1971 in meiner Einzelzelle in einem Studentenheim in Braunschweig. Ursprünglich als Bordell geplant. Da direkt gegenüber einer gotischen, katholischen Kirche, wurde nichts daraus. Abends nach bestandenem 1. Staatsexamen an der Kunsthochschule. Aller Streß fiel von mir ab, und ich schluckte LSD. Kein Geld, keine Freundin. Die vorletzte hatte erhebliche psychische Schwierigkeiten, die letzte wurde verrückt, als ich mich von ihr trennte und verfolgte mich noch jahrelang. Zwar kamen meine Buntstift-Zeichnungen gut an, aber vom Verkauf konnte ich nicht leben. Auf keinen Fall wollte ich Lehrer werden. Also ohne Perspektive. Statt Erleichterung über das Ende des weitgehend als sinnlos empfundenen Studiums, Sturz ins Leere.
Ich beschloß, zum Bahnhof zu gehen und mich auf die Gleise zu stellen. Vor dem Bahnhof befand sich eine weite, leere Strecke. Auf halbem Weg kehrte ich um. Dann fuhr ein Polizeiwagen langsam an mir vorbei, und ein Beamter beobachtete mich. Ich fragte mich, ob an mir irgend etwas verdächtig war, außer, daß sich an dieser Stelle spät nachts normalerweise niemand aufhielt. Konnte man aus meinem weit ausschreitenden, stark wippenden Gang und meinem Hippie-Stil irgendwelche Schlußfolgerungen ziehen? Der Wagen fuhr weiter.
Wieder in meiner Zelle begann ich mit meinem Brotmesser an meiner Schulter rumzusäbeln. Das kam mir so sonderbar vor, daß ich damit aufhörte. Kurz darauf war ich wieder am Säbeln. Dann nahm ich meinen Wecker, zerschlug mit dem Messerstil dessen Glasscheibe und goß Honig hinein. Der paßte in seiner zäh fließenden Langsamkeit gut zu LSD. Erinnerte an die weichen Uhren Dalis. Danach suchte ich in meinem orangen Transistor-Radio von „Grundig“ – das erste, was ich besaß – Radio Luxembourg. Während ich dabei auf meinem Bett kniete, probierte ich mit der Teleskop-Antenne in dem an- und abschwellenden Rauschen einigermaßen Empfang zu bekommen. Zufällig packte mich Ginger Baker mit „Early in the Morning“. Mit einer Hand hielt ich die Antenne auf dem „String“-Regal über mir und hoffte, daß er nicht aufhören würde. Sein langsam schwingender Rhythmus mit elektrischer Geige und Flöte brachten meinen Lebenswillen wieder in Gang.
Am Vormittag sah eine sehr nette Pädagogik-Studentin meinen Wecker und war davon so fasziniert, daß wir beschlossen, aus unseren 2 Einzelzellen, ein gemeinsames Schlaf- und ein Wohnzimmer zu machen – was dem verklemmten Studenten ordentlicher Fakultät mißfiel, der das Heim verwaltete.
Und so ging mein Leben wieder ein Stück weiter.
Aber es war immer noch zu früh.
Erotische Geheimschulung
Ich bin mir sicher, daß mir allein schon dieser idiotische Titel einige Zugriffe bringen wird, denn es handelt sich offensichtlich um ein zeitloses Thema Unerfüllter. So wie der, mit treuem Hundeblick YouTube-Videos unterbrechende, schwachköpfige professionelle Lebensberater: „Wenn sie dir nicht schreibt …“.
Für nur 3Mark50 konnte man sich einst mit diesem, in Kenichsberrch gedruckten und in Leibzich von den Gebrüdern Fändrich verkauften Werk weiterbilden. Margit Khelen belehrte darin auf 191 Seiten über die „Reste des Vollweibzaubers im modernen Leben und die lunaren Funken des Mysteriums“.
Um ein erfolgreiches Vollweib zu werden, sollte es u.a. vor dem Spiegel mit rhythmischer Gymnastik seinen Gang üben, seine Gebärden überprüfen, dabei aber sich zeigen, wie es ist. Helfen tut eine Einlage an der Seite des Schuhes, „da die Ostpreußen besonders an eingeknickten Knöcheln leiden …Überhaupt sollte eine Frau es besser verstehen, mit verdeckten Karten zu spielen, natürlich nur, soweit es der Mann nicht merkt … Die künstliche Büste läßt sich auch durch geschickte Innenarbeit herstellen … Die Frau ist verlogen, schauspielernd, berechnend, mit subalterner Pfiffigkeit nur zu oft den Geist des Mannes beugend … Sie ist mehr oder weniger fertig von Geburt an. Sie lernt nichts zu … Ihr fehlt bekanntlich die Logik und das Werden durch Wissen, das dem Manne eigen ist … Sie schöpft aus ihrem Instinkte, den sie sich nicht durch Wissenschafteln trüben lassen darf. Sie ist die eigentliche Erzieherin des Mannes“, der „erst nach dem 30. Jahre heiraten“ sollte. „Mit ihren angeborenen diplomatischen Fähigkeiten“ muß sie ihn leiten. „Jeder Mann ist eitel.“
„Nicht selbst darf sie im Rausch höchste Lust genießen“, sondern die Blößen seiner besonderen Weichheit zu göttlicher Liebe wenden. „So gewinnt sie allmählich die Alleinherrschaft über ihn.“ Der Mensch ist dazu da, „die niederen Triebe umzuschalten in gemeinwertige Eigenschaffungen … Der Mann braucht Sturm- und Drangjahre, die soll er ungehemmt austoben; aber er sucht als Letztes die liebende Hand, von der er sich leiten läßt … Der Mann ist nicht schlecht … Nur der Glaube fehlt ihm, der Glaube einer Frau an ihn, von der er geliebt wird … Der Mann ist zur Arbeit geboren, die Frau zur Gestaltung, zur Schöpferin … Eine Frau hat nicht nötig zu arbeiten, wohl muß sie studieren an der großen Feldherrnkunst der siegenden Diplomatin, aber Arbeit erniedrigt sie – wenn dieselbe ihr den Mann versagt, – das steht unumstößlich fest … Zu uralten Zeiten, da wußte jedermann die lunare Gewalt der Frau zu würdigen … Die Geschlechter sind in Wahrheit völlig verschieden, während der Mann den Geist verkörpert, gehört der Frau die Seele. Erst die völlige Vereinigung beider ist die Erlösung … Warum gehen so viele Ehen auseinander? … Was ist denn der leidenschaftliche Krieg zwischen Mann und Frau, der Haß der beiden Geschlechter anderes, als ein verzweifeltes Suchen nach dem Glück … Unglaubliche Kräfte kann die Frau in sich erwecken … Wenden wir uns der weißen Magie zu … Das Unbewußte versagt nie.“ Deshalb „murmele sie ihren Lieblingswunsch mindestens 20 bis 25 Male leise und akzentlos im Halbschlaf vor sich hin … Bei gewissenhafter, längerer Übung stählt sich das Unterbewußtsein immer mehr, so daß die Frau zur Zauberin wird, die nur einen Wunsch zu denken braucht, und die Mittel in ihr zur Erfüllung desselben sind ihr gegeben.“ Auch Heilung läßt sich erzielen: „Bekanntlich beeinflussen die Gedanken ihre Aufnahmestation, das Gehirn … Es sendet also besonders beauftragte Blutkörperchen nach eben der kranken Stelle, die allmählich heilen. (Das Blut wird bekanntlich im Gehirn gebildet.)“ So werden durch das Unterbewußtsein „stets mit verblüffender Sicherheit Geschwülste zum Schrumpfen, Entzündungen zur Heilung, krankhafte Veränderungen in die alte Lage gebracht“. Schon Kleopatra wußte, wie „die feinen Ausströmungen eines solchen Gedankens von dem Unbewußten der Andern aufgenommen wurden. Ganz, ohne daß er es weiß, wird er zum Medium … Die Männer sind schließlich ebenso zu erlernen, wie ein Schachspiel … Die Frau ist und bleibt Intrigantin ihr Leben lang, doch soll sie sich dessen gar nicht schämen, denn der Mann braucht die Täuschung … Eine Frau ohne Religion kann dem Mann keine Stütze sein … Sie kann nichts beweisen, aber sie fühlt sich hingezogen zu dem, das erlösen wird … Der Mann ist polygam veranlagt … Und die Frau ist die Botin aus dem Jenseits“. Zur Gattin gewählt, „muß sie rein bleiben auch in der Ehe … Sie ist die berufene Führerin des Mannes zum Licht … Ein Leben ist lang, und die Ehe leicht der Tod aller Liebe; nur strengste Selbstzucht und Opferfähigkeit hilft mit Aufwindung aller Seelenhöhenkraft zum Ziel … Wir Frauen aber wollen mit offenen Augen durchs Leben gehen mit der Erlösung unserer Liebe im Herzen und dem alten, treuen Glauben des deutschen Edelweibes.“
Jawoll!
Unbekannter Held
Wer Ende der 60er erlebt hat, wie man diskriminiert, gedemütigt oder sogar körperlich mißhandelt wurde, nur weil man lange Haare trug und/oder staatlich nicht akzeptierte Drogen konsumierte, dem wurde bewußt, daß er von geistig Manipulierten umgeben war, mit denen man offensichtlich alles machen konnte, und die schon optisch gleichgeschaltet auftraten. Ob Kommunist oder Kapitalist, immer ging es um die totale Vernichtung des Selbstdenkenden, und wer da optisch nicht mitmachte, war innerer Feind. Ich begann jeden, der die Hand zum Segnen oder militärischen Gruß erhob, als Betrüger anzusehen. Die Übergriffe dieser Gehirnkranken verblüfften mich immer wieder so sehr, daß ich in dem Moment nie auf die Idee kam, zum Bleistift, jenem Abteilungsleiter im Finanzamt Hannover, der mir von hinten über’s lange Haar strich und dabei bemerkte, wie niedlich die jungen Männer heutzutage aussähen, spontan an den lächerlichen Schlips zu greifen. Außerdem wollten wir Hippies ja friedfertig sein. Ganz anders als James Scott Mitchell, der in Vietnam verheizt wurde. Wie ich, trug er Ketten um den Hals aus irgendwas Gesammeltem. Das gefiel bei einer Inspektion dem größten Idioten des ganzen Krieges, General Westmoreland nicht. Er packte Mitchell am Kragen und machte die demütigende Bemerkung, daß die jungen Männer heutzutage wie Frauen aussähen. Daraufhin haute Mitchell ihm in die Fresse und wurde unehrenhaft entlassen. Natürlich erfuhr damals niemand von dieser wunderbaren Reaktion, und deshalb sollte man Mitchell für dessen zivilisatorisch bedeutende Tat ein Denkmal errichten.


