen Hinterlassenschaften meiner Altvorderen, müssen in Kleinstarbeit Wort für Wort ein paar uralte Dokumente entziffert werden, die in damals  amtlicher deutscher Schreibschrift und schwarzer Tinte ordentlich mit amtlicher Feder geschrieben, Übergabeverträge enthalten. Wahrscheinlich noch etliche sonstigen Geschichten, über die nie jemand  gesprochen hat und die ich dort, wo sie halt herumlagen, nie angerührt habe, auch jetzt graust es mir vor dem, was sich da entziffern könnte … was nur befürchte ich … daß mich Dämonen anspringen? Ja, gut möglich, obwohl mir doch mein Verstand sagt, daß diese Befürchtungen alle völlig sinnlos sind, was soll mir schon passieren. Diese Vergangenheiten liegen lang zurück, alle sind tot. Die meisten gestorben hier im alten Haus.

Was macht das Haus mit so vielen Toten?

Ich muß aufschreiben, was es mit mir macht, diese Reise in die Vergangenheit. Noch treibt  mich die Spurensuche an und läßt mich gleichzeitig stocken.  Ganz egal, welche Fährte ich aufnehme, ob es die zum Großvater meines Vaters ist oder zu den Großeltern meiner Mutter, die auch zu diesem Hof gehört, obwohl sie als Fahrende hier nur kurze Zeit zur Seßhaftigkeit gezwungen war, bis sie den Schlüssel zum Käfig gefunden hat und weggeflogen ist … jeder Schritt, den ich zu den Alten hingehe führt in mich hinein. Und an diesen Wegen lagern Dämonen … ich kann sie weder bekämpfen noch vertreiben und deshalb werde ich mit ihnen tanzen … zumindest werd ich es versuchen. Ich, das Ergebnis der Begegnung von zwei in hilfloser Liebe Verbundenen, einer Verlorenen und eines Ausgegrenzten.

Eine Rose für die Vergeblichkeit.

In einer Schachtel mit ungezählten Sterbebildern, über denen die staubige Zeit der Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweggestiefelt ist, finde ich Sterbebilder, auf denen man in die alten, abgearbeiteten und ernsten Gesichter von zum Teil jungen Menschen schaut, unter anderem auch meine Großeltern und Urgroßväter … wo sind all die Frauen? Ich finde sie nicht, sie haben keine Spur hinterlassen neben all denen, die Max und Peter und Georg und Otto geheißen haben. Die Kleidung auf den alten Photographien ist so sehr anders als heute, wo man im bairischtümelnden Land selbstverständlich chicke Dirndln trägt und sich zu einer „echten“ Tracht bekennt, die es gar nicht gibt. Das Wort Dirndl gab es früher nur als Bezeichnung für ein Mädchen, ganz sicher nicht für ein Gewand. Und das Wort Mädel gab es sowieso nicht, das erschien erst, als Deutschland dachte, es sei das dritte Reich. Und wenn ich dieses unsägliche „Mädels“ höre, dann würgt es mich schier.

Zeit meines Lebens hat es mich immer zu den Ausgegrenzten und Verlorenen hingezogen. Immer schon bin ich wo auch immer in diesen unscheinbaren und heruntergekommenen Cafés gesessen, wo die herumsitzen, die aus der häuslichen Einsamkeit fliehen, um im Kaffeehaus noch einsamer zu werden und mit den anderen, die auch alleine herumsitzen, eine Art stummes Gebet zu sprechen an die Sehnsucht  und die Vergeblichkeit. Ich fühle mich dort , wo man nicht dazugehören muß, wohler als an Orten, an denen die stets Angekommenen und Erfolgreichen ihre Kleidung zur Schau tragen und ihr Wissen vorzeigen und immer „Dazugehören“ zur Schicht der Gewinner.

Das Reh kommt jetzt täglich und es hat sein Kleines dabei, das seiner Mutter hinterherspringt.

Textcollage Margarete Helminger

 

Sei lieb gegrüßt Frau Kraulquappe auf Deinem Weg hinaus aus dem alten Jahr und ich wünsch Dir, daß Du mit ein bisserl wehmütigem Lächeln aber trotzdem voller Freude in das neue Lebensjahr hineintanzen wirst! Wir bleiben uns gewogen, meine Liebe!

 

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Briefe an die nahe Ferne ( 22 )

Zwischen den graubraunen Stämmen der Bäume am Obstanger steht das Reh. Nichts auf der Welt kann so bewegungslos stehen wie ein Reh. Eine Statue mit glänzenden Augen, die mich ansehen. So schauen wir und harren aus. Ich sage nichts, das Reh auch nicht . Auf einmal macht es einen lautlosen Sprung nach vorne und noch einen und weg ist es.

Ich esse die letzten Kirschen vom Baum, ihre Zeit war heftig und überquellend vor süßer Fülle und jetzt geht sie zu Ende. Am Anfang sucht man die ersten reifen Früchte und jetzt geht es darum, die letzten  zu finden, die noch nicht angefault sind  und die letzten schmecken genauso besonders wie die ersten. Nein, keine Wehmut, daß es vorbei ist, alles hat seine Zeit. Und auch wenn ich mir noch nie am Anfang vorstellen konnte, daß ich jemals genug bekommen könnte, irgendwann ist es soweit, dann bin ich satt und zufrieden und dankbar für die Fülle und das Geschenk der Bäume.

Die vernichtende Hitze der letzten Woche hat die Wiesen verbrannt und braun gefärbt, jetzt kam Regen, der in kurzen Sturzbächen auf das Land platschte, viel zu wenig konnte der harte Boden davon aufnehmen. In einem von drei ausgetrockneten Bächlein fließt wieder ein wenig Wasser. Ob es jemals wieder diesen  Sommerregen geben wird, der  ein paar Tage und Nächte durchgehend vom Himmel fällt und nach heißen Tagen warm und leicht und liebevoll die Fluren, Fell und Haut berieselt in einem Tempo, daß alle Lebewesen genug davon abbekommen, aber nicht ertränkt werden. Dieser wunderbare Sommerregen, in den man hinausläuft und sich den Schweiß abwaschen läßt und klatschnaß zu tanzen beginnt und zu küssen, wer weiß, wie in einem meiner alten Lieblingsschlager von damals..

Heute ein kleiner kühler Wind und schon kommt dieser typische Geruch  und die Farbe des Himmels ändert sich, minimal, aber dennoch spürbar … Herbstahnungen … nein, auch hier keine Wehmut, es ist immer alles da, man sieht halt manchmal das eine mehr und dann wieder das andere.

Mit befreundeten Menschen sitzen wir zusammen und reden über das, was uns gerade bewegt auf unseren Umlaufbahnen. Und das Thema „Epigenetik“ taucht auf. Niemand weiß so recht, was es genau bedeuten könnte, daß diese Wissenschaft Markierungen in unserer DNA erforscht, die von großen Belastungen herrühren, die Menschen bis zu mehreren Generationen vor uns erleiden mußten. Schwer vorstellbar, daß großer Schmerz, schlimme Vorkommnisse in meiner Urgroßmutter chemische Prozesse ausgelöst haben, die sich in die Gene gebrannt haben und weitergegeben werden bis sie bei mir angelangt sind. Und dann erzähle ich von meiner Arbeit am Familien – Wurzelbuch und wieviel Schmerz ich entdecke, und auf einmal tauchen bei allen Bilder auf aus Ahnenreihen und plötzlich entdecken wir, vor allem in manch einer Familienproblematik von heute, die unlösbar erscheint, eine Art Wiederholung durch die Ahnenreihen, so, als wären Sorgen, Ängste, was auch immer, weitergereicht worden. Natürlich nicht genauso, eher eine Ahnung, schemenhaft, aber durchaus bemerkbar und vorausgesetzt, man findet Zugang zu den Lebensgeschichten der Vorfahren.
Rätselhaft und nicht einfach, damit umzugehen, aber ich bleibe dran.

Sollte es in den nächsten Tagen regnen, dann geh ich raus und tanze, tanze , tanze, barfuß im Regen, macht Ihr mit?

Viele Grüße an die Kraulquappe!

 

Cyber-

Cyber wird ursprünglich aus dem Griechischen abgeleitet und hat mit Steuermann und Navigieren zu tun, also einem, der weiß, wo´s langgeht. Aha.

Liebe aufmerksame Lesende hier zwischen Himmel und Erde, heute wurde plötzlich zwischen dem letzten und dem aktuellen Blogbeitrag wie von Geisterhand ein Artikel in kyrillischer Sprache hineingeschoben. Mein wunderbarer Administrator, Herr Graugans, hat mir Gott sei Dank was aufgeschrieben, was ich hier veröffentlichen kann – damit ich nicht Dinge erklären muß, die ich leider nahezu gar nicht verstehe:

„Unsere Website ist selbstgehostet.
Es waren eine veraltete PHP Version und eine veraltete WordPress Version installiert. Deshalb gab es eine Sicherheitslücke, die Bots genutzt haben, um einen neuen Benutzer auf der Website anzulegen. Dieser Benutzer hat einen russischen Beitrag gepostet.

Mittlerweile sind die Benutzer wieder gelöscht und eine neue WordPress Version aufgespielt.
Das Update zu einer neuen PHP Version läuft gerade.
Damit ist die Sicherheitslücke wieder geschlossen.“

Das Bundesministerium der Verteidigung  sagt, daß Cyber – Angriffe schon lange keine Fiktion mehr sind, sondern bittere Realität. So schauts aus.

Erst kürzlich haben wir darüber geredet, daß die Kriege der Zukunft Cyberkriege sein werden und daß der Verdacht gar nicht von der Hand zu weisen ist, daß längst schon einer stattfindet, man hört und sieht und riecht ihn nicht, es fließt kein sichtbares Blut … wenn sowas wie heute auf meinem völlig unbedeutenden privaten Blog passiert, läuft es mir trotz 40 Grad im Schatten eiskalt den Rücken hinunter.

Seid alle lieb gegrüßt und ich danke Euch für Euer aufmerksames Bemerken!

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Briefe an die nahe Ferne ( 21 )

Der vermeintliche Höhepunkt des Jahres ist überschritten, es geht also wieder abwärts. Es gibt aber in einem Kreis kein Oben und Unten. Der Kreis dreht sich im Kreis herum, jede Umdrehung ist stets das Gleiche aber nie Dasselbe … nie.

Gestern ist vergangen,  morgen noch nicht da und das Jetzt ist vorbei, sobald ich es ausspreche.

Wo leben wir also … im Dazwischen, aber das existiert ja nicht, oder?

Ich warte auf die Stunde der Glühwürmchen, sage ich zur Fledermaus.

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Aus der fernen Nähe zerfließende Grüße an die liebe Frau Kraulquappe

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Briefe an die nahe Ferne ( 20 )

Das Wurzelbuch

Neben dem Wasserhahn am Gottesacker hängen an einem Gestell ordentlich aufgeräumt Gießkannen aus Plastik in allen möglichen Größen und Farben. Aber leider ist anscheinend wieder mal keine dabei mit einem Brausekopf, oder wie immer man dieses Ding nennen mag, das vorne auf dem Schnabel der Gießkanne sitzen sollte, um das Gießwasser sprühmäßig auf den Blumen zu verteilen, damit sie nicht mit einem schweren Strahl platschend niedergewalzt werden. Inzwischen ist eine Frau dazugekommen, die auch vergeblich sucht wie ich. Wir unterhalten uns darüber, an was es wohl liegen mag, daß alle Versuche scheitern, diese Aufsätze an den Kannen so zu befestigen, daß sie dort auch bleiben. Irgendwann hat mal jemand Schrauben hineingedreht, diese Kanne ist auch verschwunden. Es bleibt ein jahrelanges Rätsel, nimmt sie wer mit, klaut ernsthaft jemand Gießaufsätze am Friedhof? Nicht vorstellbar oder? Da kommt ein Mann mit zwei leeren Kannen, eine davon hat tatsächlich noch einen Brausekopf. Er ist leicht irritiert, weil wir ihn so anstarren, während er die Kannen aufhängt. Als er weg ist, müssen wir lachen, die Frau und ich und sie läßt mir den Vortritt.

Am Grab bei den Fleissigen Lieserln sage ich zu den Altvorderen, daß ich begonnen habe, die Geschichte unseres Hofes aufzuschreiben und mich durch die verschlissenen und schier unleserlichen Dokumente der Jahrhunderte hindurchwühle, die mir in den Händen zu zerfallen drohen. Es ist ein verwahrlostes Sammelsurium von Fotos, Erbverträgen, Nachweisen über Soldatenzeiten im 14er Krieg mein Großvater, und ein Altvorderer ist aus einem früheren Krieg heimgekommen, es ist noch nicht klar aus welchem, ob mit Österreich gegen die Preußen oder mit den Preußen gegen Frankreich, ungut allemal für diese armen Bauern, die weg mussten von ihrem Hof und auf ein ganz anderes Feld gezwungen wurden, dorthin, wo der Boden sich rot gefärbt hat.

Ach, warum tu ich mir das an, für wen, ich habe keine Nachkommen, wer bitte wird das jemals lesen. Meine Cousine möchte gerne die Geschichte vom Stammhof der Familie haben für ihre Kinder, damit diese erfahren, woher sie alle stammen,

und ich  … ich möchte genauer wissen, was ich weiß.

Im Jahr 1878 kam einer und hat für wenig Geld unseren armen Hof, dessen Jahreszahl 1756 oben auf dem Türstock steht, gekauft. Bis jetzt weiß ich weder über den Käufer, der meinen Familiennamen mitbrachte, noch über den Vorbesitzer Genaueres. Der Käufer war höchstwahrscheinlich mein Urgroßvater. Noch gibt es viele Rätsel und große Lücken, es ist eine extrem schwierige Sache, so einen Stammbaum zusammenzutragen, Gottseidank hilft mir Herr Graugans, sonst würde ich verlorengehen.

Es ist eine Sauarbeit, sage ich am Grab und ich ärgere mich darüber, daß auch das, wie sovieles andere, an mir hängenbleibt. Aber wißt Ihr was, ich mach es trotzdem gern, aus Achtung vor Euch, die Ihr Euer Leben in großer Armut und Elend zugebracht habt, mit nix als schwerer Arbeit, den Marxenhof durch alle Mühsal gerettet und auch uns Heimat und Obdach gegeben habt.

Man glaubt es nicht, wie sehr so eine Arbeit ans eigene Eingemachte geht. Es hängt alles mit allem zusammen, ich finde Leichen im Familienkeller und Geheimnisse, Erinnerungen tauchen auf, bei Gott nicht nur meine. Menschen erscheinen plötzlich, von deren Existenz ich nichts ahnte, alle lang schon tot, aber ich bin noch da und ich glaube, ich bin es ihnen schuldig, daß sie nicht völlig vergessen im Nebel verschwinden. Und da ich  Wurzelstränge in mir erkenne, von denen ich noch nichts wusste, die mich mit anderen Wurzeln verbinden und mich Teil der großen Menschenfamilie sein lassen, werde ich die Geschichte des Hofes „Wurzelbuch“ nennen.

Und dann meine ich, die Großmutter singen und lachen zu hören und ich höre ein Flüstern durch die Zeiten, noch kann ich nichts verstehen,  aber ich bleib dran und wenn ich in zwei Jahren noch lebe, dann wird es ein großes Fest geben, denn dann ist unser Familienname 150 Jahre auf dem Hof.

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Sei herzlich gegrüßt, liebe Kraulquappe, wo Du auch bist und was Du grad machst und das Zwutschgerl sowieso!

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Briefe an die nahe Ferne ( 19 )

Während ich so dahinfahre, denke ich an die vielen wunderbaren Menschen, die vor kurzem gestorben sind, z. B.  Vallie Export, Alexander Held, Günther Maria Halmer und jetzt auch David Hockney, jemand schrieb: „niemand konnte so gut Regentropfen malen , die aufs Wasser fallen“ … ja, und wie einsam wird sich Joni Mitchell fühlen ohne ihren Freund. Sie hat sich ja auch erst  vor ein paar Jahren mühsam aus schwerer Krankheit wieder auf die Bühne hinaufgekämpft. Und man sieht ihr an, wie sie ringt mit der Schwere des Daseins, aber ein Bühnentier gehört auf die Bühne und nirgends woanders hin … wird sie ihm zum Abschied „Both Sides Now“ singen mit dieser unglaublichen Stimme?

Wir sind extrem sterblich und  wie alle Lebewesen anfällig für alle Arten von Krankheiten, die niemand haben will und trotzdem schleppen wir sie mehr oder weniger verstört mit uns herum. Und alle möglichen Sorgen lauern in den dunklen Wolken, die immer tiefer herabhängen und mit dem Regen tropft es immer grauer und grauer in mich hinein, bis ich selbst zur grauen Nebelschwade werde … und dann mache ich das Autoradio an und es läuft auf Ö 1 meine Lieblingssendung: „Spielräume – Musik aus allen Richtungen“ und da kommt ein Blues. Kein schwarzer, kein weißer, einfach Blues und alles ist Blues und ich werde Blues und die ganze Welt hat den Blues … nicht nur Wien, wie der grandiose Peter Cornelius einst sang … einfach alles hat den Blues und das ist die Rettung. Der Blues ist immer die Rettung, immer.

„Vampire Blues“ , gesungen vom über 80 jährigen Neil Young, dem man sein Alter anhört, aber genau das macht ihn noch besser, als er jemals war, er singt davon, was wir mit dieser uns anvertrauten Erde machen, wie wir sie ausbeuten, und seine derzeitige Band „The Crome Hearts“ spielt den Blues, als wüchse er aus ihren Zellen heraus, selbstverständlich und ewig, der 83 jährige Spooner Oldham ist u. a. dabei und Micah, der jüngste Sohn von Willie Nelson, ach, alles einfach so großartige Musikanten, denen man die Lust am Zusammenspiel anhört, da wird das Herz weit. Der Regen läuft in Strömen draußen über die Windschutzscheibe und drinnen aus meinen Augen.

Zum Schluß singt er noch über ihren Tourbus „Silver Eagle“ auf die Melodie von Woody Guthries „This Is Your Land…“, herzzerreißend schön. Die Sendung endet mit der Nachricht, daß Neil Young die Tour heuer abgesagt hat, man hoffe das Beste für ihn, ja, das hoffe ich auch!

Eine wunderbare Lifeplatte ist das: „As Time Explodes“ von Neil Young und den Chrome Hearts und ich bekomme Sehnsucht, diese Platte vorsichtig und behutsam aus der Hülle nehmen zu können und aufzulegen…

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„Ois is Blues“ hat der Willy Michl mal gesungen, das seh ich auch so, mit lieben Grüßen an die Kraulquappe!

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Briefe an die nahe Ferne ( 18 )

Eigentlich wollte ich was schreiben von meinen Forschungen zur Wildnatur und welche Erkenntnisse darüber langsam in mich hineintröpfeln oder vielmehr, was alles aufleuchtet in mir, je mehr ich mich mit dem Wilden im Wilden beschäftige.

Aber heute wurde eine alte Frau zu Grabe getragen, die vor vielen vielen Jahren meine beste Freundin war, damals, als wir jung waren. Freundin sein war gar nicht schwer, es hat sich einfach so ergeben, weil wir den gleichen Schulweg hatten. Wir waren immer zusammen in jeder freien Minute. Doch dann wurden wir erwachsen, das Leben ging seinen Gang und wir verloren uns aus den Augen … so sagt man doch immer, nicht wahr. Eine Freundschaft geht aber dadurch nicht kaputt, da müssen andere Dinge passieren. Das schärfste Schwert hat nicht das Leben so allgemein, sondern der Verrat. Niemand mag ihn, niemand will bewußt verletzen, er schleicht sich leise an und wenn man ihn bemerkt, hat das Schwert schon längst zugeschlagen und alles unwiderruflich durchtrennt. Das wird dann oft als harmlose Jungmädchengeschichten abgetan. Aber der Schmerz schmerzt immer, egal wie alt man ist.

Ich stehe auf dem großen Parkplatz, um mich herum emsige Menschen, die Gekauftes einladen und wegfahren, andere kommen und schieben die noch leeren Wägen vor sich her. Ich sitze da, denke an sie und schaue zum Himmel hinauf, dort liegt ein dicker Engel auf einer riesigen Wolke, den Kopf hat er auf den angewinkelten rechten Arm gestützt, der linke Arm schaut aus wie ein großer Flügel.

Ein Engel mit einem Flügel.

Das, was ich damals nicht verzeihen konnte, ist schon lange Jahre nicht mehr von Belang, aber es hat manchmal geschmerzt, ein Schmerz zieht immer eine Spur durchs Leben. Verzeihen ist keine leichte Angelegenheit. Jetzt gebe ich alles an den Himmel ab, dorthin , wo Du jetzt auch bist, ich geb dem Rauch aus Deiner Asche alles mit, unsere Kinderzeit, unsere Verbundenheit, unsere Gefühle und Gedanken, die Musik, die wir hörten … alles Leichte wird aufsteigen, ein paar Erinnerungen werden zu schwer sein und womöglich wieder herunterfallen, aber vielleicht werden sie inzwischen zu Tautropfen und eine Rose saugt sie auf.

So lange ist alles schon vergangen, wir waren beste Freundinnen und dachten, es gäbe dieses „wir“ ein Leben lang. Da haben wir uns getäuscht, wir hatten ein paar wenige Jahre, in denen haben wir soviel gelacht, als ahnten wir, daß es für ein Leben reichen müßte.
Es hat nicht gereicht. Gar nichts hat gereicht. Nichts.
Und doch bin ich traurig und weißt Du, ich werde Dich nie vergessen, nicht das Traurige und auch nicht das Schöne … das schon gleich gar nicht.

Eine Rose lege ich auf Dein Grab … für die Vergeblichkeit.

Weißt Du noch, wie Du immer das frische  Brot vom Bäcker ausgehöhlt hast, auf dem Heimweg , als wir den Berg die Radln hinaufgeschoben haben … immer wenn ich da hinaufschiebe, denke ich an Dich …

Komm gut heim.

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Einen lieben Gruß an die Frau Kraulquappe

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Briefe an die nahe Ferne ( 17 )

Ich schiebe mein Radl den steilen Berg hinauf, setze mich auf die Bank am Waldrand und schaue einfach so vor mich hin. Auf der Bundesstraße rasen die Autos hin und her und hinter mir pfeifen und trällern die Vögel im Wald. Hohe Gräser wiegen sich im warmen Wind und streifen dabei sacht über meine Beine. Ich denke an Geschichten, die ich alle schon mal erzählt habe hier bei der Graugans, zwischen Himmel und Erde. Jetzt muß ich entweder die alten nochmal erzählen oder neue sammeln oder erfinden. Mir ist, als wäre alles schon mal dagewesen und auserzählt.

Und mir ist, als gäbe es noch eine andere Ebene, als würden hinter den Geschichten weitere Geschichten darauf warten, erzählt zu werden aus einer anderen Dimension oder eine Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit, tiefer, höher wahrhaftiger noch  wie der Spiegel im Spiegel im Spiegel… es ist verwirrend aber es interessiert mich, die Spur aufzunehmen, egal, was dabei herauskommt. Sprache ist Leidenschaft, führen  Buchstaben ein Eigenleben, wenn man sie losläßt? Aber wie finde ich da hinein und hinaus und entstehen da lesbare Texte?  Wahrscheinlich ist das Beste, einfach weiter und weiter zu schreiben…

Am veredelten Rosenstock mit den tiefroten Blüten wächst ein Zweig süß duftend empor über und über voll mit dem hellen Rosarot der Wildrosen. Ich müsste ihn sofort ausreißen, aber ich bring es nicht übers Herz. Immer wieder mal bricht aus den gezüchteten Edelrosen die Wildnatur hervor, die immer in ihnen schlummert. Da ist in jeder Edelrose ein ewiger Drang, zurück zum Ursprung, zurück dorthin, wo sie herkommt und wonach ihr heimliches tiefstes Sehnen geht: zurück zur Wildnis, wohin sie gehörte, bevor sie von Menschenhand „kultiviert“ wurde, gezwungen, mehrmals zu blühen und schwere Blüten zu tragen .  Sie wartet geduldig ab, läßt sich hegen und pflegen, aber sobald die Veredlungsstelle ans Licht kommt, bildet sie sofort einen Schößling, dem man beim Wachsen zusehen kann.

Sie möchte nur einmal ganz kurz blühen, zart und rosarot und sich mit ihrem ganzen Wesen hingeben und im Duft verströmen, Werden, Aufblühen, Duften und Vergehen, um dann als Hagebutten Nahrung für die Vögel zu sein, die sie weiter und weiter verbreiten.

Ich lasse Ihren Zweig verblühen, bevor ich ihn entferne.

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Liebe Grüße an die Kraulquappe!

MENSCHEN

Evakuation des Geistes

Der Geist im Raum.
Abgefackelte Stürme erglühen das Dunkel.
Der Geist brennt im Raum.
Magisches Licht strahlt aus.
Grüne Fenster des hellerleuchteten
Schnellzugs auf dem Viadukt.
Ich brenne selbst und leuchte mir
die Blinden empfinden die pure Elektrizität
meines Lichts, sehen den Schein nicht.
Doch alle beben wie ich
wie im Todesrausch.
Und wissen nicht, daß es das Beben
von Flügeln ist, die ausgreifen wollen
hochschlagen wie Goldfeuer in die Nacht.
Und verfluchen die Polizisten der Sonne
die nachtsüber wie
die Kleinbürger schlafen
und alle MENSCHEN schlafen nachts
und fühlen die magischen Offenbarungen nicht
die in mir aus mir strahlen.
Menschen sind Evakuationen  des Geistes.
Anomalien der Psychologie.

Srečko Kosovel
Integrale.
Klagenfurt: Drava 1999

Vielen Dank für den freundlichen Kontakt und die Druckerlaubnis
an den Übersetzer aus dem Slowenischen:
Erwin Köstler

Vielen Dank auch an die Lyrikzeitung u.a. für den Tagebuchsatz von Srečko  Kosovel:
„100 Jahre nach mir wird keine Rede mehr von mir sein“ …

Er wurde 22 Jahre alt.

gestern, am 26. Mai 2026 jährte sich sein Todestag zum hundertsten Mal.

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