Kommunikationsstörungen

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In Indonesien krank zu werden ist ungesund. Die Qualität der ärztlichen Versorgung nimmt beständig zu, aber die Kommunikations-Störungen belasten den Patienten erheblich. Selbst wenn ich die Sprache perfekt beherrschen würde, gäbe es diese unendlichen Brüche in der Verständigung. Die Wilden mißverstehen sich auch untereinander, wie mir immer wieder auffällt. Sich klar auszudrücken und Gedanken rational zu strukturieren, ist eine Qualität, die man in D schon im Gymnasium lernt.
Daß Labor und Punktion meiner immer stärker schwellenden Lymphdrüse EIN Termin sind, wird mir erst am 3. Tag im zentralen kranken Haus klar, als ein Arzt mich auf diese, momentan falsche Anzapfung vorbereiten will. Hat meine angeheiratete Dolmetscherin das nicht richtig verstanden? Ich überhaupt nichts, jedoch die Initiative ergriffen: Ich will den offensichtlich Ärger verursachenden Weisheitszahn entfernen lassen, weil ich inzwischen sicher bin, daß er die Schwellung ausgelöst hat. In Google habe ich die Frage eingegeben: Wirken Antibiotika gegen Zahnschmerzen? Die Antwort ist ein klares „Nein, nur gegen bakterielle Infektionen“. Das hätte sie mir doch gleich gesagt, erklärt mir meine angeheiratete Krankenschwester, und ich hätte auch den auf Tumor-Operation fixierten HNO-Arzt, hier Spesialis THT, falsch verstanden.
Ich bin schon etwas tüddelich, weiß manchmal nicht, wo in meinem Dschungel ich vor 5min mein Haumesser abgelegt habe, die Eieruhr überprüfe ich nach 1min, ob sie überhaupt eingestellt ist, den Einkaufszettel vergesse ich mitzunehmen. Kritisch wird es, wenn ich nicht mehr weiß, ob ich meine Tabletten genommen habe. Aber inhaltliche Zusammenhänge machen mir nach wie vor keine altersbedingten Schwierigkeiten. Wenn ich zum Bleistift darauf warte, daß der neue Pächter meiner Reisterrassen einen Bewässerungs-Kanal öffnet, dessen Wasser ich vorher abgeleitet habe, damit ein Damm nicht wieder bricht, solange das Wasser nicht benötigt wurde, und dann ist er plötzlich auf, weiß ich, daß da etwas gelaufen ist, über das meine Ex mich nicht informiert hat. Habe sie DOCH, erwidert sie. Schlimmer noch, wenn sie mir vorhält, was ich vor 30 Jahren gesagt oder getan habe, und ich weiß, daß es absolut meinen damaligen Intentionen widersprach. Sie hat es also falsch verstanden, aber 30 Jahre mit sich rumgetragen. Doch soll es schon mal vorgekommen sein, daß auch Ehepartner mit gleicher Sprache und gleichem kulturellen Hintergrund feststellten, wie ihre Ehe langweilig wurde, aber neue Partner erfrischend wirkten.
Ich verweigere die Punktion, kann aber in diesem „One Stop Health Care Services“ kranken Haus nicht zum Zahnarzt, weil meine Versicherung nur 1 Konsultation pro Woche zuläßt. Man darf sich also nicht das Bein brechen und gleichzeitig einen Nerven-Zusammbruch haben, weil das 2 Konsultationen sind. Also fahre ich noch am gleichen Tag zu meinem privaten Zahnarzt, der unbedingt ein Panorama-Röntgen-Foto in einer benachbarten Klinik machen lassen will, mit der er anscheinend in Symbiose lebt. Dieses Laboratorium Medis ist innen wie ein pompöses Edel-Bordell gestaltet. Luxuriöser, neoklassizistischer Deko-Wahn. Es fehlen nur noch die Nutten auf den roten, halberotischen Sofas, wie Toulouse-Lautrec sie gezeichnet hat. Der Innenarchitekt muß schwul oder irre oder beides gewesen sein – sofern es sich nicht überhaupt nur um eine Geldwäsche-Anlage handelt, denn ich bin der einzige Kunde. An der Rezeption fotografiert man mich und druckt aus, daß ich 77 Jahre, 11 Monate und 11 Tage alt bin. Diese Art der Genauigkeit erlebt man überall, verschleiert aber nicht die allgemeine Schlamperei und Unfähigkeit. Ein sonderbares Gerät schnappt sich meinen Kopf, schwingt im Stehen um mein Gebiß herum und liefert ein Foto, das alle Zähne exakt zeigt – nur der, um den es geht, ist hinter einem Fleischgewusel völlig unsichtbar. Vermutlich die Schwellung. Kosten: 12EUR. Ratlosigkeit bei meinem Zahnarzt. Ich verlange die Extraktion. Er verlangt 0,0048EUR für Konsultation und einmal Rumwühlen in meinem offenen Kiefer, verschreibt mir Antibiotika für 4,55EUR, und die Operation in 3 Tagen soll 97EUR kosten.

Helfen und töten

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Schon nachdem ich zum ersten Mal die Sehne aufsetzte, erwies sich mein angeblich koreanischer Bogen aus indonesischer Produktion als absurdes Gerät: Beim ersten Spannen drehte sich eine der Fiberglas-Spitzen und löste die Sehne. Beim Schießen flog sie mir dann solange um die Ohren, bis ich sie an den Enden mit Silberdraht fixierte. Dann verformte sich der Bogen nach und nach zu asymetrischen Krümmungen. Inzwischen völlig verdreht, schießt aber noch. Während meine Karbon-Pfeile recht genau fliegen, jedoch immer schräg nach rechts einschlagen, bewegen sich meine neuen Bambus-Jagdpfeile konsequent geradeaus, dringen jedoch mit ihren scharfen Mörderspitzen aus 10m Entfernung mit einer gleichmäßigen Abweichung von etwa 50cm nach links tief ein. Wahrscheinlich zu leicht.
Das wollte ich an einem mir schon bekannten Rind ausprobieren, das sich wieder an einer Stelle befand, wo ich mindesten schon einmal sein Seil gekappt hatte. Dazu mußte ich an einem meiner Teiche vorbei, an dem mittelgroße Reiher nisten. Einer flog weg, ein anderer flatterte am Rand und blieb sitzen. Da stimmte was nicht! Ich ging hin und fand einen hübschen, erschöpften Reiher mit blaugrauem Rücken in eine Angelschnur und Schlingpflanzen verheddert. Er wehrte sich gar nicht, während ich ihn aus dem Wasser hob und befreite. Als ich noch seine starken, gelben Beine untersuchte, hüpfte er ein Stück und flog dann auf. Ich mag keine Angler, auch keine Jäger. Die übelsten sind die Vogelfänger. Wie alle buddhistischen Clowns lasse ich lieber töten.
Danach schlich ich mich an den jungen Bullen bis auf etwa 4m an, der mit dem Rücken zu mir auf meinen wieder bewässerten Reisterrassen ruhte. Als er aufstand, schoß ich ihm meinen Pfeil in Richtung Herz. Mit präziser Abweichung blieb der stattdessen in seinem Vorderbein stecken. Da befindet sich die komplette Spitze immer noch, während der Schaft brach und abfiel, als der Bulle davonrannte. Schon besser als beim letzten Mal, als der Karbonpfeil, dessen Spitze schon auf Hundehaut Schwierigkeiten hat, wie auf Gummi abprallte und über meinen Kopf hinter mich flog. Aber es reicht immer noch nicht. Vielleicht sollte ich mir zu Weihnachten eine Handgranate wünschen.

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In den Fängen des zentralen kranken Hauses

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Lange war das neue superkranke Haus vor Manado nur ein Beton-Gerippe mit auffälliger Einfallslosigkeit. Nun sieht man die auch innen: Unakzentuierte Anordnung großer, undekorierter Räume, manche mit einem eigenartigen Durcheinander an Sitzgelegenheiten, auf denen man Patienten in allen möglichen Positionen findet. Schwalben fliegen ein und aus. Eins haben sie alle: ungedämmte Akustik, die Lautsprecher-Ansagen im typischen Lärm der Wilden untergehen läßt.
Als erstes fallen mir 2 Angestellte auf, die eine Pfütze beseitigen. Es tropft von der Decke, Toiletten zeigen die landesübliche Schweinerei.

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Als ich begreife, daß ich zwar erst ab 9a.m. aufgerufen werde, mir aber doch vorher eine Nummer hätte holen können, sind schon 146 Patienten vor mir. Das dauert. Und jede Abteilung hat ihr bürokratisches Eigenleben mit neuer Warteliste. Sonderbarerweise werde ich dabei nicht einmal nach Größe und Gewicht gefragt. Auch nicht nach Religion. Nicht mal mein Blutdruck wird gemessen, was sonst ein Hobby der Schwestern ist, aber wenigstens nach meinem Bildungsstand (S Dua).
Der junge HNO-Arzt irrt, wenn er meint, meine Schwellung am Hals hätte auf den massiven Antibiotika-Stoß genauso positiv reagieren müssen, wie meine Nase. Wenn die Lymphdrüse schwillt, weil sie auf nicht bakteriell verursachte Signale eines Weisheitszahns reagiert, der sich schwarz nach oben schiebt, wirken Antibiotika nicht. Muß ich das selbst herausfinden?
Nicht mitzudenken ist in Indonesien lebensgefährlich. Dann vergißt der Arzt, mir ein bestimmtes Formular mitzugeben, und ich gerate in die Papier-Mühle. Ein Hin und Her beginnt zwischen den Stationen, und als auch das nach Erkundungs-Märschen auf verschiedenen Ebenen und in langen Korridoren und nach 4Std. Warten erledigt ist, fehlt der Arzt, der mir eine eigentlich überflüssige Gewebeprobe entnehmen soll. Die Ärzte wandern nämlich von einem kranken Haus zum nächsten, sind dabei jedoch nicht barfuß. Das bedeutet einen weiteren Tag für Laboruntersuchung, einen zusätzlichen für diesen Arzt und einen 4. Tag für die Auswertung, obwohl sich alle Abteilungen im selben Gebäude befinden. Und etwa 14 Tage später wird vielleicht das Ergebnis lauten: Der Zahn muß raus! Aber meine Nase bleibt dran!
Am 2. Tag erfahre ich, daß erst USG gemacht wird, und am 3. dann Labor. Und so lande ich in der Warteschlange wieder ganz hinten. Ohne meine angeheiratete Dolmetscherin hätte ich schon längst aufgegeben und würde still in meinem Dschungel vor mich hinsterben.
Tja, so isses!

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