Literatur und Automobil

Francoise Sagan und ihr silberner Gran Tourismo
“Wir liegen in der Kurve wie Klebestreifen. / Unser Motor ist: / Ein denkendes Erz.”
Diese Zeilen stammen aus einem Gedicht, das Bertolt Brecht seinerzeit den Automobilen von Steyr widmete. Der österreichische Hersteller schenkte Brecht ein Auto. Bei einer Ausfahrt stellte sich ihm später leider ein Baum in den Weg. Der Dichter stieg mit wenigen Blessuren aus, und Steyr schenkte ihm ein neues Automobil.
In seinem Gedicht Die Zeit fährt Auto vermerkte Erich Kästner:
“Die Zeit fährt Auto. Doch kein Mensch kann lenken. / Das Leben fliegt wie ein Gehöft vorbei. / Minister sprechen oft vom Steuersenken. / Wer weiß, ob sie im Ernste daran denken? / Der Globus dreht sich und geht nicht entzwei.”
Humorvoller brachte Kästner in seiner Ballade Im Auto über Land den mobilen Wohlstand im Deutschland der Nachkriegszeit auf den Punkt:
“Und er steuert ohne Fehler / über Hügel und durch Täler. / Tante Paula wird es schlecht. / Doch die übrige Verwandtschaft / blickt begeistert in die Landschaft. / Und der Landschaft ist es recht.”
Der britische Nobelpreisträger Rudyard Kipling entschied sich für einen Rolls-Royce Silver Ghost .Thomas Mann schaffte sich einen Achtzylinder von Fiat an, später gab es eine Mercedes-Limousine . Und Françoise Sagan kaufte sich nach dem Sensationserfolg von Bonjour Tristesse einen gebrauchten Jaguar XK120 roadster.
Im Jahr 1955 erschien ein Skandal, der Roman Lolita von Vladimir Nabokov. Die ironisch erzählte Geschichte der Passion eines Mannes für eine Minderjährige wurde oft missverstanden und ist alles andere als ein Lob der Pädophilie. Humbert Humbert begibt sich auf einen Roadtrip mit Lolita, der dritte im Bunde ist eben dieser Humber Hawk, der im Roman Melmoth heißt – so wie in einem Roman des frühen 19. Jahrhunderts ein Geist, der zum Wandern verurteilt war. Nabokov besaß nach seiner Emigration in die USA einen Buick, in dessen Fond er stundenlang schreiben konnte.
( Literatur: Ulf Geyersbach “.und so habe ich mir denn ein Auto angeschafft”.)
Sechzig Jahre ist diese Diagnose alt, doch hat sie an Plausibilität nicht verloren: dass die auf unseren Straßen herumfahrenden Autos „das genaue Äquivalent der großen gotischen Kathedralen“ sind; ein „magisches Objekt“, von „unbekannten Künstlern“ erschaffen, das den Anschein erweckt, als sei es „vom Himmel gefallen“, „vollkommen“ und von der restlichen Welt „abgeschlossen“.
Schon in den fünfziger Jahren, als die Geisteswissenschaften sich noch fast ausschließlich mit Literatur, Theater, Oper und Malerei befassten, wandte Roland Barthes sich demjenigen zu, was man später Alltagskultur und noch später Pop nennen sollte.
Er schrieb über die „Mythen des Alltags“ (1957) und „Die Sprache der Mode“ (1967), er analysierte Pressefotografien und Reklameplakate und erläuterte, warum man Bilder, aber auch Gegenstände wie etwa ein Auto wie Texte lesen kann. Und lesen muss.
„Der neue Citroën“ heißt der Essay, in dem Roland Barthes dies 1955 aufschrieb.
Thomas Bernhards Autos
“Na ja, Vergänglichkeit ist auch etwas Schönes. Es gibt ja nichts Furchtbareres als ewig Bestehendes. Ich möchte auch gar nicht, daß alles, was mit mir zusammenhängt, überhaupt bestehen bleibt, hab‘ überhaupt kein Interesse dran, nur es könnte sein, daß es meinen Sachen widerfährt.“
(Thomas Bernhard (1931 – 1989)
In Wien, im Technischen Museum glänzte einmal eine teure Weihnachts-Ausstellung; ganz teuer und silbern und in anderen edlen Farben. Anders als bei den Weihnachtsklassikern geht Mann hier sehr gern auch ohne Familie hin. Die würde nur stören, beim Genießen der Luxusgeschöpfe in der Ausstellung: „Chromjuwelen – Autos mit Geschichte“.
Mittendrin steht, etwas weniger beachtet zwar, ein stinknormaler, biederer Mercedes; tannengrün bis in die Radkappen wie das in die Jahre gekommene Automobil des alten Oberförsters.
Dieses gepflegte Auto stammt von dem österreichischen Schriftsteller Thomas Bernhard – kein Chromjuwel im eigentlichen Sinne, die Provenienz aber ist hier entscheidender für das Objekt der Begierde
Wie hat diese Limousine mit Historie und Patina die Aufnahme in die Ausstellung geschafft? Vielleicht so: Viele dieser Auto-Geschichten sind spannend. Viele dieser Auto-Geschichten sind Schicksale und Keines dieser Automobile zeigt die jüngere österreichische Geschichte so, wie es der Mercedes von Thomas Bernhard kann.
Thomas Bernhard, der die österreichische Geschichte vollständig „auskosten“ musste und komplett “zurückgegeben” hat. Armut, Krankheit – schwere Kindheit, schwere Jugend – Erfahrungen mit Österreich. Er war in und für Österreich immer auch eine Art Realitätenvermittler.
„Die Vergangenheit des Habsburgerreichs prägt uns. Bei mir ist das vielleicht sichtbarer als bei den anderen. Es manifestiert sich in einer Art echter Haßliebe zu Österreich, sie ist letztlich der Schlüssel zu allem was ich schreibe.“
„Nur im Auto und auf der Fahrt bin ich glücklich, ich bin der unglücklichste Ankommende, den man sich vorstellen kann.“
Tannengrün und Mercedes passt:
„Wie sein Begriff der Normalität von den Idealen vergangener Epochen geprägt war, so war auch seine Vorstellung von Qualität durch und durch altmodisch.“ sagt Wieland Schmied, langjähriger Freund des in Ohlsdorf zurückgezogen lebenden vielbewunderten Autors.
Der weisse Triumph Herald Roadster, Baujahr 1964
Seinen ersten Literaturpreis investierte Thoma Bernhard in ein weisses Triumph Herald Cabriolet, welches er direkt in Wien aus dem Schaufenster kaufte worauf er bestanden hatte.
Im Jahr 1964 erhielt Thoma Bernhard zusammen mit zwei anderen Dichtern ein Drittel des mit fünfzehntausend Mark dotierten Julius-Campe-Preises, den der Velag Hoffmann und Campe in Hamburg in Erinnerung an den Verleger von Heinrich Heine gestiftet hatte.
Schon vorher hatte sich Thomas Bernhard genau überlegt, was er mit dem Preisgeld machen werde. Zurück in Wien marschierte er also schnurstracks zu dem Autohändler Heller, wo sein Objekt der Begierde, eben der weisse Triumph Herald Roadster, im Schaufenster stand.
” Der Wagen war weiss lackiert und mit rotem Leder gepolstert. Er hatte ein Armaturenbrett aus Holz mit schwarzen Knöpfen und er hatte genau den Preis von fünfunddreissigtausend Schilling, also fünftausend Mark angeschrieben. Es war das erste Auto, das ich auf meiner Erkundungstour nach einem Auto gesehen hatte, und es war auch schon jenes, welches ich kaufte…..Er war elegant, er war englisch, was schon beinahe eine Voraussetzung gewesen war und er hatte genau die Größe, die mir passte. Schliesslich betrat ich das Geschäft und ging auf den Wagen zu und ging ein paarmal um den Wagen herum und sagte, diesen Wagen werde ich kaufen.”
Es gelang dem verzweifelten Verkäufer nicht, Thomas Bernhard eine Lieferfrist oder ähnluches plausibel zu machen:
“Nein, sagte ich, nicht in den nächsten Tagen,gleich sagte ich,sofort….ich sagte, nur diesen Wagen kaufe ich, wie er hier steht.”
Endlich willigte der Verkäufer ein:
“Nun gut, Sie können den Wagen haben, diesen, ein schöner Wagen. Er sagte es mit einiger Traurigkeit in der Stimme, aber er hatte recht, der Wagen war schön”.
Thomas Bernhard fuhr mit seiner “Tante” damit nach Jugoslawien in den Urlaub, wo ein Jugoslawe ihm den Triumph Herald zu Schrott fuhr, da er die Vorfahrt missachtet hatte.
Die Versicherung aber zahlte alles anstandslos, sogar einen nagelneuen Anzug. Sein Anwalt hatte die jugoslawische Versicherungsgesellschaft diskret darauf hingewiesen, wer der Eigentümer des Triumph Cabriolets war .
Nachzulesen ist das alles in: Thomas Bernhard- Meine Preise S.50 ff.- Suhrkamp Verlag – ISBN 978-3-518-42055-3
Toujours Francoise !
“Nur weil das Leben nicht elegant ist, muss man sich dem nicht anpassen”.
Alles begann mit “Toujour Tristesse, und es begann an der Cote d`Azur, wo sonst ? Strand und Meer erkundete sie gemeinsam mit Brigitte Bardot stets barfuß. Und barfuß pflegte sie auch ihre schnellen Sportwagen zu fahren. Die Monate nach ihrem haarsträubenden Unfall auf einer glatten Landstraße nach einem Lunch mit Melina Marcouri und Freunden verbrachte sie mit starken Schmerzmitteln und teilweise unter Drogen in einer Privatklinik, aus der sie sich später selbst entliess um den starken Medikamenten zu entkommen.
“Der Chefarzt hat mein Leben gerettet”, sagte sie danach ” weil er mich nicht operiert hat !” In der Tat waren ihre multiplen inneren Verletzungen und ..diversen Brüche zu stark für einen erfolgversprechenden Eingriff. Der Unfall mit ihrem geliebten Aston Martin DB2 roadster geschah bei über hundert Stundenkilometern, Melina Mercouri wurde dabei hinausgeschleudert und blieb unverletzt.
Francoises Passion für schnelle Automobile blieb von diesem Drama unberührt, sie bewegte sich bevorzugt in Ferraris oder Maseratis und überlebte es.
“Glauben sie mir, Liebeskummer erträgt sich in einem Rolls Royce viel besser als in einemOmnibus“,
versicherte sie in einem Interview. Man möchte es ihr gern glauben…

Der Hudson von Jack Kerouac
Charles Bukowsky tankt Stoff

Albert Camus starb in diesem Facel Vega, am Steuer saß der Verleger

Auf dem Gipfel ihrer Karriere gönnte sich Francoise Sagan diesen Ferrari 250 GTE Spyder von Scaglietti, heute ein rares, unerschwingliches Sammlerstück

Tomas Bernhard verhandelte oft und hart mit seinem Verleger Siegried Unseld. Meistens ging es um viel Geld, meistens für Häuser. Bei der Wahl seiner Automobile war er . mit Ausnahme seines ersten Cabriolets, eher rational und pragmatisch.















