Autor und Auto

Literatur und Automobil

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Francoise Sagan und ihr silberner Gran Tourismo

“Wir liegen in der Kurve wie Klebestreifen. / Unser Motor ist: / Ein denkendes Erz.”

Diese Zeilen stammen aus einem Gedicht, das Bertolt Brecht seinerzeit  den Automobilen von Steyr widmete. Der österreichische Hersteller schenkte Brecht ein Auto. Bei einer Ausfahrt stellte sich ihm später leider ein Baum in den Weg. Der Dichter stieg mit wenigen Blessuren aus, und Steyr schenkte ihm  ein neues Automobil.

In seinem Gedicht Die Zeit fährt Auto vermerkte Erich Kästner:

“Die Zeit fährt Auto. Doch kein Mensch kann lenken. / Das Leben fliegt wie ein Gehöft vorbei. / Minister sprechen oft vom Steuersenken. / Wer weiß, ob sie im Ernste daran denken? / Der Globus dreht sich und geht nicht entzwei.”

Humorvoller brachte Kästner in seiner Ballade Im Auto über Land den mobilen Wohlstand im Deutschland der Nachkriegszeit auf den Punkt:

“Und er steuert ohne Fehler / über Hügel und durch Täler. / Tante Paula wird es schlecht. / Doch die übrige Verwandtschaft / blickt begeistert in die Landschaft. / Und der Landschaft ist es recht.”

Der  britische Nobelpreisträger Rudyard Kipling entschied sich  für einen Rolls-Royce Silver Ghost .Thomas Mann schaffte sich  einen Achtzylinder von Fiat an, später gab es eine Mercedes-Limousine . Und Françoise Sagan kaufte sich nach dem Sensationserfolg von Bonjour Tristesse einen gebrauchten Jaguar XK120  roadster.

Im Jahr 1955 erschien ein Skandal, der Roman Lolita von Vladimir Nabokov. Die ironisch erzählte Geschichte der Passion eines  Mannes für eine Minderjährige wurde oft missverstanden und ist alles andere als ein Lob der Pädophilie.  Humbert Humbert begibt sich  auf einen  Roadtrip mit Lolita, der dritte im Bunde ist eben dieser Humber Hawk, der im Roman Melmoth heißt – so wie in einem Roman des frühen 19. Jahrhunderts ein Geist, der zum Wandern verurteilt  war. Nabokov  besaß nach seiner Emigration in die USA einen Buick, in dessen Fond er stundenlang schreiben konnte.

( Literatur: Ulf Geyersbach “.und so habe ich mir denn ein Auto angeschafft”.)

Sechzig Jahre ist diese Diagnose alt, doch hat sie an Plausibilität nicht verloren: dass die auf unseren Straßen herumfahrenden Autos „das genaue Äquivalent der großen gotischen Kathedralen“ sind; ein „magisches Objekt“, von „unbekannten Künstlern“ erschaffen, das den Anschein erweckt, als sei es „vom Himmel gefallen“,vollkommen“ und von der restlichen Welt „abgeschlossen“.

Schon in den fünfziger Jahren, als die Geisteswissenschaften sich noch fast ausschließlich mit Literatur, Theater, Oper und Malerei befassten, wandte Roland Barthes sich demjenigen zu, was man später Alltagskultur und noch später Pop nennen sollte.

Er schrieb über die „Mythen des Alltags“ (1957) und „Die Sprache der Mode“ (1967), er analysierte Pressefotografien und Reklameplakate und erläuterte, warum man Bilder, aber auch Gegenstände wie etwa ein Auto wie Texte lesen kann. Und lesen muss.

„Der neue Citroën“ heißt der Essay, in dem Roland Barthes dies 1955 aufschrieb.

 

Der Buick von Vladimir Nabokov.

Der Buick von Vladimir Nabokov.

 

 

Thomas Bernhards Autos

 

Na ja, Vergänglichkeit ist auch etwas Schönes. Es gibt ja nichts Furchtbareres als ewig Bestehendes. Ich möchte auch gar nicht, daß alles, was mit mir zusammenhängt, überhaupt bestehen bleibt, hab‘ überhaupt kein Interesse dran, nur es könnte sein, daß es meinen Sachen widerfährt.“

(Thomas Bernhard (1931 – 1989)

In Wien, im Technischen Museum  glänzte einmal  eine teure Weihnachts-Ausstellung; ganz teuer und silbern und in anderen edlen Farben. Anders als bei den Weihnachtsklassikern geht Mann hier sehr gern auch ohne Familie hin. Die würde nur stören, beim Genießen der Luxusgeschöpfe in der Ausstellung: „Chromjuwelen – Autos mit Geschichte“.

Mittendrin steht, etwas weniger  beachtet zwar, ein stinknormaler, biederer Mercedes; tannengrün bis in die Radkappen wie das in die Jahre gekommene Automobil des alten Oberförsters.

Dieses gepflegte  Auto stammt von dem österreichischen Schriftsteller Thomas Bernhard – kein Chromjuwel im eigentlichen Sinne, die Provenienz aber ist hier entscheidender für das Objekt der Begierde

Wie hat diese Limousine mit Historie und Patina die Aufnahme in die Ausstellung geschafft? Vielleicht so: Viele dieser Auto-Geschichten sind spannend. Viele dieser Auto-Geschichten sind Schicksale und Keines dieser Automobile zeigt die jüngere österreichische Geschichte so, wie es der Mercedes von Thomas Bernhard kann.

Thomas Bernhard, der die österreichische Geschichte vollständig „auskosten“ musste und komplett “zurückgegeben” hat. Armut, Krankheit – schwere Kindheit, schwere Jugend – Erfahrungen mit Österreich. Er war in und für Österreich immer auch eine Art Realitätenvermittler.

„Die Vergangenheit des Habsburgerreichs prägt uns. Bei mir ist das vielleicht sichtbarer als bei den anderen. Es manifestiert sich in einer Art echter Haßliebe zu Österreich, sie ist letztlich der Schlüssel zu allem was ich schreibe.“

„Nur im Auto und auf der Fahrt bin ich glücklich, ich bin der unglücklichste Ankommende, den man sich vorstellen kann.“

Tannengrün und Mercedes passt:

„Wie sein Begriff der Normalität von den Idealen vergangener Epochen geprägt war, so war auch seine Vorstellung von Qualität durch und durch altmodisch.“ sagt Wieland Schmied, langjähriger Freund des in Ohlsdorf zurückgezogen lebenden vielbewunderten Autors.

Der weisse Triumph Herald Roadster, Baujahr 1964

Seinen ersten Literaturpreis investierte Thoma Bernhard in ein weisses Triumph Herald Cabriolet, welches er direkt in Wien aus dem Schaufenster kaufte worauf er bestanden hatte.

Im Jahr 1964 erhielt Thoma Bernhard zusammen mit zwei anderen Dichtern ein Drittel des mit fünfzehntausend Mark dotierten Julius-Campe-Preises, den der Velag Hoffmann und Campe in Hamburg in Erinnerung an den Verleger von Heinrich Heine gestiftet hatte.

Schon vorher hatte sich Thomas Bernhard genau überlegt, was er mit dem Preisgeld machen werde. Zurück in Wien marschierte er also schnurstracks zu dem Autohändler Heller, wo sein Objekt der Begierde, eben der weisse Triumph Herald Roadster, im Schaufenster stand.

” Der Wagen war weiss lackiert und mit rotem Leder gepolstert. Er hatte ein Armaturenbrett aus Holz mit schwarzen Knöpfen und er hatte genau den Preis von fünfunddreissigtausend Schilling, also fünftausend Mark angeschrieben. Es war das erste Auto, das ich auf meiner Erkundungstour nach einem Auto gesehen hatte, und es war auch schon jenes, welches ich kaufte…..Er war elegant, er war englisch, was schon beinahe eine Voraussetzung gewesen war und er hatte genau die Größe, die mir passte. Schliesslich betrat ich  das Geschäft und ging auf den Wagen zu und ging ein paarmal um den Wagen herum und sagte, diesen Wagen werde ich kaufen.”

Es gelang dem verzweifelten Verkäufer nicht, Thomas Bernhard eine Lieferfrist oder ähnluches plausibel zu machen:

“Nein, sagte ich, nicht in den nächsten Tagen,gleich sagte ich,sofort….ich sagte, nur diesen Wagen kaufe ich, wie er hier steht.”

Endlich willigte der Verkäufer ein:

“Nun gut, Sie können den Wagen haben, diesen, ein schöner Wagen. Er sagte es mit einiger Traurigkeit in der Stimme, aber er hatte recht, der Wagen war schön”.

Thomas Bernhard fuhr mit seiner “Tante” damit nach Jugoslawien in den Urlaub, wo ein Jugoslawe ihm den Triumph Herald zu Schrott fuhr, da er die Vorfahrt missachtet hatte.

Die Versicherung aber zahlte alles anstandslos, sogar einen nagelneuen Anzug. Sein Anwalt hatte die jugoslawische Versicherungsgesellschaft diskret darauf hingewiesen, wer der Eigentümer des Triumph Cabriolets war .

Nachzulesen ist das alles  in: Thomas Bernhard- Meine Preise  S.50 ff.- Suhrkamp Verlag – ISBN 978-3-518-42055-3

 

Gekauft von seinem ersten Literaturpreis: ein schneeweisses Triumph Herald Cabriolet

Gekauft von seinem ersten Literaturpreis: ein schneeweisses Triumph Herald Cabriolet

 

 

Toujours Francoise !

Toujours Francoise !
Francoise Sagan, die Frau die die Automobile liebte und zwar vorugsweise die schnellen Grantourismo von Aston Martin, Jaguar, Ferrari und Maserati, wurde für dieses Zitat ebenso vielgeliebt wie für ihre Romane über die Jugend in der Hitze Saint Tropez, die Nächte in Paris und die ewig jungen Leiden der Liebenden,

 

“Nur weil das Leben nicht elegant ist, muss man sich dem nicht anpassen”.

Alles begann mit “Toujour Tristesse, und es begann an der Cote d`Azur, wo sonst ? Strand und Meer erkundete sie gemeinsam mit Brigitte Bardot stets barfuß. Und barfuß pflegte sie auch ihre schnellen Sportwagen zu fahren. Die Monate nach ihrem  haarsträubenden Unfall auf einer glatten Landstraße nach einem  Lunch mit Melina Marcouri und Freunden verbrachte sie mit starken Schmerzmitteln und teilweise unter Drogen in einer Privatklinik, aus der sie sich später selbst entliess um den starken Medikamenten zu entkommen.

“Der Chefarzt hat mein Leben gerettet”, sagte sie danach ” weil er mich nicht operiert hat !” In der Tat waren ihre multiplen inneren Verletzungen und ..diversen Brüche zu stark für einen erfolgversprechenden Eingriff. Der Unfall mit ihrem geliebten Aston Martin DB2 roadster geschah bei über hundert Stundenkilometern, Melina Mercouri wurde dabei hinausgeschleudert und blieb unverletzt.

Francoises Passion für schnelle Automobile blieb von diesem Drama unberührt, sie bewegte sich bevorzugt in Ferraris oder Maseratis und überlebte es.

“Glauben sie mir, Liebeskummer erträgt sich in einem Rolls Royce viel besser als in einemOmnibus“,

versicherte sie in einem Interview. Man möchte es ihr gern glauben…

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Der Hudson von Jack Kerouac
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Charles Bukowsky tankt Stoff

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Albert Camus starb in diesem Facel  Vega, am Steuer saß der Verleger

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Auf dem Gipfel ihrer Karriere gönnte sich Francoise Sagan diesen Ferrari 250 GTE Spyder von Scaglietti, heute ein rares, unerschwingliches Sammlerstück

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Tomas Bernhard verhandelte oft und hart mit seinem Verleger Siegried Unseld. Meistens ging es um viel Geld, meistens für Häuser. Bei der Wahl seiner Automobile war er . mit Ausnahme seines ersten Cabriolets, eher rational und pragmatisch.

Meine Erlebnisse mit der Stasi

Meine Erlebnisse mit der Stasi in OstBerlin und Leipzig 1973 bis 1987

Der Liedermacher Wolfgang Biermann  – die Älteren der unter uns mögen sich erinnern  – saß bereits nicht mehr in der Chausseestraße 131 und sang zur Gitarre in das Mikrofon seines  Grundig Tonbandgeräts, als ich in den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts  das zweifelhafte Vergnügen hatte, in der Hauptstadt der DDR, also in Ostberlin, an einen sogenannten Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik zu geraten.

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Sonniger Sonntagmorgen in Leipziz 1984. Foto: Jürgen Mügge-Luttermann

Die DDR war für uns Studenten im Westen naturgemäß ein geradezu einzigartiges Faszionosum und Paradoxon zugleich. Faszinierend, weil seit über zehn Jahren  verborgen hinter einer Mauer  eine für die sogenannten Bundesbürger nahezu unsichtbare Existenz führend, paradox andererseits weil diese sogenannte Demokratie sich spätestens mit dem Bau der Mauer in Berlin als das zu erkennen gegeben hatte, was sie war: eine Diktatur. Und zwar nicht die vielbesungene Diktatur des Proletariats sondern eine unterdrückerische und menschenverachtende,  geschlossene Veranstaltung der Einheitspartei SED.

Geschlosen und eben auch verschlossen  deshalb, weil den unfreiwilligen Teilnehmern – den Bürger der Deutschen Demokratische Republik – nicht gestattet war, mal eben ein wenig draussen frische Luft zu schnappen. Den freien Blick versperrte eine Mauer, das freie Wort wurde verschluckt.
Freiheit kann eben auch die Freiheit von allem sein. Diese  sogenannte Freiheit als Abwesenheit von  jeglicher individueller Freiheit war  die tatsächliche Lebenswirklichkeit für Millionen Menschen in diesem “Arbeiter und Bauernstaat”, des “ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden”.

Mit Herz und Kopf ansingend gegen die bestehenden Verhältnisse, verschaffte sich der Grosskommunist , Poet und Liedermacher Wolfgang Biermann zuerst in der DDR ein Auftrittsverbot (1965), dann  ein modernes Tonbandgerät nebst Senheiser-Mikrofon aus dem Westen, um frech und frei ab sofort in seinem Wohnzimmer gegen die Betonköpfe der sozialistischen Einheitspartei Deutschlands anzubrüllen.
Diese schönen, trotzigen Lieder,  signiert mit der  Melancholie des Romantikers, wurden dann zur Freude aller westlicher Sympathisanten  von Columbia Records  in Vinyl geschnitten. Naturgemäss beim Klassenfeind in der BRD.

Es waren vor allem  auch diese freimütigen, unzensierten und bissigen Gedichte, Lieder und  diese flamboyante Kritik am real existierenden Sozialismus in der DDR, die in der Studentenschaft der BRD  mehr Anhänger  inspirierten und mobilisierten als im sozialistischen Osten. Linke Weststudenten und Intellektuelle zog es in Folge  magisch in das Deutschland hinter der Mauer , dort Kontakte suchend und knüpfend, die alltägliche Lebenswirklichkeit zu erkunden, ungefiltert  das sogenannte wahre Leben dieser geschlossenen Gesellschaft im Alltag, in der Praxis und nicht nur in der rotgefärbten Theorie der verschiedenen Parteigänger kennenzulernen.

Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Wohl war !  Und eingedenk  dieser  Dialektik vertrieben sich die Jungs von der Staatssicherheit tagtäglich die Zeit damit zu verhindern, dass die leider notorisch  unzuverlässigen Arbeiter und Bauern ein falsches Leben führten. Denn was richtig war und was das richtige Leben war,  das bestimmte hier  die Partei, die immer Recht hatte. Verkehrte Welt, die platte Dialektik  der Staatssicherheit. So hatte es Adorno eigentlich nicht gemeint und die grosse Sehnsucht nach dem falschen Leben sorgte nicht nur in der Chausseestrasse 131 für kreativ subversive Umtriebe.

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Torgau an der Elbe. Der Gedenkstein unten rechts im Bild erinnert an das Zusammentreffen der amerikanischen und sowjetischen Streitkräfte  am 25. April 1945 in Strehla bei Torgau. Foto: Jürgen Mügge-Luttermann
Gesungen wurde in Biermanns guter Stube bis zum Herbst 1976  auch immer von der Stasi . Die “Stasiballade” war mit Wortwitz und Ironie eine bitterböse Abrechnung mit dem Unterdrückungs- und Überwachungssystem der DDR mit seinen  zahllosen und allgegenwärtigen Spitzeln und Zuträgern. Gewiss, aufgefallen war  den Intellektuellen in der BRD durchaus,  dass die Wirklichkeit in der DDR dem hohen Anspruch der sogenannten Genossen im Politbüro nirgendwo genügen konnte. Woraus sich unter anderem ergeben musste , dass  “solange der gesellschaftliche Gesamtzusammenhang hinter dem Masstab eines gerechten Lebens zurückfällt, es für die Menschen gar nicht möglich ist, moralisch richtig zu handeln!”
 Da schau her.
 Jede Trennung des moralischen Prinzips vom gesellschaftlichen hat auch den Verzicht auf menschenwürdige Verhältnisse zur Folge. Hören wollte man solche Theorien in Ostberlin ungern.
Die wohlwollende Sympathie, mit welcher der  in der DDR angeblich  real existierende Sozialismus von den westdeutschen Intellektuellen betrachtet wurde,  trieb oftmals seltsame Blüten. Viele aber hofften mit Biermann unverzagt auf die zukünftige  Besserung der Verhältnisse:
“Wir machen hier Sozialismus,
trotz Rotz und Stalinismus
und öffnen uns noch die Welt !”
( enfant perdu )
Die Milchbar “Espresso” in Ostberlin
Es war gegen Ende des Jahres 1974, als ich erstmals in Kontakt mit der Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik geriet. Ich trank einen Kaffee in der neuen Milchbar “Espresso” am Alexanderplatz, nachdem ich meine erste Runde im Panoramacafe des neuen Fernsehturms gedreht hatte und den klaren Blick hinüber ins westliche Berlin genossen hatte. Diese erste Ansprache war leider ebenso plump wie vorhersehbar, denn der Stasi-Mitarbeiter war ja als solcher  sowohl in Berlin Ost als auch in Leipzig überall und jederzeit sofort erkennbar an seinem “unauffälligen” Herumlungern bevorzugt in den von  Touristen frequentierten Lokalitäten sowie an den öffentlichen Treffpunkten Alex, Unter den Linden et al. Der junge Mann, er nannte sich Sascha, sprach mich  freundlich an meinem Tisch an. Er hatte mich selbstverständlich  als “Westler” erkannt , was er mir nun auch sofort kundtun musste. Dass ich ihn ebenfalls auf den ersten Blick als Stasi-IM enttarnt hatte, verschwieg ich naturgemäss. Ich gab den naiven Westdeutschen, auf Sightseeing im neuen Zentrum der DDR-Metropole und lobte über die Maßen den Kaffe im sich ewig drehenden  Fernehturm-Cafe. Er war scheinbar begeistert ob meines Lobes.
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Weimar zu Zeiten der Deutschen Demokratischen Republik 1984. Foto: Jürgen Mügge-Luttermann

Meissener Porzellan

Sich anschloss ein Spaziergang in der Septembersonne Unter den Linden, denn ich suchte hier nun gezielt ein Geburtstagsgeschenk für meine Mutter. Warum nicht aus der Hauptstadt des ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaates ? Die grossen Schaufenster der offiziellen Verkaufstelle der Meissener Porzellanmanufaktur zogen mich magisch an, etwas zum Unwillen meines unfreiwilligen Fremdenführers: “Meissner darfst Du nicht exportieren, das werden sie Dir sicher an der Grenze wegnehmen”. Ich ging trotzdem hinein, er folgte schweren Fusses. “Ich kaufe immer soviele Bücher, da werde ich eine kleine Vase sicher ganz gut verstecken können” erwiderte ich unbesorgt und erstand eine etwa fünfzehn Zentimeter hohe Vase, welche ich besonders sorgfältig und liebevoll verpacken ließ. Sie kostete stolze hundertachtzig Ostmark ! Da ich unerlaubterweise meine Ostmark in Westdeutschland zum Kurs von eins zu sechs eingekauft hatte, zahlte ich also lediglich dreissig Westmark für das gute Stück. Dieser heimliche Devisentransport war damals für einen armen Studenten unerlässlich, wollte er möglichst billig möglichst viele Bücher im Osten einkaufen. Gab ja Klassiker, Kunst und Literatur in Hülle und Fülle ( sogar Arno Schmidt !!!), auch interessante Lizenzausgaben. Und zur Tarnung immer ein paar blaue Bände Marx und Engels obendrauf . Drei Bände Kapital stabilisieren das Regal – und erfreuten den Grenzer. Der arme Student kam glaubhaft rüber, ich fuhr schliesslich R4 ! Glaubhaft rüber kam bei mir auch das Angebot meines treuen Stasi-Begleiters, mir doch lieber die kostbare Vase per Post nachzusenden: “Da kannst Du sicher sein, dass sie auch ankommt ! Die machen doch eh nur Stichproben bei der Post.” Dass die Vase sicher ankommen würde glaubte ich ihm naturgemäss sofort . Zehn Tage später war sie da. Die Stasi war in jeder Hinsicht zuverlässig . Meine Mutter war begeistert ! Es folgten mehr oder weniger regelmässige Postkarten bis im darauffolgenden Sommer eine Einladung nach Ostberlin folgte. Er würde sehr gern auch einmal meine Frau kennenlernen und uns zu seinem Geburtstag einladen, es seien ja nur 300 Kilometer von Hannover und so weiter… . Kam ein bisschen plötzlich, diese recht private Einladung, aber wir nahmen an. “Sehr gern” sogar, wie meine Frau hinzusetzte. Sie war in der Tat sehr neugierig auf Ostberlin und die DDR !

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Grau und kalt war der März im tristen Zentrum Dresdens 1986. Foto: Jürgen Mügge.Luttermann

To follow:

Ein denkwürdiges Abendessen in den “Zille Stuben”

Die Stasi und die  Galerie EigenArt  in Leipzig 1986

Eine NDR-Redakteurin und die Stasi

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Die NDR – Redakteurin Karin Abenhausen und die STASI – Dichtung und Wahrheit

Eine NDR-Redakteurin im Zeitalter alternativer Fakten.

“Ich ? Bespitzelt ? Unvorstellbar”

So titelt ein ” trimedialer ” NDR-Beitrag, in welchem die NDR-Redakteurin Karin Abenhausen lang und breit und in recht phantasievoller Collagetechnik Erfundenes,Erlebtes und Gefundenes zusammenfügt und dabei ziemlich viele Unwahrheiten verbreitet indem sie sich ungeniert meiner STASI-Akte bedient, meine berufliche Biografie plündert und unter diese abenteuerliche Mixtur ihren eigenen Namen setzt.

Heute nennt man so etwas ja “alternative Fakten”, man könnte auch sagen ” copy and paste Journalismus “.

Da der NDR – ein Sender , welcher sein Publikum abends zu bester Sendezeit mit erschütternden Dokus über Schmelzkäse oder Herzschwäche in den Einschlafmodus versetzt – da also dieser Sender NDR trotz meiner Beschwerde den Beitrag mit alles Details aus meiner STASI-Akte unverändert veröffentlicht, muss ich hier die echten Fakten einmal öffentlich machen.

Also eine Gegendarstellung, bestehend aus Fakten :

1. Es gibt keine STASI-Observationsakte für die NDR-Redakteurin Karin Abenhausen !
Die damalige Studentin wird lediglich einmal in meiner Stasi-Akte als ” Begleitung ” namentlich erwähnt ! Keine weiteren Angaben zur Person , keine weiteren Erwähnungen. Das wars ! Daraus schmiedet die heutige NDR- Redakteurin “ihre” STASI-Observationsakte !

Die es naturgemäss nicht gibt und nie gegeben hat.

2. Die heutige Redakteurin Karin Abenhausen war damals, in den achtziger Jahren, eine junge Studentin und keine Journalistin oder gar NDR- Redakteurin !

3. Die heutige NDR-Redakteurin Karin Abenhausen hatte damals entgegen ihren Angaben im NDR-Report keinerlei ” Freunde und Bekannte ” in der DDR, wie es von ihr behauptet wird.

5. Die heutige NDR-Redakteurin Karin Abenhausen wurde nie als meine Begleiterin an der Grenze Helmstedt-Marienborn von den dortigen DDR-Grenzpolizisten gesondert angesprochen.
Wie auch ? Sie war eine Studentin frei von jeglichen politischen Aktivitäten und kein Mitglied irgendwelcher relevanten Organisationen oder Parteien. Sie übertrat die Grenze zur DDR auf meinem Beifahrersitz völlig unbehelligt umd auch unbefragt.

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Dresden 1987

6. Alle in diesem NDR-Beitrag gemachten Angaben entstammen ausschliesslich meiner STASI-Akte und wurden ohne mein Wissen nicht nur veröffentlicht sondern auch einer NDR-Redakteurin zugeschrieben.
Ich habe nie erlaubt, diese Details aus meiner Akte zum Thema eines journalistischen Beitrags zu machen.

7. Die von der Redakteurin Karin Abenhausen geschilderten “Fakten” entsprechen allesamt nicht den Tatsachen.
Meine STASI-Akte als Teil auch meiner beruflichen Biografie wurde geplündert und mit Unwahrheiten vermischt. Copy and paste eben

Besonders blumig und phantasievoll geht es in dem Kapitel

“Mit dem Künstler unter ständiger Beobachtung”

zu. Schon dieser reisserische Aufmacher ist die reinste Fantasie  und soll wohl für erhöhte Spannung in diesem Stasi-Märchen sorgen.

Beim Besuch der damaligen sogenannten ” Galerie EigenArt ” in Leipzig 1987 wurde ich in der Tat von der STASI observiert.Die STASI-Informantin Claudia S. aus Leipzig war ebenfalls bei diesem Besuch dabei, ja dieser Besuch wurde von ihr wortreich angeregt und initiiert. In meiner Akte werden Fakten genannt, die nur sie wissen konnte.

Ich kaufte dort auch einige Grafik-Plakate von DDR-Künstlern, die ich ohne jedes Problem auch im Pkw offiziell ausführte. Ich habe bei meinen unzähligen Aufenthalten in Ostberlin und Leipzig immer wieder Bücher und Kunst ausführen können ohne jemals an der Grenze behelligt worden zu sein.

Die Aussage eines angeblichen “STASI-Experten” in dem NDR-Beitrag, man hätte bei einer Ausfuhr derartiger Gegenstände wegen “Spionage” verhaftet werden können, ist nach meiner Erfahrung mit den Grenzorganen der DDR eine gewollte und konstruierte Dramatisierung dieses ganz normalen Galeriebesuchs.

Da am 14. März 1987 kein  Künstler  in dieser sogenannten ” Galerie “, die aus einer kleinen Wohnstube mit Bollerofen in einem abgelgegenen Leipziger Bezirk bestand, anwesend war,
kann also auch von “ständiger Beobachtung mit dem Künstler” keine Rede sein.

Aus einem kurzen Galeriebesuch wird bei der NDR Redakteurin Karin Abenhausen eine
“ständige Beobachtung ( der NDR-Redakteurin ) mit dem Künstler”.
Wie nahezu alles in diesem Beitrag ist auch diese Behauptung die freie Erfindung der NDR-Redakteurin.

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Wann und wo und mit welchem Künstler soll denn die Redakteurin ” unter ständiger Beobachtung” gestanden haben ? Sie war bis zum Fall der Mauer niemals wieder in der DDR .
Auch diese Behauptung entspricht nachweislich also nicht den Tatsachent.

Sehr wahrscheinlich jedoch ist- was ich nach diesem merkwürdiegn Besuch vermutet hatte – dass die Stasi-Informantin Claudia S. aus Leipzig mich als Journalisten aus der BRD ganz gezielt auftragsgemäss zu diesem Galeriebesuch überrredete. Denn so konnte man den Betreibern der Galerie leicht einen nachweislich realen Kontakt zu “Westmedien” dokumentieren.
Es ist ja mittlerweile wohlbekannt, dass Geheimdienste immer und überall observierte Personen zu manipulieren versuchen, um sie in ihrem Sinne zu instrumentalisieren.
Das ist wohl auch hier im März 1987 so erfolgt ohne daß ich es bei dieser “Einladung” vermuten konnte.

Eines allerdings war mir aufgrund meiner Erfahrungen in Ostberlin auch damals schon bewusst: Wenn Du von flüchtigen Bekannten in der DDR zu etwas “eingeladen” wurdest ( sei es ein Abendessen in einem besonderen Restaurant, einem Galeriebesuch etc.), dann stand dahinter in den meisten Fällen ein Stasi-IM.

Mehr möchte ich zu dieser Collage “alternativer Fakten” nicht  sagen. Mehr zu meinen STASI-Kontakten in Ostberlin und Leipzig kann man in meinem blog nachlesen:

http://schriftsaetzer.blogspot.de/

http://cms.time-and-life.webnode.com/blog/

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Torgau . fotos juergen muegge.luttermann

Keine Lust auf “alternative Fakten” ?:

http://faktenfinder.tagesschau.de/f

Bargfeld

 

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Arno Schmidt in Bargfeld

Über den ersten Spaziergang an Heiligabend 1958 in Bargfeld  notiert Arno Schmidt:

“In Richtung Weyhausen, sehr schön, z.T. ideale Landschaft: Wiesen, Wald ( Kronsbeeren ! Gegessen): 150 Wildenten; Prachtkiefern und -Birken; Ried und `Schmalwasser`; die ersten Wacholder: ich bin sehr zufrieden ( und auch Lilli scheint begeistert) “ ( TB AS 24.12.1958 )

.und an Freund Michels schreibt er am 18. Januar (seinem Geburtstag) 1959:

“Jeden Tag wird spazierengegangen – Sie haben die Wasserstiefel ja noch selbst gesehen: >The applause ! Delight! The wonder of our stage!< – es ist wirklich >einzig< In den Tagen des großen Frostes hatten wir einen halben Meter Schnee (und andre Sorte, als dieses Hessens Zeugs !); dazu 15 Grad Kälte – das ergab Nebel, Farben, Aufgänge, Rauhreife, Eis, lieber Herr, Eis: das erste Mal in meinem Leben, daß ich von meinem Platz am Schreibtisch den Mond aufgehen sehe !  ( AS an Wilhelm Michels 18.1.1959 )

Arno Otto Schmidt wuchs in Hamburg und Lauban bei Görlitz auf. Ab dem Jahr 1946 lebte Arno Schmidt als Schriftsteller zunächst in Cordingen bei Fallingbostel, wo er zeitweise auch als Dolmetscher für die britischen Streitkräfte tätig war. Danach lebte der Autor in  Gau-Bickelheim und Kastel an der Saar und in Darmstadt in der Inselstraße.

In Darmstadt lernete das Ehepaar Arno und Alice Schmidt den dort lebenden Künstler Eberhard Schlotter kennen. Schlotters Bruder lebte als Bildhauer in dem kleinen Heidedorf Bargfeld, der Vater war Goldschmied in der Kreisstadt Celle in der Lüneburger Heide. Durch die Vermittlung von Eberhard Schlotter und mit der, auch finanziellen,  Hilfe seines damaligen Freundes Wilhelm Michels gelang es Schmidt , in dem Dorf Bargfeld im Landkreis Celle ein kleines bescheidenes Holzhaus zu erwerben, welches er für seine Bedürfnisse umbauen liess.

Ende des Jahres 1958  war das Haus schließlich bezugsfertig und das Ehepaar Schmidt lebte nun im Heidedorf Bargfeld bei Celle in selbstgewählter ruhiger Abgeschiedenheit, einer  Wohn- und Lebenssituation, welche den Wünschen des Schriftstellers durchaus entgegen kam – wie man aus den oben genannten Zitaten ersehen kann.

Die Bewohner des  kleinen Heidedorf Bargfeld ahnten naturgemäss nichts von der – zumindest in den aufgeklärten Leserkreisen herrschenden  – Prominenz des neuen Einwohners. Mißverstände waren programmiert und es gab sie durchaus, Ignoranz und komplettes Unverständnis eingeschlossen.

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Für die stetig wachsende Schar seiner erklärten Anhänger wurde Bargfeld dann auch bald ein zum “Sehnsuchtsort” verklärtes Reiseziel. An manchen Wochenenden war es dem geradezu kulthaften  verehrten Schriftsteller nicht mehr möglich, unbehelligt einen spontanen Spaziergang zu genießen. Da sich der Dichter konsequent der Öffentlichkeit entzog und auch in Bargfeld keine  Besucher empfing, sendeten seine Anhänger und Leser ihm nicht selten “Grußbotschaften”, die sie als Zettel  über den Zaun in den Schmidtschen Garten warfen, bevor sie Bargfeld enttäuscht verliessen. Arno Schmidt war dann manchmal Tage später damit beschäftigt, die feuchten Zettel zum Trocknen auf die Wäscheleine zu hängen..  obwohl er diese Zettel offiziell naturgemäss niemals gelesen hatte.

Arno Schmidt selbst fachte diesen Kult um seine Person auch dadurch an, daß er ein monumentales literarisches Großwerk mehr als einmal wortreich ankündigte, eben “Zettels Traum”

.Arno Schmidts Werke der 1950er Jahre sind sprachlich von einer für den Leser ungewöhnlichen Wortwahl geprägt. Formal kennzeichnet seine avantgardistische Sprachform  das Bemühen um gänzlich neue Prosaformen,  inhaltlich sind sie teilweise auch von einer klar formulierten Gegnerschaft gegen das restaurative Westdeutschland der Jahre unter Konrad Adenauer geprägt, als sowohl in Politik als auch Justiz der Bundesrepublik die im Nationalsozialismus sozialisierten alten “Eliten” des Dritten Reiches den Ton angaben  ( Globke ) und den Lauf der Dinge noch beeinflussen konnten.

Seine theoretischen Überlegungen zu Prosa und Sprache entwickelte Schmidt in den 1960er Jahren in Auseinandersetzung vor allem mit dem irischen Autor James Joyce und Sigmund Freuds Schriften  weiter.

In diesen Jahren  entstanden  die  “Ländlichen Erzählungen” im Band Kühe in Halbtrauer, sowie  “Kaff auch Mare Crisium”, der erste in Bargfeld geschriebene Roman.

Die Texte Arno Schmidts  gelten nicht immer zu Unrecht als schwierig. Schmidts  spezielle Orthographie und als Ausdrucksmittel eingesetzte Interpunktion, seine wortschöpferische Fantasie und Kompositionstechnik und schließlich sein an teils psychlogischen Erkenntnissen orientierter Stil (Gedanken , Tagträume und bildhafte, detaillierte Momentaufnahmen) sind manchen Lesern anfangs  gewöhnungsbedürftig.

Mehr aber auch nicht, denn – einmal abgesehen von  “Zettels Traum” – sind die Romane und Erzählungen des “Wortmetzes” Schmidt durchaus mit Genuß und Gewinn lesbar.  Für das Textverständnis ist es nicht unabdingbar notwendig , die zahlreichen im Text enhaltenen Zitate zu erkennen oder eingestreute  Anmerkungen zu enträtseln.

Diese Anstrengungen leistet zuverlässig das “Arno Schidt Dechiffrier Syndikat, Interessierte mögen den Bargfelder Boten abonnieren.

 

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Der Leser, der sich auf die Lektüre der Texte des “Solipsisten aus der Heide” einläßt wird immer belohnt, denn Schmidts Beobachtungsgabe und sein klarer und scharfer Verstand sind überzeugend , seine Sprachbilder sind voller überraschender Entdeckungen  und sein Humor teils sarkastisch und bizarr und – auch das kommt vor –   brüllend komisch.

Im Jahr 1970 erschien schliesslich  – dank der Großzügigkeit des Sponsors Jan Philipp Reemtsma- das lang angekündigte Hauptwerk “Zettels Traum” als Typoskript im Fischer Verlag.. Im Suhrkamp-Verlag ist es nun auch als normal gesetztes Buch erhältlich.

Kaff auch Mare Crisium – der erste in Bargfeld geschriebene Roman

Arno Schmidts in Bargfeld geschriebener und im Dezember 1960 veröffentlichter Roman “Kaff auch Mare Crisium” gilt vielen Lesern und Kritikern als Höhepunkt seines Werkes.

Für Helmut Heißenbüttel gehört der Roman in der deutschen Literatur »in den obersten Rang«. Alfred Andersch urteilt: »Ein großartiges, wildes, trauriges Buch«. (Suhrkamp)

Der Protagonist dieses Romans ist  Karl Richter, ein 46jähriger Lohnbuchhalter, der im Oktober 1959 mit seiner Isetta von Nordhorn nach Giffendorf  reist, um für zwei Tage zusammen mit seiner Freundin  Hertha Theunert, einer Designerin,  seine verwitwete Tante Heete in einem ›Kaff‹ in der Lüneburger Heide zu besuchen.

Als die selbstbewußte und eigensinnige  Landfrau, von Karl in seiner Jugend verehrt, den beiden anbietet, zu ihr zu ziehen und von ihrem Erbe zu leben, ist der Konflikt auch schon benannt.

Um die prüde  Hertha, Tante Heete nennt sie “ein verklemmtes Stück Fleisch”, für sich zu gewinnen, entwickelt Karl auf den langen Spaziergängen eine Geschichte, die in ferner Zukunft auf dem Mond spielt, ihre Motive jedoch aus dem sich anbahnenden Konflikt  um ihn und Hertha bezieht: Nach einer atomaren Katastrophe auf der Erde verlängern eine amerikanische und eine russische Mondkolonie den kalten Krieg.

Das ist die einfache Geschichte einer missglückten Liebe. Sie erzählt vom sogenannten deutschen Wirtschaftswunder der späten 50er Jahre, das an vielen kleinen Angestellten vorbeigeht, und von den erotischen Obsessionen eines  Alltags, vom Versuch des Lebens und Überlebens in einer als fremd und falsch empfundenen Welt. In ihrem Kern birgt sie ein Stück Utopie und letztlich auch einen Eskapismus,  die auf die Unmöglichkeit  eines  “Lebens” in den eiskalten Zeiten des kalten Krieges  gar nicht mehr anders reagieren können.

Es ist kein richtiges Leben  möglich  im falschen : ›KAFF‹ ist ein literarisches Prisma der westdeutschen fünfziger Jahre.

Arno Schmidt gelingt mit diesem  Roman  ein Meisterwerk voll abgründigem Sprachwitz, der sich den alltäglichem Leben und Ereignissen des Dorfes und  der ländlichen Umgebung ebenso scharfsinnig beobachtend zuwendet wie dem von Beziehungen, Erfahrungen und den herrschenden Verhältnissen  verschuldeten Elend einer mißglückenden Liebe.

 

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fotos: juergen muegge-luttermann