Takeaways:

  • Wikipedia kann im persönlichen Leben mehr sein als ein Hobby: Für Nicola wurde das Schreiben von Artikeln in einer schwierigen Lebensphase zum sinnstiftenden Anker.
  • Leidenschaft für ein Nischenthema kann eine ganze Enzyklopädie bereichern: Nicola hat den Bereich Bahnradsport in der Wikipedia nahezu im Alleingang aufgebaut – mit Artikeln, Fotos und Portraits.
  • Das Lokal K in Köln zeigt, wie lokale Räume Community schaffen: Gemeinsames Kochen, Quatschen und Arbeiten an Wikipedia-Artikeln verbinden Menschen über die digitale Welt hinaus.
  • Wikipedia ist auch ein Ort des Gedenkens: Nicola nutzt die Plattform gezielt, um wenig bekannte Verbrechen der NS-Zeit sichtbar zu machen und Erinnerung zu bewahren.
  • Artikel lassen sich verbessern – und das hat Wirkung: Der Artikel zur Keupstraße wurde von der Kölner Community grundlegend überarbeitet und ist heute dreimal so lang wie zuvor.

Nicola, wie bist Du Wikipedianerin geworden?

Ich bin von Beruf Journalistin, habe Geschichte studiert und schreibe für mein Leben gern. Meine Arbeit in der Wikipedia hat um das Jahr 2008 herum so richtig angefangen. Damals ging es mir nicht gut, ich hatte Schlafstörungen. Nachts Wikipedia-Artikel zu schreiben, hat mich gerettet. Im Ernst: Ohne die Wikipedia wäre ich vielleicht Alkoholikerin oder tablettenabhängig geworden.

Nicola beim Fotografieren
Nicola fotografiert für die Wikipedia

Worüber hast Du damals geschrieben?

Über Bahnradsport, mein Herzensthema. In dieser Zeit habe ich dazu quasi den kompletten Themenbereich in der Wikipedia aufbereitet. Bis dato gab es nur eine Liste, wann und wo welche Weltmeisterschaft stattgefunden hat. Ich habe aus jeder einzelnen Weltmeisterschaft einen eigenen Artikel gemacht. Danach widmete ich mich den „roten“ Radsportlerinnen und Radsportlern – also Menschen, die noch keinen Eintrag in der Wikipedia hatten. So hat sich das entwickelt. Irgendwann landete ich bei aktuellen Radsportlern und stellte fest: Es gibt überhaupt keine Fotos von denen. Seitdem fahre ich zu Meisterschaften und mache Portraitfotos für die biografischen Artikel. Bahnradfotos in Action sind natürlich auch toll, aber man möchte doch wissen, wie die Leute ohne Helm und Brille aussehen.

Wie hat Dir das Schreiben in der Wikipedia durch die Krise geholfen?

Ich schrieb Artikel, bis ich vor Erschöpfung vom Stuhl gefallen bin – aber mit dem Gefühl: Ich tue etwas Sinnvolles.

Ich bekam auch gutes Feedback. Wenn es einem schlecht geht, dann hilft es eben, dass man trotzdem etwas zur Gemeinschaft beitragen kann. Mittlerweile beschäftige ich mich zwar immer noch mit Bahnradsport, aber ich schreibe auch noch über viele andere Themen. Über Historisches, oder auch über den Nahttrenner, ein Schneiderwerkzeug. An solchen Alltagsgegenständen habe ich großen Spaß. Ich bin Rentnerin und viel zu Hause, ich suche eigentlich immer nach Themen für die Wikipedia. Wenn ich zum Beispiel im Fernsehen einen Beitrag über eine interessante Person sehe, schaue ich gleich nach: Hat die oder der schon einen Artikel?

Was bedeutet es für Dich, als Wikipedianerin Teil einer Community zu sein?

Seitdem wir in Köln das Lokal K haben, ist das für mich der Anlaufpunkt für den Austausch mit anderen. Ich war zwar an der Gründung nicht beteiligt, aber ich gehöre jetzt schon lange zur Kölner Community. Die hat ja sogar den Ehrenamtspreis der Stadt Köln bekommen. Das ist übrigens meine Schuld, weil ich sie dafür vorgeschlagen habe – ohne jemandem ein Wort davon zu verraten (lacht). Als der Preis wirklich an das Lokal K ging, war das eine schöne Überraschung. Auch für mich, ehrlich gesagt, ich hätte nicht gedacht, dass es wirklich klappt.

Was macht ihr im Lokal K?

Wir quatschen, kochen und essen. Nach dem Essen kommen dann meist die Wikipedia-Themen auf. Einer sagt: Ich habe da mal eine Frage, könnt ihr mir helfen? Und schon sind wir mittendrin in der Diskussion.

Es gibt ja heute immer weniger Gemeinschaften, deswegen mag ich dieses Community-Gefühl, das wir als Wikipedianer haben. Die Post bei mir in Köln-Nippes ist inzwischen geschlossen, womöglich macht auch die Apotheke bald dicht. Die Orte verschwinden, wo man überhaupt noch mit Leuten ins Gespräch kommen kann. Mit solchen Kleinigkeiten fängt es an, dass eine Solidargemeinschaft auseinander bröckelt.

Wie bist Du für Dein Fachgebiet, den Bahnradsport, entflammt?

Ich habe ein Buch über den Kölner Bahnradsportler Albert Richter geschrieben, der von der Gestapo ermordet wurde – als einer von zwei deutschen Sportlern, die während der NS-Zeit aus politischen Gründen getötet wurden. Bis zu dieser Beschäftigung hatte ich null Ahnung vom Bahnradsport. Das war Anfang der 90er Jahre. Wenn es ein Boxer gewesen wäre, würde ich heute vielleicht über Boxsport schreiben! Aber so fing ich eben an, mich mit dem Bahnradsport und seiner Geschichte zu beschäftigen.

Du sagtest, Du hast auch Geschichte studiert…

Ich habe zum Beispiel auch einen großen Überblicksartikel über die Geschichte der Niederlande im Zweiten Weltkrieg geschrieben. Im vergangenen Sommer war ich in Apeldoorn, wo es eine wunderbare Radrennbahn gibt. Wie ich erfuhr, befand sich auf dem Gelände direkt gegenüber früher ein jüdisches psychiatrisches Krankenhaus. Die Nazis haben aus diesem Krankenhaus vom Bahnhof Apeldoorn aus 1200 Menschen direkt nach Auschwitz deportiert. Das hat mich schwer erschüttert. Ich hatte die Radrennbahn vorher schon ein, zwei Mal besucht, aber das wusste ich nicht.

Du setzt Dich auch mit Rechtsextremismus heute auseinander. Als Kölner Wikipedianer*innen habt ihr in diesem Jahr gemeinsam eine Ausstellung über die Keupstraße besucht – was war der Impuls?

Die Keupstraße ist eine türkisch geprägte Geschäftsstraße in Köln, mein Sohn wohnt dort um die Ecke, ich gehe da gerne hin. Der NSU hat dort 2004 einen schrecklichen Anschlag mit einer Nagelbombe verübt. Der ursprüngliche Wikipedia-Artikel stellte die Keupstraße allerdings sehr problematisch dar, unter anderem hieß es, sie sei ein Brennpunkt für Kriminalität. Als wir im Lokal K saßen, sagte ich zu Superbass: den müssen wir dringend aktualisieren. Superbass hat sich der Sache angenommen, inzwischen ist der Artikel dreimal so lang. In diesem Zuge wurden wir auch darauf aufmerksam, dass es in Köln eine Ausstellung über das Attentat gibt. Von der ehrenamtlichen Initiative, die sie organisiert hat, bekamen wir als Wikipedianer eine Führung.

Was hat Dich an der Ausstellung beeindruckt?

Nägel
Nägel in der Ausstellung über die Keupstraße

Wie groß die Nägel in der Bombe waren. Das war erschreckend. Man kann solche Nägel dort aus einer Kiste herausnehmen und sehen, wie groß und schwer die sind. Außerdem gibt es ein Video, auf dem die Attentäter zu sehen sind – wie sie kurz vor dem Attentat das Rad, auf dem sich die Bombe befand, genau an dem Gebäude vorbeischieben, in dem jetzt die Ausstellung stattfindet. Das Bild hat sich mir eingebrannt.

Womit beschäftigst Du Dich aktuell?

Ich arbeite gerade an einem Artikel über ein Massaker in einem Zwangsarbeiterlager hier in Köln im Mai 1945, kurz vor Kriegsende, das bis vor ein paar Jahren noch relativ unbekannt war. Anlässlich einer Gedenkstunde erschien ein Artikel im Kölner Stadtanzeiger, der mich darauf aufmerksam gemacht hat.

Warum ist es wichtig, diese Erinnerung wach zu halten und sie in der Wikipedia allen zugänglich zu machen?

Ich stamme aus einer zutiefst sozialdemokratischen, zum Teil kommunistischen Familie. Mein Großvater hat Flugblätter im Widerstand verteilt und sich geweigert, die Hakenkreuz-Fahne rauszuhängen. Dafür bin ich äußerst dankbar. Ich bin auch von meinen Eltern in dem Bewusstsein erzogen worden, dass wir Erinnerungen weitergeben müssen, damit Geschichte sich nicht wiederholt.

Was würdest Du jemandem raten, der in der Wikipedia mitmachen möchte?

Erstmal sollte die- oder derjenige eine Leidenschaft mitbringen – für ein bestimmtes Thema oder fürs Schreiben an sich. Und die Leidenschaft dafür, sein Wissen zu teilen. Das sind die besten Voraussetzungen. Man darf auch nicht erwarten, dass man sofort von allen Beifall bekommt oder gelobt wird. Das musste ich auch erst lernen. Wichtig ist, dass man von seiner eigenen Arbeit überzeugt ist: Ich finde meinen Artikel gut, egal, was andere sagen.

Auf welchen Artikel von Dir bist Du besonders stolz?

Auf den Artikel über die Rivalität zwischen Köln und Düsseldorf. Alle haben mir gesagt: Darüber kann man keinen Artikel schreiben. Ich dachte nur: Euch zeig ich’s! Mit der tätigen Unterstützung eines Düsseldorfers habe ich diesen Text geschrieben. Hinterher hieß es: Oh, wie schön!

Gesichter der Wikipedia

Jetzt selbst Teil der Wikipedia-Community werden

Wer Lust hat, eigenes Wissen einzubringen oder die Wikipedia zu verbessern, kann auf verschiedenen Wegen einsteigen.

Schau in einem der sechs lokalen Community-Räume vorbei und lerne Wikipedianer*innen kennen z. B. im Lokal K in Köln.

Sprechstunden vor Ort: In vielen Städten gibt es regelmäßige Treffen für Interessierte.

Sie sind eher der Selbstlern-Typ? Lerne Wikipedia: In drei Schritten oder abonniere den Wiki-Wegweiser

Der Einstieg für alle, die zum ersten Mal mitmachen möchten.

Online-Einführungskurs „Wikipedia kannst du auch!”: Ein kostenloser Kurs von Wikimedia Deutschland für Neueinsteiger*innen.

Erfahrene Wikipedianer*innen begleiten neue Autorinnen bei ihren ersten Schritten.

Zweimal pro Woche stehen ehrenamtliche Wikipedianer*innen für Fragen am Telefon bereit.

Bilder hochladen: Wer fotografiert, kann seine Bilder frei lizenziert der Community zur Verfügung stellen.

Wer heute Musik veröffentlicht, landet fast automatisch auf Plattformen wie Spotify oder SoundCloud. Das ist bequem – schließlich befindet sich dort das Publikum. Doch es hat auch seine Schattenseiten: Die tatsächliche Sichtbarkeit von Inhalten ist unberechenbar, Einnahmen sind schwer nachzuvollziehen, und die Spielregeln der Plattformen können sich über Nacht ändern. Die Frage ist also: Welche freien Musikplattformen gibt es jenseits des Mainstreams – und wie praktikabel sind sie für unabhängige Musiker*innen?

Um das herauszufinden, haben wir mit Danny Benjafield gesprochen, Software Community Communications Manager bei Wikimedia Deutschland.

Takeaways

  • Freie Musikplattformen geben Musiker*innen mehr Kontrolle über ihre Arbeit, insbesondere in Bezug auf Distribution, Lizenzen und Datenhoheit.
  • Statt algorithmisch gesteuerter Reichweite basiert die Entdeckung oft auf Communitys – langsamer, aber potenziell stabiler und bedeutungsvoller.
  • Monetarisierung verschwindet nicht, verschiebt sich jedoch nach außen: Musiker*innen setzen stärker auf direkte Unterstützungsmodelle wie Spenden, Abonnements oder Merchandise-Verkäufe.
  • Viele freie Plattformen legen besonderen Wert auf Transparenz und Offenheit und bieten Alternativen zu geschlossenen, proprietären Streaming-Ökosystemen.

Hi Danny, was genau machst du bei Wikimedia Deutschland?

Hi, ich arbeite als Community Communications Manager im Softwarebereich. Meine Rolle bewegt sich an der Schnittstelle von Softwareentwicklung, Community-Events und dem Austausch darüber, wie wir offenes Wissen auf Wikidata und in den Wikimedia-Projekten insgesamt unterstützen können. Wir stehen im engen Austausch mit unserer ehrenamtlichen Community, hören zu und entwickeln Lösungen, die sie dabei unterstützen, Wissen und Informationen besser in die Wikimedia-Projekte zu bringen.

Wenn wir über „Musikplattformen“ sprechen – was ist damit gemeint und warum sind sie wichtig?

Generell sind Musikplattformen Online-Räume, in denen Musiker*innen und Hörer*innen Musik teilen und entdecken können – egal ob es sich um komplett eigene Tracks oder um Neuinterpretationen bereits bestehender Ideen handelt. Diese Plattformen sind darauf ausgelegt, dass Menschen neue Sounds erkunden, Feedback geben und Songs, die gefallen, durch „Upvotes“, also sichtbare Zustimmung, unterstützen. Viele der Musiker*innen dort verfolgen dabei nicht in erster Linie kommerziellen Erfolg, sondern sind von Leidenschaft, Experimentierfreude und dem Wunsch getrieben, sich durch Rückmeldungen aus der Community weiterzuentwickeln.

Darüber hinaus dienen diese Plattformen oft auch als soziale Räume: Musiker*innen vernetzen sich, arbeiten zusammen und nehmen an gemeinsamen Challenges oder community-getriebenen Aktionen teil. Solche Formate kennt man auch aus anderen kreativen Bereichen – etwa Zeichen-Challenges wie Inktober oder „Draw This In Your Style“ (#DTIYS), bei dem Werke neu interpretiert werden. Ähnliche Ansätze gibt es auch in der Musik, zum Beispiel in Form von Remix-Wettbewerben oder kollaborativen Projekten.

Portrait
Caption: Danny Benjafield: Musikliebhaber und Freier Software Fan.

Wie bist du persönlich mit freien Musikplattformen in Kontakt gekommen?

Ich erinnere mich, dass ich mal einen Ohrwurm aus dem Intro oder Outro eines YouTube-Videos hatte – damals, als Tools wie Shazam oder SoundHound noch nicht so verbreitet waren. Mir fiel auf, dass immer wieder derselbe Künstlername auftauchte: Kevin MacLeod. Schließlich bin ich einem Link zum Free Music Archive gefolgt – das war meine erste echte Begegnung mit einer wirklich freien Musikplattform.

Damals habe ich noch nicht ganz verstanden, was das eigentlich bedeutet. Solche Plattformen basieren auf dem Prinzip der offenen Distribution: Musiker*innen stellen ihre Musik so zur Verfügung, dass andere sie nutzen, teilen und teilweise sogar remixen können – oft unter Lizenzen, die lediglich eine Namensnennung erfordern, also die Angabe der ursprünglichen Urheber*innen.

Auf der Suche nach Nischenmusik oder Tracks von aufstrebenden und Hobby-Musiker*innen habe ich außerdem Plattformen wie Bandcamp, SoundCloud, Grooveshark und Deezer genutzt.

Die Entdeckung frei lizenzierter Musik war für mich jedoch ein Wendepunkt – sie hat mir gezeigt, dass es jenseits klassischer Streaming-Modelle auch andere Wege gibt, Musik zu teilen und zugänglich zu machen.

Viele kennen Plattformen wie Spotify, SoundCloud oder Bandcamp. Was sind aus deiner Sicht die Einschränkungen dieser bekannten Dienste?

Sie basieren auf proprietärer Software – das heißt, was „unter der Haube“ passiert, insbesondere bei algorithmischer Suche und Musikentdeckung, bleibt oft ein Mysterium. Warum wird ein bestimmter Track sichtbarer oder häufiger empfohlen als ein anderer? Führt ein frühes Wachstum zu einem Feedback-Loop aus noch mehr Sichtbarkeit und weiterem Wachstum? Was eigentlich ein organischer Prozess sein sollte, kann potenziell manipuliert, gekauft oder anderweitig beeinflusst werden.

  • Spotify ist zum Beispiel ein in sich geschlossenes System: Die Musikbibliothek ist zwar riesig, und die Funktionen sind stark darauf ausgelegt, das Musikhören möglichst einfach zu machen. Gleichzeitig bringt das aber auch viele versteckte Nachteile mit sich: Trotz steigender monatlicher Kosten besitzt man die Musik nicht wirklich. Es gibt ein vollständiges Plattform-Lock-in: Musik lässt sich nur innerhalb der App hören – offline auch nur mit einem Premium-Abo. Eigene Hosting-Optionen oder die Möglichkeit, als User*in die Plattform eigenständig weiterzuentwickeln, sind nicht vorhanden. Zudem verschwinden regelmäßig Tracks aufgrund von Lizenzänderungen oder regionalen Einschränkungen. Und es gibt zahlreiche Erfahrungsberichte über mögliche Verzerrungen in Empfehlungs- und Radiofunktionen – deren tatsächliches Ausmaß sich mangels Transparenz nie vollständig nachvollziehen lässt.
  • Bei SoundCloud ist es zwar vergleichsweise einfach, Musik hochzuladen und zu teilen, aber sich wirklich abzuheben, ist schwierig. Die schiere Menge an Inhalten, kombiniert mit algorithmischer Auffindbarkeit, macht es vor allem für kleinere oder neue Musiker*innen schwer, ohne bereits vorhandene Reichweite sichtbar zu werden.
  • Bei Bandcamp ist es fast umgekehrt: Die Plattform steht weniger für starke Such- und Entdeckungsfunktionen. In meiner Erfahrung entdecke ich Musiker*innen meist außerhalb der Plattform und gehe dann gezielt zu Bandcamp, um mehr von ihnen zu hören, sie finanziell zu unterstützen oder Merchandise zu kaufen. Viele Musiker*innen scheinen sich hier eher auf direkte Einnahmen aus einer bestehenden, loyalen Fanbasis zu verlassen als auf ein Streaming-Modell pro Abruf.

Generell sind bei allen proprietären Plattformen Lizenzen und Weiterverwendungsmöglichkeiten stark eingeschränkt. Musikbibliotheken lassen sich nicht ohne Weiteres übertragen, und die Interaktion sowie Kommunikation mit dem eigenen Publikum hängt stark von den Funktionen der jeweiligen Plattform ab – die zudem teilweise hinter Bezahlschranken liegen.

Warum sind proprietäre Plattformen deiner Meinung nach so erfolgreich und beliebt?

Sie sind auf maximale Bequemlichkeit und nahezu reibungslose Nutzung optimiert. Der Weg zum Lieblingssong – oder zur Entdeckung neuer Musik basierend auf dem eigenen Geschmack – wurde auf wenige Klicks reduziert. Dazu kommen verschiedene „Verstärkerfaktoren“: die enorme Größe der Musikbibliotheken, leistungsstarke Entdeckungsfunktionen, kollaborative Playlists, Autoplay, nahtlose Übergänge und sogar gemeinsame Hörerlebnisse wie Jam-Sessions.

Mit dem Wandel von fest zugeordneten Musikgeräten wie Walkmans, MP3-Playern und iPods hin zur nahezu universellen Nutzung von Smartphones haben Apps wie Spotify genau diese Lücke gefüllt: Sie bieten sofortigen Zugriff auf riesige Musikkataloge bei minimalem Aufwand. Die Installation ist einfach, und das Nutzungserlebnis setzt unmittelbar ein.

Gleichzeitig hat sich auch ein grundlegender Wandel vollzogen – weg vom Besitz hin zum Zugang. Wer nicht mit dem Übergang von physischer zu digitaler Musik aufgewachsen ist, musste sich in der Regel nie damit beschäftigen, eine eigene Musikbibliothek zu organisieren, zu taggen oder zu synchronisieren. „Installieren und direkt loslegen“ ist im Vergleich dazu sehr viel einfacher.

Welche freien Musikplattformen würdest du aktuell empfehlen?

Funkwhale ist eine starke Option, wenn man nach einer Plattform sucht, um Musik, Podcasts und Playlists zu entdecken und mit anderen zu teilen. Sie funktioniert als dezentrale Alternative zu Spotify und ist in sogenannte „Pods“ organisiert – unabhängige öffentliche oder private Instanzen, denen man beitreten kann. FunkWhale ist sowohl auf dem Desktop als auch mobil verfügbar und kann auch über F-Droid heruntergeladen werden, was es besonders für Nutzer*nnen interessant macht, die offene App-Ökosysteme bevorzugen. Die Plattform legt großen Wert auf Community, und Musiker*innen können auf externe Angebote wie Patreon oder Bandcamp verlinken, sodass Hörer*innen sie direkt unterstützen können. Insgesamt ist es ein Nischen-Ökosystem, das bewusst auf Offenheit und Zusammenarbeit ausgerichtet ist. Funkwhale ist Teil des Fediverse zu dem auch Mastodon und weitere dezentrale Plattformen gehören.

Navidrome verfolgt einen anderen Ansatz. Hier stehen Community und Entdeckung weniger im Vordergrund – stattdessen geht es darum, ein vertrautes Streaming-Erlebnis nachzubilden. Besonders sinnvoll ist das, wenn man bereits eine eigene Musiksammlung aufgebaut hat und diese einfach und zuverlässig über verschiedene Geräte hinweg abspielen möchte. Die Oberfläche erinnert stark an Spotify, sodass man sich schnell zurechtfindet – und weil man seine eigene Sammlung hostet, besteht nicht die Gefahr, dass einzelne Tracks oder Alben plötzlich verschwinden.

Als „ehrenwerte Erwähnung“ möchte ich Libre.fm noch mit aufführen. Die Plattform ist kein Musikplayer, sondern eher eine freie und Open-Source-Alternative zu Last.fm, eine Musikplattform, die Social Media mit Musikstatistiken kombiniert. Wie Last.fm erfasst sie das eigene Hörverhalten über sogenanntes „Scrobbling“ und analysiert diese Daten, um passende Musikempfehlungen zu geben. In diesem Sinne ergänzt sie andere Plattformen eher, als sie zu ersetzen, und fügt dem eigenen Setup eine zusätzliche Ebene aus neuen Einblicken und Entdeckung hinzu.

Was sind die größten Vorteile dieser Plattformen für Musiker*innen?

Ein großer Vorteil ist die Offenheit – sowohl technologisch als auch in Bezug auf die Community.

Plattformen wie Funkwhale oder Navidrome sind Open Source, was bedeutet, dass deutlich mehr Transparenz darüber besteht, wie sie funktionieren. Und es gibt weniger bis keine Abhängigkeit von den Entscheidungen eines einzelnen Unternehmens oder CEOs. Beides gibt Musiker*innen bereits ein stärkeres Gefühl von Stabilität und Kontrolle.

Ein weiterer Vorteil ist das Thema Lizenzierung. Wer sich für Remixes oder Mash-ups interessiert, profitiert stark von Plattformen, die Creative-Commons-Lizenzen unterstützen. Sie schaffen rechtliche Klarheit und gleichzeitig kreative Freiheit, auf der Arbeit anderer aufzubauen, ohne in rechtliche Grauzonen zu geraten. Außerdem sind Musiker*innen weniger „eingesperrt“ in ein System: Musik kann auf vielen dieser Plattformen leichter geteilt, verschoben oder mit anderen Angeboten verknüpft werden. Statt an ein einzelnes Ökosystem gebunden zu sein, können Musiker*innen auf externe Stores oder Spendenplattformen verlinken und ihrem Publikum so direktere Unterstützungsmöglichkeiten bieten.

Schließlich funktioniert auch die Entdeckung von Musik oft anders. Statt rein algorithmisch gesteuert zu werden, verbreitet sich Musik stärker über Community-Aktivität – also durch Shares, Empfehlungen und Kollaborationen. Das kann zu einem organischeren und engagierteren Umfeld führen, auch wenn es möglicherweise auf Kosten reiner Reichweite geht.

Was ist für viele Musiker*innen ungewohnt, wenn sie von kommerziellen Musikplattformen zu freien wechseln? Wie fühlt sich das für Nutzer*innen an?

Ich würde sagen, dass das Maß an Selbstorganisation und Eigenverantwortung für Musiker*innen deutlich steigt. Sie haben kein voll ausgestattetes Support- oder Engineering-Team im Hintergrund, auf das sie sich verlassen können. Dadurch kann es zur Notwendigkeit von mehr technischem Verständnis kommen – sei es beim Hosten eines eigenen Pods oder einer Instanz oder ganz einfach beim korrekten Taggen der eigenen Musik mit Metadaten.

Auch das Thema Monetarisierung verändert sich. Musiker*innen müssen sich stärker damit auseinandersetzen, wie sie Einnahmen generieren wollen – direkt oder indirekt. Das kann bedeuten, dass sie auf externe Plattformen wie Patreon, Ko-fi oder Liberapay verlinken oder Werkzeuge wie Linktree nutzen, um mehrere Links an einem Ort zu bündeln.

Was können Musiker*innen beim Thema Reichweite und Monetarisierung auf freien Musikplattformen realistisch erwarten?

In Bezug auf Reichweite wird diese sicherlich deutlich geringer ausfallen als auf großen, proprietären Plattformen. Open-Source-Musikplattformen sind auf persönliche Souveränität ausgelegt und nicht auf maximale Reichweite oder Massenpublikum – entsprechend sind die mögliche Größe der Hörerschaft als auch das Gesamtangebot für Nutzer*innen meist kleiner. Gleichzeitig kann das aber auch weniger Konkurrenz, engagiertere Communitys und eine stärkere Verbindung zwischen Musiker*innen und Publikum bedeuten.

Beim Thema Monetarisierung ist die Lage etwas komplexer. Da ich selbst kein Künstler bin, habe ich die verschiedenen Einnahmemöglichkeiten nicht im Detail untersucht. Auf Plattformen wie Funkwhale oder Auxio gibt es offenbar kaum integrierte Monetarisierungsfunktionen. Das „Free“ in Free and Open Source ist hier oft sehr wörtlich zu verstehen – die Plattform selbst zahlt nicht und stellt dafür auch keine direkten Funktionen bereit – sie verhindert aber auch nicht, dass Musiker*innen Geld verdienen.

Eine Möglichkeit zur Finanzierung gibt es etwa, wenn die freien Plattformen externe Links erlauben. Viele Musiker*innen leiten ihr Publikum dann zu Plattformen wie Patreon, Buy Me a Coffee oder Ko-fi weiter, oder zu Shops, in denen sie physische Produkte wie Hoodies, T-Shirts oder Vinyl verkaufen. Dadurch behalten sie mehr Kontrolle darüber, wie ihre Musik verbreitet und monetarisiert wird, was langfristig ein stabileres und nachhaltigeres Setup schaffen kann.

Wohin werden sich freie Musikplattformen deiner Meinung nach in den nächsten Jahren entwickeln?

Ich glaube zwar nicht, dass es eine Massenabwanderung weg von großen Plattformen wie Spotify oder YouTube geben wird, aber ich denke, dass es einen schrittweisen kulturellen Wandel geben wird. Ein wachsendes Interesse an Datenschutz, zunehmendes Misstrauen gegenüber Unternehmensinteressen, wirtschaftlicher Druck und die schrittweise Verlagerung ehemals kostenloser Funktionen in „Premium“-Modelle werden wahrscheinlich dazu führen, dass mehr Menschen nach Alternativen suchen.

Wir bedanken uns für das Gespräch!

Next Steps

  • Testen Sie eine freie Musikplattform zusätzlich zu Ihrem aktuellen Streaming-Setup – betrachten Sie sie als Ergänzung, nicht als Ersatz.
  • Unterstützen Sie mindestens eine unabhängige Musiker*in direkt über externe Links (z. B. durch Spenden, Merch oder Abonnements).
  • Wenn Sie selbst Musik machen, probieren Sie aus, einen Track unter einer offenen Lizenz zu veröffentlichen, um zu verstehen, wie das Teilen jenseits klassischer Plattformen funktioniert.

Das Risiko, Falschinformationen im Netz aufzusitzen, war wohl nie größer als heute. Immer mehr Menschen nutzen bei der Suche nach Antworten generative KI-Chatbots. Doch gerade die großen Sprachmodelle (Large Language Models, LLMs) neigen zu Halluzinationen und spucken nicht selten ungeprüft falsche Antworten aus. Hinzu kommt: KI-Systeme bewerten die Vertrauenswürdigkeit von Quellen nur begrenzt. Werden also manipulierte Inhalte strategisch im Netz platziert und verbreitet, können auch Chatbots sie als vertrauenswürdige Quelle einschätzen und in ihre Antworten an uns übernehmen. Dies passiert schon seit Jahren und wird insbesondere auch für politische Einflussnahme genutzt.

Neuer Wikipedia-Klon: Russland zielt auf KI-Chatbots ab

Aus Russland ist jetzt ein neuer Fall bekannt geworden: Geleakten Berichten zufolge soll eine russische Trollfabrik am Aufbau eines Klons der deutschsprachigen Wikipedia arbeiten. Das Ziel ist dabei besonders perfide: Die manipulierten Inhalte sollen so geschrieben werden, dass insbesondere KI-Chatbots sie als vertrauenswürdige Quellen einstufen und vor allem bei Anfragen aus dem deutschsprachigen Raum in ihre Antworten integrieren.

Ein trojanisches Pferd der Fake News also. Wer beispielsweise Informationen über den russischen Angriffskrieg in der Ukraine oder den Oppositionellen Alexei Nawalny sucht, könnte von ChatGPT & Co ideologisch verzerrte Darstellungen geliefert bekommen – vermeintlich aus der Wikipedia stammend und mit dem Gütesiegel der Seriosität versehen.

Achtung, Fake-Wikipedia

Portale wie t-online oder watson beziehen sich in ihrer Berichterstattung auf einen Leak interner Dokumente der russischen Social Design Agency (SDA). Die verbreitet seit Jahren im Auftrag des Kremls Falschinformationen über soziale Medien, auch in Deutschland. Die SDA wird unter anderem für die sogenannte Doppelgänger-Kampagne verantwortlich gemacht – eine Serie von Fälschungen der Social Media Accounts und Webseiten großer Nachrichtenportale wie „Bild“ oder „Spiegel“ – mit dem Ziel, darüber antiwestliche Propaganda zu verbreiten und die Stimmung in der Bevölkerung pro Russland zu beeinflussen.

Jetzt legt die SDA offenbar nach – mit eben jenem deutschsprachigen Wikipedia-Klon, auf den Chatbots bei Anfragen in deutscher Sprache zugreifen sollen. 200.000 Seiten umfasse diese Fake-Datenbank bereits, heißt es in den Berichten. Monatlich sollen 500 manuell verfälschte Artikel in die KI-Plattformen eingespeist werden. Noch ist kein Fall bekannt, in dem eine solche Klon-Seite der SDA aufgetaucht wäre. Ähnliche Fälle zeigen aber, wie schnell und wirkungsvoll sich Desinformation mit digitalen Mitteln verbreiten lässt.

Manipulation und Propaganda mit wenig Aufwand im Netz

Jüngst flogen etwa die Machenschaften des prorussischen Social-Media-Bot-Netzes „Matrjoschka“ auf, das in Armenien massenhaft Lügen verbreitet, um Einfluss auf die Parlamentswahlen am 7. Juni im Sinne Russlands zu nehmen. Auch ein von Russland gesteuerter Wikipedia-Klon ist in dem südkaukasischen Land tatsächlich schon aktiv, wie das Portal The Insider nachzeichnet.

Überhaupt besitzt die Propagandamaschinerie des Kremls bereits Erfahrung mit Wikipedia-Kopien. Mit Ruwiki existiert dort seit Januar 2024 ein Klon der russischsprachigen Version der freien Online-Enzyklopädie, der um Einträge zu kritischen Themen bereinigt wurde und zum Beispiel den Begriff „Spezielle Militäroperation“ für den Angriffskrieg in der Ukraine verwendet.

Grokipedia als warnendes Beispiel

Aber Russland ist nicht die einzige Quelle für Desinformationen, die über Chatbots ihren Weg zu uns Menschen finden. Das Portal The Verge hat kürzlich eine Analyse veröffentlicht, der zufolge KI-Systeme eine Vielzahl von Artikeln aus der von US-Milliardär Elon Musk gestarteten Grokipedia abrufen. Bei rund 13 Millionen Prompts an ChatGPT sei Grokipedia etwa 260.000-mal zitiert worden. Auch bei Gemini, dem Chatbot von Google, und Microsoft Co-Pilot wurde die Seite mehrfach als Referenz ausgewiesen. Das Problem: Die von Musk entwickelte Enzyklopädie wird nicht wie die Wikipedia von Menschen, sondern selbst von einer KI geschrieben – dem Chatbot Grok, der u. a. dadurch in Verruf geriet, dass er sexualisierte Bilder generierte und verbreitete.

Und: Grokipedia lässt unter anderem Quellen wie die rechtsextreme Seite Stormfront und das Verschwörungs-Portal Infowars zu. Inzwischen belegen auch zahlreiche Studien, etwa der Cornell University, „eine systematische Verschiebung der politischen Ausrichtung häufig zitierter Nachrichtenmedienquellen nach rechts“ (hier und hier zu finden). Anders als die Wikipedia, die sich dem neutralen Standpunkt verpflichtet hat, soll Grokipedia vor allem die Weltsicht ihres Erfinders transportieren.

Geplante neue Google-Suche: Hochproblematisch für uns alle!

Auch die neuesten Pläne von Google sind besorgniserregend. Die größte Suchmaschine im Netz plant die Transformation zu einer KI-Antwortmaschine. Künftig sollen bei einer Anfrage statt der gewohnten Listen mit Links nur noch KI-generierte Antworten angezeigt werden. Der Gatekeeper wäre Googles eigene KI.

Das Internet könnte damit sein demokratisches Potenzial verlieren: den direkten Zugang zu einer Vielzahl unabhängiger Quellen. Aus Sicht des Freien Wissens ist das hochproblematisch, denn es droht eine Verarmung der Informationsvielfalt, ein Mangel an Transparenz und noch stärkere Machtkonzentration und Abhängigkeit von wenigen Plattformen.
Lilli Iliev Leiterin Politik und Öffentlicher Sektor bei Wikimedia Deutschland

Der Informatiker und Publizist Jürgen Geuter spricht deshalb von einem „Krieg gegen das Web“ – so zitiert ihn Deutschlandfunk in einem Beitrag unter dem Titel „Stirbt das Internet, wie wir es kennen?

Wikipedia: Wissen ist und bleibt menschlich

Das Risiko, mit Fake News und unzuverlässigen Quellen beliefert zu werden, ist heute also größer denn je. Die Wikipedia bleibt bei all diesen Entwicklung die nahezu letzte Bastion für geprüftes und verlässliches Wissen im Netz.

In der ehrenamtlichen Community wird die geplante Desinformationsoffensive aus Russland aufmerksam verfolgt und diskutiert. Handhabe dagegen hat sie selbst freilich nicht – die Verantwortung, Fake News nicht als Quelle heranzuziehen, läge bei den KI-Entwicklern. „Noch ein Grund mehr, wieso unser KI-Verbot absolut der richtige Weg ist“, schreibt Benutzer Chaddy zu den Vorgängen um den Wikipedia-Klon. Er bezieht sich dabei auf die Übereinkunft der Community, das Einstellen von KI-generierten Texten in der Wikipedia zu untersagen.

Schließlich funktioniert die freie Online-Enzyklopädie nach klaren Grundprinzipien – dazu zählen Nachprüfbarkeit, Neutralität und Belegpflicht, also die Plicht, Quellen anzugeben. Ein entscheidender Unterschied zu KI-Programmen. KI-generierte Texte in der Wikipedia würden also die Qualität des Projekts gefährden. Entsprechend engagiert handeln die Ehrenamtlichen aus, wie und mit welchem Aufwand sich solche Artikel abwehren lassen, wie sich KI generierte Inhalte überhaupt erkennen lassen – und welche KI-Tools dennoch hilfreich für die Arbeit in der Wikipedia sein können.

Das alles unter der Maxime: Wissen ist und bleibt menschlich.

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Als Wikimedia Deutschland setzen wir angesichts der wachsenden Herausforderungen mehr denn je dafür ein, die Wikipedia-Community und frei zugängliches und geprüftes Wissen zu stärken. Mehr dazu, wie wir uns dafür engagieren und was wir erreicht haben, zeigt unser aktueller Jahresbericht.

Das sind die Top 10 Wikipedia-Artikel im Mai

Wednesday, 10 June 2026 10:49 UTC

Welche Themen die Menschen im deutschsprachigen Raum besonders beschäftigt, lesen sie in der Wikipedia nach. Im Mai 2026 wurden folgende Wikipedia-Artikel besonders häufig aufgerufen:

Wer hat wie für wen gestimmt? Wer kam überhaupt ins Finale und wie setzt sich die Jury des Eurovision Song Contest zusammen? Der Wikipedia-Artikel zum diesjährigen ESC in Wien bietet sehr detailliertes, mit vielen Tabellen und Fotos angereichertes Insider-Wissen. Für Fans ein Muss, für alle anderen mindestens eine Goldgrube Allgemeinwissen. Der Wikipedia-Artikel wurde im Mai 992.567 mal aufgerufen.

Hantaviren

Ein weniger leichtes Thema, das zeigt: Gerade wenn es um Gesundheit geht, brauchen Menschen sachliche, faktenbasierte und neutral dargestellte Informationen. Der  Wikipedia-Artikel zu den Hanta-Viren hat im Mai über 800.000 Mal Abhilfe geschaffen

Das Drama um den verirrten Wal in der Ostsee hielt auch im Mai noch an. Rettungsversuche, Kontroversen und Verschwörungserzählungen sind bestens im Wikipedia-Artikel dokumentiert. Ebenso das traurige Ende des Meeressäugers. Der Wikipedia-Artikel hatte 606.383 Aufrufe.

600 Kilometer vom Death Valley bis nach Los Angeles laufen? Man mag von Extremsport halten, was man möchte: Der Wikipedia-Artikel zu Arda Saatçi half sehr vielen Menschen im Mai, diesen Mann, der plötzlich in aller Munde war, jenseits von Social Media Kanälen einzuordnen. Insgesamt erhielt der Wikipedia-Artikel 596.891 Aufrufe im Mai.

Ein trauriger Anlass für den fünften Platz der meist aufgerufenen Wikipedia-Artikel im Mai: Die gerade mal 25 jährige Schauspielerin Luna Jordan verstarb am 13. Mai. Bekannt wurde sie unter anderem durch Rollen im Polizeiruf 110. Über eine halbe Millionen Mal informierten sich Menschen über die Schauspielerin auf Wikipedia.

Verstorben ist auch Schauspieler Alexander Held, den viele aus über 160 Film- und Fernsehproduktionen kennen, darunter zahlreiche Kinofilme von Schindlers Liste (1993) über Sophie Scholl – Die letzten Tage (2005) oder Der Baader Meinhof Komplex (2008). Sein Wikipedia-Artikel verzeichnete über eine halbe Millionen Aufrufe.

Wetter geht immer! In diesem Mai hielten die Eisheiligen, was sie versprechen: Temperaturen bis zum Gefrierpunkt. Wer sich tiefergehend zu den Bauernregeln und dazu, was aus klimatologischer Sicht da dran ist, informieren möchte, wird in der Wikipedia fündig. So haben frierende Menschen im Mai knapp 470.000 Mal den dazugehörigen Artikel aufgerufen.

Höchstwahrscheinlich motivierte eine mehrteilige Dokumentation über den Missbrauchsprozess im ZDF knapp 400.000 Mal, sich nochmals eingehender mit dem 2009 verstorbenen King of Pop zu beschäftigen. Der sehr ausführliche Wikipedia-Artikel liefert ausreichend Futter Begleitlektüre zum Fernsehabend.

Ebenfalls im ZDF ist ein Biopic der schillernden Kunstfigur Olivia Jones erschienen. „Sie zeigt persönliche Seiten, die wenige kennen: Angst und Ausgrenzung, die Aids-Krise der 80er,“ heißt es im ZDF. Klar, dass da schnell die Wikipedia gezückt wird, um sich vertiefend zu dieser Ikone zu informieren.

Ein weiterer Todesfall im Mai: Der Schauspieler Günther Maria Halmer starb im Alter von 83 Jahren in Rosenheim. Seine bestens im Wikipedia-Artikel dokumentierte Filmografie umfasst  über 190 Film- und Fernsehproduktionen. Noch 2025 war er im Residenztheater München zu sehen.

Mitmachen bei Wikipedia

Wikipedia ist eine offene Enzyklopädie! Wer selbst Lust hat, Wissen zu teilen oder zu verbessern, kann jederzeit mitmachen.

Wie das geht? Wikimedia Deutschland unterstützt verschiedene Projekte, die Engagierten den Einstieg in die Wikipedia lehren.

Ein gezeichneter Laptop. Auf dem Bildschirm ist der Buchstabe W zu sehen, darunter ein Startknopf.

Webinar: Schreiben für Wikipedia

Einen Online-Kurs zur Einführung gibt es online und kostenfrei am 25. Juni 2026.

Wikipedia im Wandel: Strategische Prioritäten an Herausforderungen angepasst

Generative Künstliche Intelligenz verändert derzeit grundlegend, wie wir Menschen Informationen suchen, nutzen und teilen. Gleichzeitig wächst der Einfluss großer Technologieunternehmen auf die digitale Informationslandschaft. Diese Entwicklungen stellen auch Wikipedia und weitere Wikimedia-Projekte vor neue Herausforderungen.

Verlässliches, freies und überprüfbares Wissen ist heute wichtiger denn je. Um freie Wissensprojekte wie Wikipedia, Wikidata und & Co. angesichts der aktuellen Entwicklungen zu stärken, wurden am Wochenende die strategischen Prioritäten von Wikimedia Deutschland an die veränderten Rahmenbedingungen angepasst.

Die Mitgliederversammlung hat einer Fokussierung der Strategischen Prioritäten zugestimmt. Statt fünf gibt es künftig drei Schwerpunkte:

  • Starke Infrastruktur des Freien Wissens
  • Lebendige und beständige Communitys
  • Mehr Nutzung, leichterer Zugang

Damit richtet Wikimedia Deutschland seine Arbeit noch stärker auf die Bereiche aus, die für die Zukunft von Wikipedia und Freiem Wissen besonders wichtig sind. Themen wie Diversität, gesellschaftliche Teilhabe und politische Rahmenbedingungen bleiben weiterhin zentrale Bestandteile der Arbeit und werden in allen drei Prioritäten berücksichtigt.

Neues Präsidium gewählt – Alice Wiegand als Vorsitzende bestätigt

Seit vier Jahren führt die langjährige Wikipedianerin und Bundesversdienstkreuzträgerin Alice Wiegand die Geschicke des ehrenamtlichen Präsidiums von Wikimedia Deutschland. Am Wochenende haben die Mitglieder die Düsseldorferin ein weiteres Mal in ihrem Amt als Präsidiumsvorsitzende bestätigt.

Auch Schatzmeisterin Friederike von Borries sowie die Beisitzer*innen Larissa Borck, Raimond Spekking, Jens Ohlig und Kamran Salimi wurden wiedergewählt. Neu ins Präsidium zieht Wolfgang Jamann ein, der langjährige Führungserfahrung in der Zivilgesellschaft mitbringt, unter anderem bei CARE International und der Welthungerhilfe.

Wir gratulieren ganz herzlich zur Wahl und freuen uns auf gute Zusammenarbeit! 

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Von links nach rechts: Raimond Spekking, Alice Wiegand, Kamran Salimi, Jens Ohlig.

Die Wahl der Kassenprüfer*innen musste im Vorfeld der Versammlung abgebrochen werden, da eine Kandidatur zurückgezogen wurde. Eine Nachwahl wird in Kürze stattfinden. Auf der Mitgliederversammlung wurden außerdem das Präsidium und der Vorstand entlastet sowie der Jahresabschluss für das Geschäftsjahr 2025 genehmigt.

25 Jahre Wikipedia: Ein Hoch auf ein Vierteljahrhundert Freies Wissen

Natürlich wurde am Wochenende der 25. Geburtstag der Wikipedia gebührend gefeiert. Der Vorabend der Mitgliederversammlung stand unter dem Motto „25 Jahre Wikipedia – 25 Jahre ehrenamtliches Engagement“. In der Geschäftsstelle von Wikimedia Deutschland in Berlin blickten vier Wikipedianer*innen der ersten Stunde mit den über 100 anwesenden Gästen auf die Anfänge der Wikipedia zurück und sprachen über ihre Entwicklung, Erfolge und Herausforderungen. Im Mittelpunkt standen Themen wie Qualitätssicherung, die Arbeit der Admins und wie sehr sich die Wikipedia-Regeln über die Zeit verändert haben. Zudem wurde deutlich, wie wichtig sowohl die internationale Vernetzung der Wikimedia-Bewegung als auch lokale Community-Treffen für das Ehrenamt rund um Wikipedia sind.

Am Samstag fuhr der Wikipedia-Bus bei der Mitgliederversamlung vor. Die große Bustour zum Jubiläum feierte dabei Halbzeit. Bei den bisherigen Stationen in Leipzig, Stuttgart, Münster und Hamburg sprachen wir mit mehr als 2.000 Menschen am Bus über die Wikipedia und ihre Bedeutung in der heutigen Zeit und gaben Einblicke hinter die Kulissen dieser einzigartigen Online-Enzyklopädie. Die nächsten Stationen des Wikipedia-Busses sind Halle (Saale), Köln, München und Regensburg (zur WikiCon). Zudem ist der Bus im August und September auch in Österreich und der Schweiz unterwegs.

Richard J. Kloster

Monday, 1 June 2026 07:56 UTC

Richard James Kloster (geboren 1958) ist ein amerikanischer Manager und seit 2026 Mitglied der unabhängigen staatlichen Eisenbahn-Regulierungsbehörde Surface Transportation Board.

Das Surface Transportation Board ist zuständig für Eisenbahn-Tarife und -Service, Umstrukturierungen im Eisenbahnbereich (Mergers, Streckenverkäufe, Neubaustrecken, Stilllegungen), Lkw- und Seeschifffahrtstarife. Fernbusverkehre (Unternehmensstrukturen, Finanzierungs- und Betriebsangelegenheiten) und Tarife für Pipelines, soweit diese nicht schon durch die Federal Energy Regulatory Commission reguliert werden.

Leben
Richard J. Kloster besuchte von September 1976 bis Mai 1977 das William Rainey Harper College in Palatine (Illinois). Danach war er bis zum August 1980 in der Northern Illinois University in DeKalb (Illinois) eingeschrieben und erlangte eine Bachelor in Betriebswirtschaft.

Von Oktober 1980 bis August 1985 arbeitete er bei der Chicago and Northwestern Transportation Company in verschiedenen Verwaltungsbereichen. 1986 erlange er an der University of Alabama seinen Master in Marketing.[1]

Ab August 1986 bis Juni 1987 arbeitete er bei der Chicago Central and Pacific Railroad als Vizepräsident für Marketing und Verkauf. Von Juli 1987 bis April 1989 war er bei der Indiana Railroad im Marketing beschäftigt. Anschließend war er bis Februar 1991 erneut bei der C&NW im Bereich Lebensmittelproduktion tätig. Von 1991 bis Juli 2007 arbeitete er bei GE Rail Services. Zuletzt war er dort Direktor für Business and Market Intelligence.

Im Juli 2007 gründete er das Beratungsunternehmens Advanced Rail Equipment Solutions, Inc. (zunächst unter dem Namen North American Transport Solutions). In der Funktion als Präsident agierte er dort bis zum Oktober 2012. Gleichzeitig war er von Januar 2008 bis November 2019 als Berater bei Freight Transportation Research Associates, Inc. (FTR) tätig. Von Oktober 2012 bis November 2019 war er Senior Vice President und Chief Commercial Officer beim Dienstleistungs- und Beratungsunternehmen Alltranstek.

Seit November 2019 ist er Präsident des von ihm gegründeten Unternehmens Integrity Rail Partners. Von 2005 bis 2007 und von 2012 bis 2025 war er im Aufsichtsrat des Lobbyunternehmens National Industrial Transportation League, davon im Zeitraum 2021 bis 2025 als Mitglied des Executive Boards und als Schatzmeister. Von 2019 bis 2021 war im Aufsichtsrat des Beratungs- und Lobbyunternehmens Railway Supply Institute (RSI).

Am 11. September 2025 wurde er von Präsident Donald Trump für den Sitz von Martin J. Oberman in der Aufsichts- und Regulierungsbehörde Surface Transportation Board nominiert. Da bis zum 3. Januar 2026 keine Bestätigung durch das Senatskomitee erfolgte, wurde die Nominierung an den Präsidenten zurückverwiesen und am 13. Januar 2026 erneut an den Senat übermittelt. Am 18. Mai 2026 erhielt er die Bestätigung durch den Senat für eine Amtszeit bis zum 31. Dezember 2028.

Kloster verfügt über langjährige Erfahrung in der Beratung von Schienenverkehrsunternehmen. Als Mitglied des Surface Transportation Board wird er mitentscheiden über die Genehmigung der Fusion der beiden großen Bahngesellschaften Union Pacific Corporation und Norfolk Southern Corporation.[2]

Auf der Website Progressive Railroading veröffentlicht er von 2015 bis 2025 regelmäßig Kolumnen zu Entwicklungen im Schienenverkehr der Vereinigten Staaten.

Er ist verheiratet und hat drei Kinder.

Weblinks
Stuart Chirls: Trump nominates rail consultant Kloster to STB. In: FreightWaves. 11. September 2025 (freightwaves.com [abgerufen am 15. Januar 2026]).
Senate Commerce Committee Nominee Questionnaire, 119th Congress
Einzelnachweise
Jul 07, 1987, page 24 – The Indianapolis News at Newspapers.com – Newspapers.com. Abgerufen am 23. September 2025 (englisch).
Rail News – Kloster confirmed to Surface Transportation Board. For Railroad Career Professionals. Abgerufen am 27. Mai 2026 (englisch).

Einzelnachweise

Jul 07, 1987, page 24 – The Indianapolis News at Newspapers.com – Newspapers.com. Abgerufen am 23. September 2025 (englisch).

  1. Rail News – Kloster confirmed to Surface Transportation Board. For Railroad Career Professionals. Abgerufen am 27. Mai 2026 (englisch).

Welchen Beitrag die „Wiki Loves“-Wettbewerbe für das Freie Wissen leisten

Jahr für Jahr beteiligen sich Menschen auf der ganzen Welt an den „Wiki Loves“-Fotowettbewerben. Ob beeindruckende Architektur, schützenswerte Naturräume oder gelebte Traditionen – die eingereichten Aufnahmen dokumentieren die Vielfalt unseres kulturellen und Naturerbes. Das Engagement der Teilnehmenden leistet somit einen wichtigen Beitrag zur Bewahrung und Vermittlung von Wissen.

Die einzelnen Wettbewerbe setzen dabei unterschiedliche Schwerpunkte:

  • Wiki Loves Monuments konzentriert sich auf Kultur- und Baudenkmäler,
  • Wiki Loves Earth widmet sich den Naturlandschaften und Schutzgebieten,
  • Wiki Loves Folklore rückt wiederum Bräuche, Feste und kulturelle Traditionen ins Bild.

Alle Fotos werden unter einer freien Lizenz auf Wikimedia Commons veröffentlicht und finden ihren Weg in zahlreiche Wikipedia-Artikel und weitere Wikimedia-Projekte.

Wiki Loves Folklore

Bei Wiki Loves Folklore handelt es sich um den jüngsten der drei großen Fotowettbewerbe. Seit 2018 findet er jährlich vom 1. Februar bis 31. März statt und fast 10.000 Ehrenamtliche aus knapp 200 Ländern haben im Laufe der Jahre teilgenommen und knapp 208.000 Bilder und Videos beigesteuert. Im Fokus stehen hier lebende und gelebte Traditionen der Teilnehmerländer, also Feste, Tänze, Bräuche, Küche, Trachten, Märchen und vieles mehr.

Die Gewinnerbilder aus Deutschland

Aus Deutschland wurden in diesem Jahr insgesamt rund 3800 Fotos beigesteuert. Hier sind die drei Gewinnerbilder.

Alle weiteren Preisträger*innen finden Sie auf der offiziellen Wikipedia-Seite.

Die Gewinnerbilder von Wiki Loves Earth Deutschlad werden im August und von Wiki Loves Monuments Deutschland im Oktober veröffentlicht.

Die internationalen Gewinnerbilder werden im Juli (Wiki Loves Folklore), im Dezember (Wiki Loves Earth) und im April des Folgejahres (Wiki Loves Monuments) veröffentlicht.

Das Picture of the Year 2025

Mit dem Wettbewerb „Picture of the Year“ werden seit inzwischen zwanzig Jahren außergewöhnliche Fotografien auf Wikimedia Commons ausgezeichnet. Die jährliche Auswahl würdigt Bilder, die durch ihre Qualität, Aussagekraft und ihren besonderen Beitrag zu den Wikimedia-Projekten hervorstechen.

Der Wettbewerb findet in zwei Abstimmungsrunden statt: In der ersten Runde können Teilnehmende beliebig viele Bilder auswählen. In der anschließenden Finalrunde ist die Abstimmung auf bis zu fünf Favoriten begrenzt, wobei jede Stimme gleich gewichtet wird.

Stimmberechtigt sind registrierte Wikimedia Commons-Beitragende, die vor dem 1. Januar 2026 angemeldet waren und mindestens 75 Bearbeitungen in Wikimedia-Projekten vorweisen können.

„Wissen ist menschlich“ auf der re:publica 2026

Thursday, 28 May 2026 10:20 UTC

Zum ersten Mal überhaupt war die Wikipedia-Community gemeinsam mit Wikimedia Deutschland mit einem eigenen Stand auf der re:publica vertreten – und das aus gutem Grund: 2026 feiert Wikipedia ihren 25. Geburtstag und gleichzeitig stehen Freies Wissen, offene Plattformen und demokratische digitale Räume stärker denn je unter Druck.

Das Motto der re:publica – „Never gonna give you up“ – klang deshalb fast wie eine direkte Einladung an uns. Denn wir geben die gute Seite des Internets nicht auf und erst recht nicht die Wikipedia.

25 Jahre Wikipedia – Freies Wissen relevanter denn je

Seit einem Vierteljahrhundert kreieren und kämpfen Wikipedia-Communitys weltweit für freien Zugang zu Wissen. Millionen Menschen lernen, recherchieren, diskutieren und treffen Entscheidungen auf Basis dessen, was die Ehrenamtlichen Tag für Tag in der Wikipedia zusammentragen, prüfen und verbessern. Dabei ist Wikipedia kein Naturgesetz des Internets. Sie ist nicht selbstverständlich, sondern existiert, weil Menschen sie jeden Tag gemeinsam möglich machen.

Während gerade große KI-Systeme Inhalte massenhaft verwerten, die Verbreitung von Desinformation zunimmt und Plattformen immer stärker auf Aufmerksamkeit statt Qualität optimieren, bleibt Wikipedia ein wichtiges Gegenmodell: transparent, gemeinschaftlich und offen.

Wikipedia Stand auf der re:publica 2026
“Wissen ist menschlich” auf der re:publica 2026

Willkommen in der Welt des Freien Wissens

An unserem Wikipedia-Stand war allerhand los! Viele der Besucher*innen wollten verstehen, wie Wikipedia genau funktioniert, andere kamen als langjährige Fans vorbei. Und viele waren überrascht zu hören, wie stark generative KI-Systeme auf Wikipedia-Inhalten aufbauen. Mitglieder der Wiki-Community sprachen mit Interessierten über das Schreiben und Bearbeiten von Artikeln, über Quellenarbeit, Community-Prozesse und darüber, wie gut geprüfte Inhalte entstehen.

Zwischen Glücksrad, Wiki-Typentest und spannenden Gesprächen gab es auch ein Standprogramm: Ein Highlight war der Vortrag von Daniel Sigge zur Entstehung von Communitys mit anschließendem Gespräch mit der Wikipedia-Ehrenamtlichen Nina.

Unsere zentrale Botschaft war dabei immer klar: Ohne Menschen, die Informationen einordnen, diskutieren, prüfen und Verantwortung übernehmen, gibt es kein verlässliches Wissen. Kein Algorithmus der Welt ersetzt „human in the loop“. Punkt.

Wikipedia auf der Bühne: Zwischen Graswurzelbewegung und KI-Debatte

Auch auf den Hauptbühnen der re:publica waren wir vertreten: Wikimedia-Geschäftsführerin Franziska Heine brachte die Perspektive von Wikipedia und Freiem Wissen gleich auf zwei Panels in die aktuellen Debatten rund um digitale Öffentlichkeit, Plattformabhängigkeit und KI ein.

Im Panel rund um den „Digital Independence Day“, eine Initiative von Save Social, ging es darum, wie Menschen wieder unabhängiger von großen Plattformen werden und digitale Räume gemeinschaftlich gestalten können. Der sogenannte DI.DAY ruft jeden ersten Sonntag im Monat dazu auf, bewusster unabhängige digitale Angebote zu nutzen und Alternativen zu großen Tech-Plattformen sichtbar zu machen.

Der Ansatz ist den Anfängen von Wikipedia nicht ganz unähnlich – auch die Online-Enzyklopädie begann einmal als kleines Community-Projekt mit der Idee, dass Menschen gemeinsam etwas erschaffen können, das größer ist als einzelne Unternehmen oder wirtschaftliche Interessen. Gemeinsam mit Vertreter*innen aus Zivilgesellschaft, Medien und Plattformökonomie diskutierte Franziska Heine darüber, was Graswurzelbewegungen erfolgreich macht.

In einem vom Bündnis F5 organisierten Panel rückte dann generative KI und ihr Einfluss auf Staat und Verwaltung in den Fokus. Gemeinsam mit dem Journalisten und Geschäftsführer von AlgorithmWatch, Matthias Spielkamp, und Staatssekretär Markus Richter sprach Franziska Heine darüber, wie KI bereits heute Verwaltungsprozesse verändert – etwa bei Anträgen, Entscheidungsprozessen oder digitalen Dienstleistungen.

Dabei ging es nicht um abstrakte Zukunftsvisionen, sondern um sehr konkrete Zielkonflikte: Wie viel Automatisierung ist sinnvoll? Wie transparent müssen KI-Systeme im öffentlichen Sektor sein? Und was passiert, wenn staatliche Infrastruktur zunehmend von proprietären Technologien großer Konzerne abhängig wird?

Vier Menschen diskutieren auf einer Bühne der re:publica
Automatisierte Systeme in der Verwaltung: Über Chancen und Risiken diskutieren (von links nach rechts) Staatssekretär Markus Richter, Wikimedia-Vorständin Franziska Heine und AlgorithmWatch-Geschäftsführer Matthias Spielkamp. Die Moderation übernahm Ann Cathrin Riedel, Geschäftsführerin von NexT e.V..

Ein starkes Bündnis für ein besseres Internet

Bärbel Bas am F5 Stand auf der re:publica2026
Austausch mit Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas am Stand des Bündnis F5
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Wie in den vergangenen drei Jahren war Wikimedia Deutschland auch auf der diesjährigen re:publica mit den Partnerorganisationen aus dem Bündnis F5 – AlgorithmWatch, Gesellschaft für Freiheitsrechte, Open Knowledge Foundation Reporter ohne Grenzen – mit einem eigenen Stand vertreten. Dort wurde sichtbar, wie wir uns sowohl im Bündnis als auch als einzelne Organisationen für eine demokratische, inklusive und transparente Digitalpolitik einsetzen. Bei thematischen Meetups ging es um Informationsfreiheit, digitale Grundrechte und Open-Source-Initiativen in der Verwaltung. Unter anderem kamen Digitalminister Karsten Wildberger und die Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas am Stand vorbei. Beide hatten großes Interesse an unseren Einschätzungen zu Themen wie beispielsweise dem Einsatz von KI in der Verwaltung. Auch in diesem Jahr zeigte sich der F5-Stand wieder als wichtiger Ort für Austausch, Vernetzung und gemeinsame Impulse für eine gemeinwohlorientierte Digitalpolitik.

re:publica vorbei. Freies Wissen geht weiter.

Für uns war die re:publica 2026 vor allem eines: ein Ort voller inspirierender Einblicke in neue Perspektiven, ein Treffen mit potentiellen neuen Partner*innen und hoffentlich auch vielen zukünftigen Wikipedia-Fans.

Gerade in Zeiten, in denen das Netz immer stärker von KI, Plattformlogiken und Desinformation geprägt wird, hat die re:publica gezeigt: Es gibt sie noch – die Menschen, die für ein besseres Internet kämpfen.

Wer dieses Jahr nicht dabei sein konnte oder Sessions nachholen möchte, findet die Aufzeichnungen online:

Was ist das Kartenset Grundrechte im Digitalen und für wen habt ihr das Lernmaterial entwickelt?

Caroline Boos: Das Kartenset ist ein Lernmaterial, das wir zum Buch „Grundrechte im Digitalen“ entwickelt haben. Das Buch ist frei verfügbar, aber eher für Erwachsene geeignet.

Das Kartenset ist für Schüler*innen ab der 9. Klasse, also ab etwa 14 Jahren, gemacht. Weil es das Kartenset als offene Datei und frei lizenziert gibt, kann man es aber verändern und für unterschiedliche Altersgruppen und Lernkontexte anpassen.

Mindestens 12 Personen sollten sich beteiligen, damit Interaktion möglich ist. Nach oben gibt es keine Grenze – bei mehr als 32 Personen braucht man einfach ein zweites Set.

Das Schöne ist: Das Kartenset ist auch in der Jugendarbeit, an Projekttagen und in Lehrkräftefortbildungen einsetzbar.

Bei Workshops mit Lehrkräften und Schüler*innen, bei denen wir das Material getestet haben, haben wir immer wieder gehört: Es gibt bisher wenig bis kein Material zu dem Thema, das Kartenset trifft daher offenbar auf eine Lücke.

Wir wollen die Schüler*innen auf dem Weg zu mündigen Bürger*innen unterstützen – und da ist es wichtig, dass sie sich mit ihren Grundrechten auseinandersetzen. Das Thema Grundrechte im Digitalen ist für sie aber oft abstrakt. Daher fand ich die Arbeit mit dem Kartenset wegen der beschriebenen Alltagssituationen hilfreich.
Carina Leifgen Lehrerin an der Thomas-Edison-Realschule in Düsseldorf
Portraitfoto

Caroline Boos ist Managerin für Bildungspolitik und Expertin für digitale Medienbildung. Gemeinsam mit Partner*innen hat sie das Kartenset entwickelt.

Warum ist es aus Deiner Sicht wichtig, dass Lehrkräfte und Jugendliche sich nicht nur mit dem Thema Grundrechte, sondern mit Grundrechten in digitalen Räumen befassen?

Caroline Boos: Weil sich gerade Jugendliche sehr viel und aktiv in digitalen Räumen bewegen. Mit den digitalen Technologien sind neue Möglichkeiten entstanden, zu kommunizieren, kreativ zu sein oder zu konsumieren. Aber in digitalen Räumen werden immer wieder Grundrechte verletzt und es sind auch ganz neue Probleme entstanden – so etwas wie Deepfakes oder Cybermobbing. Um Jugendliche darin zu stärken, ihre Rechte zu kennen und zu verteidigen, braucht es eine aktive Auseinandersetzung damit.

Nehmen wir ein paar Beispiele aus dem Kartenset: Da ist Aisha, 16 Jahre alt, die Content Creatorin werden will. Sie postet täglich Fotos und Videos von sich. Sie fragt sich vielleicht nicht, wem diese Bilder eigentlich gehören und was die Plattform damit machen darf. Aber was passiert, wenn jemand daraus einen Deepfake macht? Oder Malik, 14, der in der Schule gemobbt wird und jetzt das Mobbing auch über Social Media läuft. Was sind seine Rechte? Und wer ist dafür verantwortlich, sie zu schützen? Was kann er auch selbst tun?

Wie ist das Kartenset aufgebaut, woraus besteht es?

Caroline Boos: Es gibt 32 Basiskarten, 35 Rollenkarten und 8 Aktionskarten. Die Basiskarten erklären Begriffe. Die Rollenkarten stellen fiktive Jugendliche und Erwachsene vor – Menschen mit sehr unterschiedlichen Lebensgeschichten, für die digitale Grundrechte ganz unterschiedlich relevant sind. Und die Aktionskarten laden dazu ein, selbst aktiv zu werden. Natürlich gibt es auch eine Anleitung, wie man die Karten nutzt.

Was hilfreich für Lehrkräfte ist: Man kann die drei Karten-Typen beliebig kombinieren und die Komplexität anpassen. Eine Stunde Vertretungsunterricht? Dann reichen die Basis- und Rollenkarten. Ganzer Projekttag? Dann kommen alle drei Typen zum Einsatz.

In unseren Workshops haben wir das Feedback erhalten: Bei der Vielzahl der Basis- und Rollenkarten kann man sich als Lehrkraft einfach die raussuchen, die für die Altersgruppe und Schulform am besten geeignet ist.

Wie kann man denn die drei Kartentypen nutzen?

Caroline Boos: Die Basiskarten sind der Einstieg. Auf jeder Karte steht ein Begriff, der erklärt und durch ein Alltagsbeispiel greifbarer wird. Hinzu kommt ein Hinweis, mit welchem Grundrecht der Begriff zusammenhängt. Die Themen reichen von „Datenschutz“ bis zu „Tracking“.

Im Unterricht läuft das so: Alle bekommen eine Karte, bewegen sich durch den Raum und erklären sich gegenseitig ihren Begriff. Dann werden die Karten getauscht und es geht weiter. Das ist simpel und funktioniert wirklich gut – weil man selbst verschiedene Begriffe erklären muss – oder erklärt bekommt. Man kann einander helfen, wenn etwas unklar ist und versteht so wirklich, worum es geht.

Kartenset

Grundrechte im Digitalen

Wie ist das Kartenset aufgebaut und woraus besteht es? In diesem Video erklährt Caroline Boos, welche Kartentypen es gibt und wie sie in Workshops eingesetzt werden können.

Wie kann man denn die drei Kartentypen nutzen?

Caroline Boos: Die Basiskarten sind der Einstieg. Auf jeder Karte steht ein Begriff, der erklärt und durch ein Alltagsbeispiel greifbarer wird. Hinzu kommt ein Hinweis, mit welchem Grundrecht der Begriff zusammenhängt. Die Themen reichen von „Datenschutz“ bis zu „Tracking“.

Im Unterricht läuft das so: Alle bekommen eine Karte, bewegen sich durch den Raum und erklären sich gegenseitig ihren Begriff. Dann werden die Karten getauscht und der Austausch geht weiter. Das ist simpel und funktioniert wirklich gut – weil man selbst verschiedene Begriffe erklären muss – oder erklärt bekommt. Man kann einander helfen, wenn etwas unklar ist und versteht so wirklich, worum es geht.

Und wie funktionieren die Rollenkarten mit den verschiedenen Charakteren und die Aktionskarten?

Caroline Boos:  Jede Karte bringt den Spielenden eine Person näher und macht so viele Perspektivwechsel möglich. Da ist zum Beispiel Luna, 16, die trans ist und deren Posts über LGBTQ+-Themen von Social Media Plattformen gelöscht werden. Oder Pavel, 71, der keinen Arzttermin bekommt, weil das nur online geht – und er kein Smartphone hat. Die Lernenden nehmen diese Rolle an und überlegen: Was bedeutet der Begriff auf meiner Basiskarte für diese Person? Das erzeugt echtes Nachdenken und Empathie.

Mit den Aktionskarten enthalten Schüler*innen Aufträge – für eine Recherche oder konkrete Aktivität. Es geht darum zu zeigen: Ihr seid nicht hilflos, ihr könnt aktiv werden. Zum Beispiel indem eine Gruppe eine echte Petition beim Deutschen Bundestag anschaut und so lernt, selbst eine Petition zu einem Thema zu schreiben, das auf den Karten steht. Eine andere Gruppe recherchiert bei der Organisation Hate Aid, wie man Hassrede im Netz begegnen kann, und überlegt sich eine Art Gegenrede als Hashtag oder kurzes Statement. Wieder eine andere Gruppe erstellt 10 Tipps zur digitalen Selbstverteidigung – zum Beispiel: Welche Messenger sind sicher? Wie erkenne ich, ob eine App meine Daten verkauft?

Was sagst Du, warum sollten Lehrkräfte das Kartenset nutzen – und wo und wie bekommen sie es?

Caroline Boos: Weil es ein Thema aufgreift, das Jugendliche wirklich betrifft – und das trotzdem im Unterricht oft zu kurz kommt. Grundrechte im Digitalen, das klingt erstmal abstrakt, hat aber mit ganz konkreten Situationen und Phänomenen zu tun. Die Karte zu „Digitalen Stalking“ zum Beispiel beschreibt so etwas: Ein Tracker auf dem Smartphone, installiert in einer Beziehung, um die Bewegungen einer Person zu überwachen. Das ist nicht nur gruselig, das ist eine Grundrechtsverletzung.

Das Kartenset macht solche Themen zugänglich – ohne Frontalunterricht, ohne trockene Texte. Die Schülerinnen und Schüler reden miteinander, bewegen sich, nehmen andere Perspektiven ein, werden aktiv. Für Lehrkräfte ist das auch praktisch: Man braucht keine große Vorbereitung. Die Handreichung erklärt alle Einsatzmöglichkeiten der Karten. Und es reichen 45 Minuten für eine erste Einheit.

Und das Allerbeste: Das Kartenset ist komplett kostenlos. Es steht unter einer offenen Lizenz – CC BY SA 4.0 – und kann frei heruntergeladen, ausgedruckt und auch verändert werden.

Weltweit ist im Jahr 2025 der politische Druck auf den Zugang zu Wissen gewachsen: Unabhängige Medien und Universitäten wurden drangsaliert, Wissenschaft als Basis für Erkenntnis oft infrage gestellt. Auch Wikipedia geriet in den Fokus von Regierungen, Konzernen und Tech-Oligarchen, die unabhängiges Wissen als Bedrohung empfinden. Gerade deshalb und in einer Zeit, in der das konzerndominierte Internet oft von Desinformation und Polarisierung geprägt ist, ist der freie und unabhängige Zugang zu geprüftem Wissen für alle Menschen ein hohes Gut.

Als Wikimedia Deutschland gehört es zu unseren Zielen, eine breite politische und gesellschaftliche Unterstützung für frei zugängliches Wissen zu organisieren – national und international. Auch 2025 zielte unser Engagement darauf ab, Entscheidungsträger*innen aus verschiedenen Feldern als Unterstützende zu gewinnen und politische Allianzen für eine demokratische, gemeinwohlorientierte und transparente Digitalpolitik zu schmieden.

Für Transparenz und Informationsfreiheit

Nach der Bundestagswahl im Februar 2025 plante die CDU, das Informationsfreiheitsgesetz (IFG) abzuschaffen. Verpackt als vermeintliche „Staatsmodernisierung“ hätte diese Änderung den Zugang zu Behördeninformationen erheblich erschwert. Staat, Politik und Demokratie haben jedoch schon jetzt ein Vertrauensproblem, die Bevölkerung braucht mehr Informationen über das Handeln von Behörden und Ministerien und nicht weniger. Deshalb haben wir gegen die geplante Abschaffung protestiert. Und das mit Erfolg: Das IFG blieb erhalten. Eine Ankündigung zur Reform folgte, aber die Umsetzung steht weiter aus.

Deutschland gehört im europäischen Vergleich zu den Schlusslichtern in Sachen Transparenz. Für Bürger*innen ist oft schwer nachvollziehbar, wie Behörden, Ministerien oder Politiker*innen entscheiden. Unsere 2025 veröffentlichte Broschüre „Informationsfreiheit für Wikipedia – und für Vertrauen in den Staat“ zeigt, warum sich das ändern muss und welche Argumente für mehr Offenheit sprechen. Ein modernes Transparenzgesetz würde nicht nur freien Wissensprojekten wie Wikipedia helfen, sondern auch die Verwaltung effizienter machen und Vertrauen stärken.

Auch beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz sind klare Maßstäbe vonnöten: In der Publikation „Generative KI für die Verwaltung?“, die wir ebenfalls 2025 veröffentlicht haben, zeigen wir, dass staatliche Entscheidungen nachvollziehbar, regelgebunden und verlässlich bleiben müssen. Klassische, regelbasierte Systeme sind dafür oft besser geeignet als generative KI-Systeme.

Bereits im Vorfeld der Bundestagswahl und während der Koalitionsverhandlungen haben wir gemeinsam mit einem breiten Bündnis deutlich gemacht, was wir von der neuen Bundesregierung erwarten: eine Digitalpolitik im Dienst von Mensch und Umwelt. Die Analyse des Koalitionsvertrags zeigt zwar, dass einige Forderungen aufgegriffen wurden – vieles bleibt jedoch weiterhin offen.

Bildung und KI: Wissen für die Zukunft

Wie leben und lernen wir in einer Welt, die zunehmend von KI-Anwendungen geprägt ist. Wie kann Bildung dabei verlässlich und frei bleiben? Mit dem zweiteiligen Workshop-Format Offene KI in der Schule haben wir 2025 begonnen, Lehrkräfte und Bildungsakteur*innen für den reflektierten Umgang mit KI-Tools im Unterricht zu gewinnen. Eine Umfrage unter Lehrkräften, Schüler*innen und Eltern hat gezeigt, wie Wikipedia und digitale Bildungsangebote heute genutzt werden – und wo Handlungsbedarf besteht. Die daraus entstandene Broschüre mit bildungspolitischen Empfehlungen haben wir an Bildungspolitiker*innen verteilt und in Gesprächen als Argumente für freie und offene Bildung genutzt.

Bildung ist auch ein Schwerpunkt der Publikation Grundrechte im Digitalen mit Stimmen von 25 Expert*innen, die wir im Herbst 2025 herausgegeben haben. Unter anderem geht es um Bildungsgerechtigkeit, Datenschutz und das Recht auf Medienbildung für mehr Medienkompetenz. Das Buch beleuchtet weiter, wie sich zwei unserer wichtigsten Grundrechte – Meinungsfreiheit und Privatsphäre – im digitalen Umfeld schützen lassen. In verschiedenen Beiträgen werden auch Lösungen für Themenbereiche wie digitale Überwachung, KI und Algorithmen sowie den digitalen Gewaltschutz vorgestellt.

Portrait Michael Kolain mit Publikation
Michael Kolain ist einer von über 25 Expert*innen, die an der Publikation „Grundrechte im Digitalen“ mitgewirkt haben. Das Buch wurde im September 2025 in Berlin offiziell vorgestellt.

Plattformen für ein besseres Internet

Das Internet ist nicht neutral. Kommerzielle Plattformen wie X, Meta oder Google prägen zunehmend den öffentlichen Diskurs – oft auf Kosten von Vielfalt und Vertrauen. In einem offenen Brief an die Regierungsparteien CDU/CSU und SPD haben wir deshalb mit anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen eine wirksamere Kontrolle digitaler Plattformen angemahnt. Die Kernforderung: Digitale Plattformen sollten nicht länger so programmiert sein, dass sie massiv Diskurse beeinflussen und Gesellschaften spalten. Um diesen Risiken zu begegnen, müssten bestehende Regulierungen wie der Digital Services Act und Digital Markets Act wirksam umgesetzt werden.

Gleichzeitig haben wir Alternativen zu Big Tech aufgezeigt und im Aktionsbündnis Neue Soziale Medien mit einer Petition und in Gesprächen mit der Hochschulrektorenkonferenz argumentiert, warum Hochschulen beispielsweise von X zu Mastodon wechseln sollten. Eine Anleitung dafür, wie der Umstieg gelingt, haben wir gleich mitgeliefert und Friedrich Merz bekam zum Start in seine Kanzlerschaft symbolisch einen Mastodon-Account geschenkt.

Portrait von Franziska Heine, Geschäftsführende Vorständin Wikimedia Deutschland e. V.
Wir können vom Weg in die digitale Plattform-Oligarchie noch abbiegen. Projekte wie die Wikipedia, Open Street Map und das Fediverse zeigen, dass das Internet auch anders funktionieren kann. Im Interesse von gesellschaftlichem Zusammenhalt und demokratischer Kultur sollte die Bundesregierung diese und weitere gemeinwohlorientierte Alternativen fördern.
Franziska Heine Geschäftsführende Vorständin Wikimedia Deutschland

Im Aktionsbündnis Neue Soziale Medien haben wir außerdem in Kooperation mit dem Bundesministerium für Umwelt und Naturschutz eine Workshop-Reihe zu Plattform-Alternativen und nachhaltigerer Digitalisierung durchgeführt. Hier ging es unter anderem darum, zu erklären, wie Wikipedia funktioniert, und potenziellen Nutzenden den Einstieg ins Fediverse zu erleichtern.

Vernetzung und internationales Engagement

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Bundesminister Dr. Karsten Wildberger (3.v.r.) besuchte unseren Stand auf der re:publica 2025. Gemeinsam mit Vertreter*innen der F5-Organisationen erinnerte Wikimedia-Vorständin Franziska Heine (links) daran, wie wichtig ein strukturell verankerter Austausch zwischen Politik und Zivilgesellschaft für eine gemeinwohlorientierte Digitalpolitik ist.

Wikimedia Deutschland war auch 2025 eng in globale digitalpolitische Prozesse eingebunden und hat sich aktiv in internationalen Gremien eingebracht – denn Wikipedia ist ein globales Projekt, das der globalen Mitgestaltung von Digitalpolitik bedarf. Als größte Organisation in der weltweiten Wikimedia-Bewegung nach der Wikimedia Foundation bringen wir uns als starke Stimme für das freie und offene Internet ein. Der Austausch mit Partnerorganisationen innerhalb der Wikimedia-Bewegung und darüber hinaus spielte dabei eine zentrale Rolle. Gemeinsam haben wir auf nationalen und internationalen Veranstaltungen politische Entwicklungen analysiert, Strategien abgestimmt und Erfahrungen geteilt – von Fachkonferenzen wie beispielsweise der re:publica in Berlin bis hin zu Formaten wie dem UNESCO Global Forum On The Ethics Of AI.

Portrait
Damit Wikipedia für alle zugänglich bleibt, müssen wir uns mit Menschen aus anderen Ländern austauschen und uns in internationalen Prozessen einbringen. Es gibt dafür ganz unterschiedliche Foren, in denen wir als Zivilgesellschaft mitsprechen – zum Beispiel beim Global Digital Compact, mit dem die Vereinten Nationen Regeln für ein sicheres und offenes Internet definieren wollen, oder im Rahmen des Weltinformationsgipfels.
Sophia Longwe Projektmanagerin Politik bei Wikimedia Deutschland

Ausblick: Freies Wissen braucht politisches Engagement

Das Jahr 2025 hat deutlich gemacht, dass Freies Wissen keine Selbstverständlichkeit ist. Es steht unter wachsendem Druck – politisch, wirtschaftlich und technologisch. Umso wichtiger ist es, die Rahmenbedingungen aktiv zu gestalten. Daher werden wir uns weiterhin dafür einsetzen, dass Wikipedia ein Ort bleibt, an dem Wissen frei, unabhängig und verlässlich zugänglich sein kann. Denn eine demokratische Gesellschaft braucht eine informierte Öffentlichkeit – und diese braucht frei zugängliches und von Menschen geprüftes Wissen.

Publikationen

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Grundrechte im Ditialen
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Informationsfreiheit für Wikipedia
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Umfrage zu digitaler Bildung

Wie Itti in 100 Tagen 286 Artikel über Frauen schrieb

Thursday, 30 April 2026 11:10 UTC

Für viele Wikipedia-Aktive sind Schreibwettbewerbe eine tolle Motivation (mehr) Artikel zu schreiben. Seit einigen Jahren starten genau 100 Tage vor dem Weltfrauentag die 100 Women Days. Das Ziel: Bis zum 8. März sollen mindestens 100 neue Wikipedia-Artikel über Frauen und zu frauenbezogenen Themen entstehen. Dieses Ziel wurde in den vergangenen Jahre weit übertroffen. Allein in der letzten Runde entstanden 2.352 Artikel.
Jedes Jahr beteiligen sich rund 125 engagierte Wikipedia-Autor*innen an der Schreibaktion. Eine besonders fleißige Schreiberin ist Itti. Im vergangenen Jahr hat sie 286 Frauenbiografien zu 100 Women Days beigetragen – größtenteils zu Künstlerinnen verschiedener Disziplinen, aber auch Widerstandskämpferinnen, Nonnen und Hexen aus den Niederlanden.

Hallo Itti, warum machst du bei den 100womendays mit?

Es ist mir ein Anliegen, gezielt etwas für die Sichtbarkeit von Frauen zu tun. Frauen haben immer Vielfältiges und auch Spannendes geleistet, leider wurden sie oft nicht gesehen. So wurden viele Kunstwerke von Malerinnen ihren Vätern, Brüdern oder Ehemännern zugeschrieben. Aber es ist auch sehr lustig und motivierend, mit anderen zusammenzuarbeiten, um den täglichen Artikelzähler in „unermessliche” Höhen zu treiben. In diesem Jahr hat jedoch die Liste der Benutzer 12321 angeführt, und ich habe 148 Artikel beigesteuert, damit den 4. Rang belegt. Es war wie immer ein toller Erfolg und es wurden schlussendlich in diesem Jahr 2180 Biografien und 172 zu anderen Frauenthemen geschrieben.

Wie bist du darauf gekommen, speziell über Niederländerinnen zu schreiben?

Im August 2023 fand eine GLAM-on Tour-Veranstaltung in Potsdam, im Museum Barberini statt. Das Thema war Impressionismus in den Niederlanden. Im Anschluss haben Alraunenstern und ich angefangen Artikel zu niederländischen Malerinnen zu schreiben. Daraus entstanden bereits im letzten Jahr viele Artikel, die in die 100 Women Days eingeflossen sind. So hat Alraunenstern in 2024 103 und ich 193 Artikel beigesteuert. Gemeinsam haben wir erreicht, dass die Niederlande die „Nationenwertung” angeführt haben. Bei den 100 Women Days 2025 haben wir unseren Einsatz erneut aufgenommen: Nachdem die Artikel über die bildenden Künstlerinnen recht erschöpfend behandelt waren, haben wir noch Widerstandskämpferinnen, Bildhauerinnen, Fotografinnen, Dichterinnen, Stifterinnen, Schauspielerinnen des 17., 18. und 19. Jahrhunderts, Tänzerinnen, Kauffrauen, Nonnen, Hexen und viele weitere Frauen für die Wikipedia erschlossen.

Was fasziniert dich an der Artikelarbeit zu diesen Frauen?

Es ist spannend, sich auf die Kultur eines Landes zu konzentrieren. Ich habe festgestellt, wie klein die Welt ist, wenn sich Verbindungen zwischen den Personen, über die ich schreibe, – seien es persönliche, aber auch geschäftliche, soziale und politische, entwickeln. Die Menschen, die einem zunächst fremd sind, entfalten faszinierende Lebensgeschichten. Es ist auch spannend, wie sich Themen, sei es die Schauspielerei, über die Jahrhunderte entwickelt haben: wer hat von wem gelernt? Wie war die Ausbildung organisiert? Wie wurde Wissen weitergegeben? Gleichzeitig habe ich sehr viel über die Geschichte der Frauenrechtsbewegung erfahren: man lernt die handelnden Frauen kennen, die Frauen, die die Anfänge gestaltet haben, die Frauen, die den Staffelstab aufgenommen haben, die Frauen, die erreicht haben, dass Frauen z. B. das Wahlrecht erringen konnten, dass sie in politische Ämter gewählt wurden. Aber auch zu sehen, dass dieser Kampf bis heute andauert, zum Beispiel beim Kampf um das Abtreibungsrecht.

Ich habe festgestellt, wie klein die Welt ist, wenn sich Verbindungen zwischen den Personen, über die ich schreibe, – seien es persönliche, aber auch geschäftliche, soziale und politische, entwickeln. Die Menschen, die einem zunächst fremd sind, entfalten faszinierende Lebensgeschichten.

Zum Abschluss: Die Artikelarbeit muss ja viele Stunden und Tage Zeit gekostet haben. Was hat dir dieser Einsatz gebracht?

Nun, ich kann inzwischen niederländisch recht gut lesen und auch verstehen, wenn jemand nicht zu schnell spricht, was ich im letzten Sommer an einer niederländischen Teilnehmerin der Wikimania ausprobieren durfte. Das hat mir doch allergrößte Freude bereitet.

 

Anmerkung: Dieses Interview wurde in einer früheren Version bereits am 10. März 2025 veröffentlicht.

Gesichter der Wikipedia

Jetzt selbst Teil der freien Wissenscommunity werden

Wer selbst Lust hat, Wissen zu teilen oder zu verbessern, kann jederzeit mitmachen.

Ein gezeichneter Laptop. Auf dem Bildschirm ist der Buchstabe W zu sehen, darunter ein Startknopf.

Generative KI verändert grundlegend, wie wir Wissen finden, nutzen und verstehen. Die Antworten aus Chat-Bots liefern aktuell meist aber keine zuverlässigen Quellen, keine Nachvollziehbarkeit und keine Garantie auf die Zuverlässigkeit der Ergebnisse. Gleichzeitig bleiben viele hochwertige Datensätze aus Kultur, Forschung und Bildung schwer zugänglich oder werden nur selten weiterverwendet.

Genau hier setzt AI-BRIDGES an: Das Forschungsprojekt will institutionelle Daten, offene Wissensinfrastrukturen und KI-Systeme verbinden – mit dem Ziel, nachhaltige und verantwortungsvolle Lösungen für ein Wissensökosystem zu entwickeln, das Menschen wirklich nutzt – und die Antworten generativer KI-Systeme langfristig transparenter und zuverlässiger macht.

AI-BRIDGES wird am Digital Humanities Research Hub der School of Advanced Study der University of London umgesetzt und von der Europäischen Kommission im Rahmen einer Marie Skłodowska-Curie Postdoctoral Fellowship gefördert. Das Projekt läuft über zwei Jahre – von September 2025 bis August 2027 – und ist von Anfang an darauf ausgelegt, Ergebnisse zu schaffen, die über die Projektlaufzeit hinaus Bestand haben. Die Grundlage bildet dafür ein Netzwerk erfahrener Partner.

Das sind die Brückenbauer

AI-BRIDGES entsteht in enger Zusammenarbeit mit einem internationalen Netzwerk aus fünf zentralen Partnern: Wikimedia Deutschland als Partner für Wikidata, Wikibase und offene Dateninfrastrukturen; Wikimedia UK mit Fokus auf institutionelle Kooperationen und öffentliche Vermittlung; Wikimedia Brasilien mit besonderer Expertise in Wikidata und Wikibase, Community-Aufbau und der Arbeit in ressourcenschwachen Kontexten sowie einem inklusiven, nicht-englischzentrierten Ansatz; Wikimedia Schweiz mit Schwerpunkt auf koordinierter Infrastrukturentwicklung; sowie Pleias, ein DeepTech-Startup und KI-Labor, mit Expertise in kulturellem Erbe, offenen Sprachmodellen und KI-Systemen für den öffentlichen Sektor.

Mit seiner langjährigen Erfahrung im Bereich offener Daten und Technologien wie Wikidata und Wikibase stellt Wikimedia Deutschland eine zentrale Infrastruktur bereit, über die umfangreiche, verifizierte, durch crowdsourcing gewonnene Daten ihren Weg ins Netz finden können. Darüber hinaus bringt der Verein bereits Erfahrungen im Brückenbauen mit: Zum Beispiel mit dem Wikidata Embedding Projekt. Hier werden Daten aus dem Wissensgraphen Wikidata in einer Vektordatenbank gespeichert, um sie für KI-Systeme leichter nutzbar zu machen. Ein zentrales Ziel dieses Projekts ist es, der Open-Source-Community die Entwicklung offener KI-Anwendungen zu erleichtern.

Neben diesen Kernpartnern arbeitet AI-BRIDGES mit einem wachsenden Netzwerk aus Einzelpersonen, Communitys, Organisationen und Institutionen zusammen, die ihre Zeit, Expertise und Perspektiven in unterschiedliche Bereiche des Projekts einbringen.

Wie AI-BRIDGES funktioniert

Bei AI-BRIDGES steht im Zentrum Daten, Systeme und Communitys sinnvoll miteinander zu verbinden. Dafür entwickelt das Projekt Workflows, Tools und kollaborative Prozesse, die es Institutionen erleichtern, ihre Daten zu strukturieren, zu teilen und weiterzuverwenden. Eine zentrale Rolle spielen dabei Wikidata und das Wikibase-Ökosystem – eine offene Infrastruktur, mit der Daten modelliert und sowohl für Menschen als auch für Maschinen öffentlich zugänglich gemacht werden können.

Gleichzeitig erforscht Wikimedia Deutschland, wie generative KI sinnvoll auf strukturierte, offene Daten zugreifen kann. Anstatt generative KI als isolierte Black Box zu betrachten, besteht das Ziel darin, sie im öffentlichen Interesse mithilfe transparenter und nachvollziehbarer Methoden mit zuverlässigen Datenquellen zu verknüpfen.

Die Herausforderungen, die wir angehen, können nicht von einzelnen Organisationen oder Disziplinen gelöst werden. Sie erfordern Zusammenarbeit über institutionelle und technische Grenzen hinweg
Projektleiterin von AI-BRIDGES, Dr. Shani Evenstein Sigalov

Was dabei entsteht

AI-BRIDGES ist als Forschungsprojekt angelegt, mit dem Ziel, Ergebnisse zu schaffen, die über die Projektlaufzeit hinaus Wirkung entfalten. Dazu gehören unter anderem:

  • Institutionen dabei zu unterstützen, ihre Daten einfacher, verantwortungsvoll und nachhaltig offen zugänglich zu machen
  • Ansätze zu entwickeln, wie offene Wissensinfrastrukturen und KI-Systeme besser zusammenarbeiten können
  • partizipative Modelle, die auch Communitys und die Öffentlichkeit in die Arbeit mit Daten einbeziehen – hier geht es im Kern um digitale Kompetenz
  • die Entwicklung konkreter Tools, Workflows und Datensätze, die in unterschiedlichen Kontexten weiterverwendet werden können
  • perspektivisch die Entwicklung eines offenen, auf strukturierte Daten ausgerichteten Sprachmodells in Zusammenarbeit mit Pleias.

Das Ziel: ein vernetztes Ökosystem, in dem Daten nicht isoliert bleiben, sondern sinnvoll genutzt, verstanden und weiterentwickelt werden können.

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Für die Zukunft des Wissens

Im aktuellen generativen KI-Boom wird oft übersehen, woher Wissen eigentlich kommt. Viele Systeme greifen auf bestehende Inhalte zurück, ohne deren Herkunft sichtbar zu machen oder sie nachhaltig einzubinden.

AI-BRIDGES will das ändern: Es schafft Verbindungen zwischen den Orten, an denen Wissen entsteht, und den Technologien, die es verbreiten. So trägt das Projekt dazu bei, Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Verantwortlichkeit im Umgang mit Daten zu stärken.

Oder anders gesagt: Wenn generative KI die Zukunft des Zugangs zu Wissen ist, dann wird genau jetzt entschieden, auf welcher Grundlage dieses Wissen steht.

AI-Bridges lebt von Zusammenarbeit

Institutionen, Forschende, Entwickler*innen, Communitys und Fördernde sind eingeladen, sich einzubringen – sei es durch Datenspenden, Expertise oder gemeinsame Projekte.

Besonders in dieser frühen Phase geht es darum, möglichst viele Daten in offenen und freien Infrastrukturen zusammenzuführen. Wikidata und das Wikibase-Ökosystem ermöglichen es, Daten strukturiert zu erfassen und öffentlich zugänglich zu machen – eine wichtige Grundlage für ihre zukünftige Nutzung, auch im Kontext von generativer KI.

Veranstaltungshinweis

Eine gute Gelegenheit zum Einstieg in die Arbeit mit Wikidata und Wikibase bietet das AI-BRIDGES Symposium am 28. und 29 Mai. Interessierte können dort nicht nur mehr über das Projekt erfahren, sondern auch praktisch lernen, wie sich Daten auf offenen Plattformen strukturieren und teilen lassen. Am 28. Mai finden Workshops statt, an denen auch online teilgenommen werden kann. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich. Der eigentliche Symposiumstag am 29. Mai findet vor Ort im Senate House im Zentrum Londons statt. Die Anmeldung ist bis zum 14. Mai geöffnet, alle sind an beiden Tagen herzlich willkommen.

Wer darüber hinaus Teil des AI-BRIDGES Netzwerks werden möchte, kann sich jederzeit auch direkt an das Projekt wenden: contact@ai-bridges.org

Wie Wiki Loves-Wettbewerbe Freies Wissen sichtbar machen

Jedes Jahr halten Profi- und Hobbyfotograf*innen weltweit Wissen in Bildern fest und reichen ihre Aufnahmen bei den „Wiki Loves“-Wettbewerbe ein. Diese zeigen eindrucksvoll, wie vielfältig und wertvoll das Engagement für freies Wissen ist. Die Fotos machen Geschichte, Natur und Kultur sichtbar und bewahren, was oft vom Verschwinden bedroht ist. Dafür gebührt allen Teilnehmenden großer Dank.

Bei Wiki Loves Monuments stehen Kultur- und Baudenkmäler im Fokus, bei Wiki Loves Earth die Natur und bei Wiki Loves Folklore Bräuche und Traditionen. Die Fotos werden unter freier Lizenz auf Wikimedia Commons hochgeladen und können damit nicht nur von uns allen frei genutzt werden, sondern bereichern vor allem etliche Wikipedia-Artikel. In diesem Jahr kamen bei den drei Wettbewerben mehr als 380.000 Fotos aus 57 Ländern zusammen.

Wiki Loves Monuments

Wiki Loves Monuments (WLM) ist der größte und älteste Fotowettbewerb der Wiki-Community. Im Mittelpunkt stehen Fotos von Kultur- und Baudenkmälern – von Schlössern über Kirchen bis hin zu Brücken und Monumenten. In 2025 haben sich 57 Länder an der Wettbewerbsrunde beteiligt – insgesamt wurden über 230.000 Fotos unter freier Lizenz eingereicht. Die meisten kamen aus der Ukraine, Polen und Italien.

Die internationalen Gewinner

Unter den Top 5 internationalen Gewinnerbildern befinden sich dieses Jahr gleich drei Monumente aus dem Iran.

Die Gewinnerbilder aus Deutschland

Aus Deutschland wurden insgesamt mehr als 14.000 Bilder auf Wikimedia Commons hochgeladen. Hier kommen die Top 5-Gewinnerbilder.

Sonderpreis Bauernhöfe

Auch in diesem Jahr hat Wiki Loves Monuments Deutschland wieder einen Sonderpreis ausgelobt. Neben dem regulären Wettbewerb wurden zusätzlich die drei besten Fotografien von Bauernhäusern und Bauerngehöften prämiert. Denn es gibt zahlreiche Bauernhöfe in den Denkmallisten der Wikipedia, aber noch viel zu wenige Bilder dazu. Das sind die Gewinnerbilder:

Feierliche Preisverleihung in Berlin

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Im Dezember 2025 ehrte Wikimedia Deutschland die Erstplatzierten der deutschen Wettbewerbe. Die Veranstaltung machte deutlich, wie sehr das Engagement der ehrenamtlichen Fotograf*innen auch über die Wiki-Community hinaus anerkannt wird.

Wiki Loves Earth

Wiki Loves Earth (WLE) ist ein weltweit ausgerichteter Fotowettbewerb, der den Fokus auf den Erhalt und die visuelle Erfassung des Natur- und Landschaftserbes legt. Ziel des Wettbewerbs ist es, das öffentliche Bewusstsein für die Bedeutung von Schutzgebieten und Naturdenkmälern zu stärken und gleichzeitig eine frei zugängliche, umfassende Bildsammlung auf Wikimedia Commons aufzubauen.

Die internationalen Gewinnerbilder

Mit 57 teilnehmenden Ländern und Gebieten wurde in diesem Jahr ein neuer Rekord erreicht. Insgesamt gingen rund 80.000 Einsendungen von mehr als 5.200 Teilnehmenden aus aller Welt ein.
Wir zeigen jeweils drei ausgezeichnete Makro- und Landschaftsaufnahmen. Besonders schön: Unter den internationalen Gewinnerbildern sind auch zwei Fotos aus Deutschland.

Die Gewinnerbilder aus Deutschland

Hier sind die bestplatzierten Landschaftsbilder des Wettbewerbs „Wiki Loves Earth 2025” aus Deutschland zu sehen.

Die schönsten Detailaufnahmen aus Deutschland

Hier sind die bestplatzierten Detailaufnahmen des Wettbewerbs „Wiki Loves Earth 2025” aus Deutschland zu sehen.

Sonderpreis Biodiversität

Der Begriff Geodiversität bezeichnet die Vielfalt geologischer, geomorphologischer, pedologischer und hydrologischer Merkmale und Prozesse. Zusammen mit der Biodiversität bildet sie die natürliche Vielfalt der Erde. Um ihre Bedeutung zu betonen, hat die UNESCO den 6. Oktober zum Tag der Geodiversität erklärt. In diesem Jahr hat Wiki Loves Earth das Thema aufgegriffen und Sonderpreise in der Kategorie „Geodiversität” vergeben.

Wiki Loves Folklore

Bei Wiki Loves Folklore dreht sich alles um lebende und gelebte Traditionen, z. B. Feste, Aufführungen, Tänze, Musiktradition, Bräuche, Spiele, Küche, Handwerk, Tracht, Märchen und Sagen. Der jüngste der großen Fotowettbewerbe hat dieses Jahr wieder seinen eigenen Rekord geknackt: International wurden 2025 doppelt so viele Fotos hochgeladen wie im Vorjahr.

Die internationalen Gewinnerbilder

Über 72.000 Bilder wurden 2025 weltweit bei Wiki Loves Folklore eingereicht. Hier sind die bestplatzierten aus dem internationalen Wettbewerb:

Die Gewinnerbilder aus Deutschland

Hier sind einige der Siegerbilder aus Deutschland. Alle Preisträger*innen des Fotowettbewerbs finden Sie auf der offiziellen Wikipedia-Seite von Wiki Loves Folklore Deutschland.

Wikimedia Commons frei nutzen

Alle Fotos der Wiki Loves-Wettbewerbe werden auf Wikimedia Commons hochgeladen – der weltweit größten Sammlung freier Medien. Dort stehen mittlerweile über 125 Millionen gemeinfreie und frei lizenzierte Fotos, Audio- und Videodateien zur Verfügung. Und das Beste daran: Diese Inhalte können nicht nur in alle Wiki-Projekte eingebunden, sondern auch jederzeit und überall genutzt werden. Wie Sie auf Wikimedia Commons nach Bildern suchen, erfahren Sie hier.

Das Präsidium spielt eine zentrale Rolle im Verein: Es besetzt den geschäftsführenden Vorstand, begleitet dessen Arbeit und entwickelt die strategische Ausrichtung von Wikimedia Deutschland und damit von Wikipedia und Freiem Wissen weiter. Doch was bedeutet es eigentlich, diese Verantwortung ehrenamtlich zu übernehmen? Was motiviert Menschen dazu, zu kandidieren und was lässt sich wirklich bewegen?

Zum Abschluss ihrer Amtszeit blicken Valerie und Nora zurück: auf prägende Momente, Herausforderungen und das, was ihr Engagement für Freies Wissen ausgemacht hat. Gleichzeitig richtet sich der Blick nach vorn – auf all jene, die sich vorstellen können, selbst für das Präsidium zu kandidieren.

Was hat euch damals dazu bewegt, euch für das Präsidium von Wikimedia Deutschland aufstellen zu lassen?

Valerie: Ich kam als Kind mit meiner Familie als Flüchtlinge nach Deutschland und meine Eltern haben uns immer eingebläut: “Wissen ist das Wichtigste auf der Welt! Du kannst es überall mit hinnehmen und keiner kann es dir stehlen”. Deshalb war Wikipedia für mich immer ein tolles Projekt und ich wollte es unbedingt stärker unterstützen.

Nora: Ich war bereits mehrere Jahre Mitglied bei Wikimedia Deutschland und hatte in einem Workshop zur Erarbeitung der Vereinswerte mitgewirkt. Der intensive Austausch mit Freiwilligen, Mitgliedern des damaligen Präsidiums und Wikimedia Deutschland-Mitarbeitenden hat mir gezeigt, wie viel Leidenschaft und Engagement in dieser Community steckt. Diese Erfahrung und meine Begeisterung für die Wikipedia haben mich dazu motiviert, ein paar Jahre später zu kandidieren.

Porträtfoto

Valerie Mocker

1. Stellvertretende Vorsitzende

Valerie Mocker ist Digital-Unternehmerin und Tech-for-Good-Investorin mit Fokus auf gemeinwohlorientierte Digitalisierung. Sie verfolgt in ihrer dritten Amtszeit im Präsidium das Ziel, Wikimedia und das Movement innovativer und offener für Frauen und junge Menschen zu machen.

Für alle, die das Präsidium noch nicht so gut kennen: Was macht die Arbeit im Präsidium konkret aus?

Valerie: Das Präsidium ist ein toller Ort für dich, wenn du dich gerne strategisch einbringen und mitgestalten willst, z. B. bei Fragen wie “Wohin soll sich die Organisation in den kommenden fünf Jahren entwickeln?”, “Wird KI uns helfen oder schaden?” oder “Wie stellen wir sicher, dass unsere Projekte auch in Zukunft finanziert und von genügend Freiwilligen getragen werden?”.

Nora: Die Aufgaben im Präsidium sind sehr vielfältig. Sie reichen von großen, strategischen Fragen zur Ausrichtung des Vereins, seiner Rolle im internationalen Wikimedia Movement über Fundraising und konkrete Budgetfragen bis hin zur Entwicklung von Impulsen für mehr Sichtbarkeit der Wikipedia. In den beiden Präsidien, in denen ich mitwirken durfte, haben sich die Mitglieder stets gut ergänzt. Jede*r konnte die eigene Expertise einbringen, ohne alle Bereiche des Vereins abdecken zu müssen. Also keine Angst, wenn ihr kandidieren wollt, aber keine Fundraising-Expert*innen seid oder die Software Wikibase noch nicht kennt.

Porträtfoto

Nora Circosta

2. Stellvertretende Vorsitzende

Nora Circosta ist Vorständin des Vereins innn.it, der die gleichnamige Kampagnenplattform für einen positiven sozialen Wandel betreibt. Davor war sie in verschiedenen Organisationen aus dem Tech-Bereich und der internationalen Entwicklungszusammenarbeit tätig. Als Präsidiumsmitglied möchte sie einen Schwerpunkt auf Diversität legen und sich auf die Nachhaltigkeit des Vereins konzentrieren.

Was hat euch persönlich am meisten überrascht, als ihr eure Arbeit im Präsidium begonnen habt?

Nora: Besonders überrascht hat mich die Kultur des offenen Dialogs – sowohl innerhalb des Präsidiums als auch in Zusammenarbeit mit der Geschäftsstelle: Alle Fragen sind willkommen, über Herausforderungen wird klar gesprochen. Das gilt für alle Beteiligten, ob Präsidiumsmitglieder, Vorstand oder Mitarbeitende von Wikimedia Deutschland. Das führt zu einer Atmosphäre, in der auch komplexe oder schwierige Themen gemeinsam und inklusiv diskutiert werden können.

Valerie: Mich hat überrascht, wie viele Menschen jeden Tag ihr Herzblut in die Wikipedia und andere Wiki-Projekte stecken. Und wie toll wir von der Wikimedia Deutschland Geschäftsstelle unterstützt wurden – sie machen es uns so leicht wie möglich, neben unseren normalen Vollzeit-Jobs auch Präsidiumsmitglied zu sein. Zum Beispiel finden unsere Sitzungen immer am Wochenenden statt und bei all unseren Tätigkeiten können wir auch auf die Unterstützung eines hauptamtlichen Ansprechpartners zurückgreifen.

Was war für euch die größte Herausforderung in eurer Amtszeit?

Valerie: Ich hatte zwei sehr schwierige Schwangerschaften und mein erstes Kind wäre nach der Geburt fast gestorben. Ich teile das hier mit euch, damit alle, die sich Sorgen machen – “kann ich das Präsidium schaffen?” –, wissen: Egal, was das Leben dir in den kommenden Jahren zuwirft – dies ist eine tolle Organisation, die dich in jeder Lebenslage unterstützen und ermutigen wird, weiterzumachen.

Nora: Die Herausforderung, die schon vor meiner ersten Präsidiumssitzung heiß diskutiert wurde und wohl noch eine Weile aktuell bleiben wird, dreht sich um die Zukunft der Wikipedia und aller Wikimedia Projekte. Insbesondere jetzt angesichts der rasanten Entwicklung von KI und der sich wandelnden globalen Rahmenbedingungen, haben wir uns als Präsidium intensiv mit neuen und bewährten Ansätzen, etwa um neue Ehrenamtliche zu gewinnen oder mehr Lesende zu erreichen, auseinandergesetzt. Ein zentrales Ergebnis war die Organisation des Zukunftskongresses 2024. Bei der Veranstaltung wurden Ehrenamtliche aus der deutschsprachigen Wikipedia zusammengebracht, um zu diskutieren, wie Freies Wissen nachhaltig weiterentwickelt werden kann. Hier gab es Impulsvorträge, Brainstormings und erste konkrete Ideen. Anfang  2026, gab es eine erfolgreiche  Fortsetzung der Veranstaltung auf internationaler Ebene mit dem „Wikimedia Futures Lab”, das von Wikimedia Deutschland und der Wikimedia Foundation organisiert wurde.

Auf welchen Moment oder welche Entscheidung blickt ihr besonders gern zurück?

Valerie: Wir haben es geschafft, die Wechsel unserer Vorstände glatt und gut durchzuführen. Mit Franziska Heine als Vorständin und Alice Wiegand als Präsidiumsvorsitzende haben wir zudem die ersten Frauen an die Spitze von Wikimedia Deutschland gebracht. Darauf bin ich sehr stolz!

Nora: Ein Meilenstein war auch die Einführung einer Vorstandsevaluation. Diese haben Valerie gemeinsam mit der Vorsitzenden Alice und mir als Mitglieder des Vorstandsausschusses in der vergangenen Amtszeit angestoßen und umgesetzt. Für uns ist eine solche Evaluation ein wichtiger Bestandteil einer modernen und verantwortungsvollen NGO-Führung. Und sie trägt maßgeblich zu einer konstruktiven Zusammenarbeit mit dem Vorstand bei.

Was habt ihr aus der Zusammenarbeit im Präsidium und mit dem Verein mitgenommen?

Valerie: Viel neues Wissen und viele tolle Begegnungen!

Nora: Die Zusammenarbeit im Präsidium war unglaublich bereichernd. Gremienarbeit kann so vielfältig und konstruktiv sein, wenn engagierte Menschen mit echtem Interesse an dem Verein, kollegial und kompromissbereit zusammenarbeiten. Wir haben gezeigt, dass ein Präsidium die Geschäftsstelle auch in schwierigen Phasen enorm unterstützen kann. Etwa bei herausfordernden Verhandlungen mit der Wikimedia Foundation oder komplexer Kommunikation in der Community. Vor allem dann, wenn Vertrauen und eine konstruktive Zusammenarbeit gegeben sind.

Nora bei der Mitgliederversammlung
Nora hat das Wort auf der Mitgliederversammlung 2024

Warum habt ihr euch entschieden, nicht erneut zu kandidieren?

Nora: In meinen zwei Amtszeiten konnte ich dazu beitragen, dass der Verein stabil aufgestellt ist. Ich freue mich, dass ich meine Erfahrungen in den Bereichen Fundraising, Führung und internationale Zusammenarbeit für Wikimedia Deutschland  einbringen konnte. Jetzt sind mal andere an der Reihe: Unter den Vereinsmitgliedern gibt es viele großartige Menschen mit weiteren wertvollen Fähigkeiten, von denen unsere Mission in den nächsten Jahren profitieren kann. Daher möchte ich ausdrücklich zur Kandidatur  ermutigen!  Außerdem  bin ich durch die Arbeit im Präsidium neugierig auf unseren Wissensgraphen Wikidata geworden – die neu gewonnene Zeit möchte ich nutzen, um dort selbst aktiv beizutragen.

Valerie: Mein Unternehmen Wingwomen.org und meine kleinen Söhne wachsen gerade gewaltig und erfordern mehr meiner Aufmerksamkeit.

Was werdet ihr am meisten vermissen?

Valerie: Die tollen Menschen!

Nora: +1 zu den Menschen! Ein diverses, kluges Präsidium, das Freude an den Sitzungen und Diskussionen hat, sowie die engagierten Mitarbeitenden bei Wikimedia Deutschland und die unkomplizierte Art der Zusammenarbeit. Danke!

Was glaubt ihr, werden die nächsten großen Herausforderungen für Wikimedia Deutschland und das Präsidium sein?

Nora: Die nächsten Jahre werden  stark von KI und der  angespannten politischen Weltlage geprägt sein, die derzeit maßgeblich durch die Entwicklungen in den USA beeinflusst wird. Damit ist  eine der wichtigsten Fragen, wie wir Freies Wissen in dieser sich schnell wandelnden Welt sichern und fördern können. Dafür braucht es klare Haltung, Mut auch mal Gegenwind auszuhalten, und eine starke internationale Vernetzung.

Valerie: Dem kann ich mich nur anschließen!

Valerie bei der Mitbliederversammlung
Die Arbeit im Präsidium lässt sich flexibel gestalten: Valerie zugeschaltet zur Mitgliederversammlung 2024.

Warum lohnt es sich aus eurer Sicht, sich im Präsidium zu engagieren?

Nora: Du hast die Chance, einen spannenden Verein wie Wikimedia Deutschland von innen kennenzulernen und seine Ausrichtung  aktiv mitzugestalten. Der Austausch mit Präsidiumskolleg*innen, der Geschäftsführung und Mitarbeitenden, sowie den Expert*innen und Freiwilligen auch auf internationaler Ebene ist enorm bereichernd.

Valerie: Du lernst sehr viel über die Arbeit an der Spitze von Organisationen, bleibst am Puls der Zeit und wirst sehr viel Spaß haben!

Was würdet ihr Menschen mitgeben, die überlegen, selbst für das Präsidium zu kandidieren?

Valerie: Du bringst  eine einzigartige Perspektive mit – die brauchen wir bei der Gestaltung des Vereins!

Nora: Fragt euch, was euch motiviert. Und dann, ob ihr Lust auf Gremienarbeit habt: aktive Teilnahme an Sitzungen, Diskussionen, konstruktive Zusammenarbeit und strategische Entscheidungen? Wenn ja, solltet ihr kandidieren!

Ich möchte besonders junge Menschen und Personen mit diversem Hintergrund ermutigen, sich zu bewerben. Gerade auch, wenn es das erste Mal ist – denn eure Perspektiven sind wichtig.

Voraussetzungen für die Kandidatur im Präsisium von Wikimedia Deutschland

Wer Interesse hat, sich im Präsidium zu engagieren, kann sich hier bewerben:

  • Die Kandidaturphase startet am Donnerstag, 16. April, und endet am Montag, 11. Mai.
  • Voraussetzung ist eine aktive Mitgliedschaft bei Wikimedia Deutschland.  

Falls Sie noch kein Mitglied sind, können Sie einen Antrag stellen. Wenn Sie bereits Fördermitglied sind, können Sie ganz unkompliziert per E-Mail in eine aktive Mitgliedschaft wechseln.

Bitte beachten Sie: Mitarbeitende von Wikimedia Deutschland sowie Personen, deren Anstellungsverhältnis am Tag der Wahl weniger als ein Jahr zurückliegt, können nicht kandidieren.

Das sind die Top 10 Wikipedia-Artikel im März

Thursday, 16 April 2026 09:16 UTC

Welche Themen die Menschen im deutschsprachigen Raum besonders beschäftigt, lesen sie in der Wikipedia nach

Im März wurden folgende Wikipedia-Artikel besonders häufig aufgerufen:

Ende 2025 erstattete die Moderatorin und Schauspielerin Collien Fernandes Anzeige gegen ihren Ex-Mann, den Schauspieler Christian Ulmen. Er soll über mehrere Jahre Fakeprofile seiner Frau ins Internet gestellt und Deepfake-Pornos verbreitet haben. Sein Wikipedia-Artikel wurde im März ca. 1,2 Millionen mal aufgerufen.

Für die Veröffentlichung ihrer Vorwürfe erhielt Collien Fernandes deutschlandweit viel Zuspruch. In Berlin nahmen Tausende an einer Demonstration unter dem Motto “Gegen sexualisierte digitale Gewalt – Solidarität mit allen Opfern” teil und in einem   Offenen Brief an die Bundesregierung fordern über 250 prominente Frauen eine Verschärfung der Gesetze zu sexualisierter digitaler Gewalt. Angesehen wurde Fernandes Wikipedia-Seite rund 1 Million mal.

Am 19.03.2026 verstarb Chuck Norris im Alter von 86 Jahren unerwartet an den Folgen eines medizinischen Notfalls. Große Berühmtheit erlangte er unter anderem als Kampfkünstler und Action-Schauspieler in verschiedenen Filmen. Seit 2005 zählen außerdem die sogenannten “Chuck Norris Facts”, im deutschsprachigen Raum auch “Chuck Norris Witze”, zu den bekanntesten Internetmemes weltweit. Sein Wikipedia-Artikel riefen Nutzer*innen 732.903 auf.

Am 01. März bestätigten die iranischen Staatsmedien den Tod des obersten Führers Ajatollah Ali Chamenei. Er war am 28.02.2026 bei einem israelisch-US-amerikanischen Luftangriff auf seine Residenz in Teheran ums Leben gekommen. Für mehr als 30 Jahre lenkte er als politisches und religiöses Oberhaupt die Geschicke der Islamischen Republik. 699.943 mal sahen sich Menschen seine Wikipedia-Seite an.

Flagge des Iran

Mit dem Ausbruch des Irankrieges Ende Februar lässt sich im März eine klare Tendenz erkennen. Nicht nur die Artikel über den Irankrieg 2026 und Ali Chamenei verzeichnen besonders hohe Aufrufzahlen, auch der Artikel zum Iran an sich zog 692.982 Wikipedia-Leser*innen an.

Cem Özdemir

Der Grünen-Politiker Cem Özdemir gewann mit seiner Partei am 08. März 2026 knapp die Landtagswahl in Baden-Württemberg. Zuvor war er bis zum Mai 2025 als Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft und kurzzeitig auch als Bundesminister für Bildung und Forschung zuständig. Zugunsten des Ministerpräsidentenamtes verzichtete er bei der Bundestagswahl 2025 auf eine erneute Kandidatur. Mit seinen persönlichen Erststimmen erreichte er das beste Ergebnis aller Politiker Baden-Württembergs, ebenso wie mit seinen 585.221 Aufrufen in der Wikipedia.

Dominik Krause ist Kommunalpolitiker von Bündnis 90/Die Grünen und designierter Oberbürgermeister von München. Zunächst erreichte er mit 29,5 Prozent die Stichwahl und konnte sich dort gegen Amtsinhaber Dieter Reiter von der SPD durchsetzen. Damit ist er der erste Politiker der Grünen, der in München zum Oberbürgermeister gewählt wurde. In der Wikipedia wurde das 503.773 mal nachgelesen.

Neben dem neuen baden-württembergischen Ministerpräsidenten interessierten sich auch 463.903 Menschen für das Gesamtergebnis der Landtagswahl. Trotz leichter Verluste konnten die Grünen einen knappen Vorsprung vor der CDU bewahren. Die AFD landete mit 19 Prozent auf dem dritten Platz, auf dem vierten die SPD mit 5,5 Prozent. Sowohl Die Linke, als auch die FDP scheiterten an der Fünf-Prozent-Hürde.

Der Oscar-Award in Gold.

Wie jedes Jahr hat es auch die Oscarverleihung 2026 mit 463.080 Aufrufen wieder in die Top 10 Wikipedia-Artikel im März geschafft. Den Oscar für den besten Film gewann One Battle After Another. Beste Hauptdarstellerin und bester Hauptdarsteller wurden Jessie Buckley und Michael B. Jorden.

Luftbild der Straße von Hormus.

Die Straße von Hormus ist eine Meerenge, die den Persischen Golf mit dem Golf von Oman verbindet, durch sie verlaufen rund 20% des weltweiten Öl- und Flüssiggastransports. Als Folge des Irankrieges gab der Iran am 2. März offiziell die Schließung bekannt und löste damit die größte Unterbrechung der Ölversorgung seit der Ölpreiskrise in den 70ern aus. Nach einer vorläufigen Waffenruhe zwischen den USA und dem Iran versucht nur ihrerseits die US-Marine, die strategische Kontrolle über die Straße von Hormus durch eine Seeblockade zurückzugewinnen. 421.249 mal informierten sich Menschen dazu in der Wikipedia.

Ein Artikel, der es zwar nicht in die Top 10 geschafft hat, aber zum Monatsende sehr viele Aufrufe verzeichnete, verdient aus unserer Sicht dennoch eine besondere Erwähnung.

Ganz Deutschland fiebert seit Wochen mit dem an der Ostseeküste gestrandeten Buckelwal mit. Nachdem das Tier sich mehrfach in Fischernetzen verfangen hatte, machten ihm ein niedriger Wasserstand und eine Sandbank das Weiterschwimmen unmöglich. Infolge einer aufwändigen Rettungsmission konnte er die Sandbank zunächst am 27. März durch eine Rinne verlassen. Wenig später strandete er allerdings erneut und sein Schicksal ist bis heute offen. Während der Buckelwal „Timmy“ mittlerweile einen eigenen Wikipedia-Artikel bekommen hat, informierten sich 172.708 Menschen insgesamt über Buckelwale im dazugehörigen Wikipedia-Artikel.

Webinar: Schreiben für Wikipedia

Wikimedia Deutschland unterstützt verschiedene Projekte, die Engagierten den Einstieg in die Wikipedia lehren. Wer selbst Lust hat, Wissen zu teilen oder zu verbessern, kann jederzeit mitmachen.

Einen Online-Kurs zur Einführung gibt es am 05. Mai, online und kostenfrei.

Ein gezeichneter Laptop. Auf dem Bildschirm ist der Buchstabe W zu sehen, darunter ein Startknopf.

Wikidata ist eine beeindruckend große Sammlung freier Wissensdaten. 2013 gestartet, besteht sie heute aus über 120 Millionen strukturierten Datensätzen, die sowohl für Menschen verständlich, als auch für Maschinen lesbar sind. Nicht nur die Wikipedia greift auf diese Daten zu, um beispielsweise Informationen wie Einwohnerzahlen oder Geburtsdaten automatisch zu aktualisieren. Wikidata bildet auch das Rückgrat zahlreicher digitaler Anwendungen innerhalb und außerhalb der Wikimedia-Welt – von großen Sprach-Assistenten über Plattformen wie Govdirectory bis hin zu Reise-Apps oder Spielen wie Wikitrivia.

Wissen im Dienste der Menschheit

Wikidata ist eine der tragenden Säulen eines offenen und transparenten Internets. Diese Bedeutung wurde im Oktober 2025 mit einer besonderen Auszeichnung gewürdigt. Die Digital Public Goods Alliance – eine von den Vereinten Nationen unterstützte Initiative – hat Wikidata als digitales Gemeinwohl anerkannt. Wenige Monate zuvor war auch die Wikipedia als Digital Public Good anerkannt worden.

Wikidata zeigt, dass Technologie den Menschen dienen kann – und nicht umgekehrt. Es ist ein Gegenentwurf zu Datenmonopolen und geschlossenen Systemen und ein Ort, an dem eine weltweite Community gemeinsam Wissen offen, frei und verlässlich verfügbar macht.
Lydia Pintscher, Portfolio Lead Wikidata bei Wikimedia Deutschland

Über 24.000 Ehrenamtliche arbeiten weltweit daran, die Datenbasis in Wikidata zu prüfen, aktuell zu halten und zu erweitern. Zusammen mit den Entwicklerteams bei Wikimedia haben diese Menschen 2025 erheblich dazu beigetragen, ein Internet zu gestalten, das gerechter, transparenter und menschlicher ist.

Wikidata Embedding Projekt fördert faire und offene KI-Lösungen

Das gilt besonders für technologische Neuerungen. Während die offenen Wikidata-Daten seit Jahren von Tech-Unternehmen für das Training von KI-Systemen genutzt werden, setzen wir uns bei Wikimedia Deutschland gezielt für die Förderung offener und fairer KI-Lösungen ein.

Ein zentraler Bestandteil dieser Arbeit ist das Wikidata-Embedding-Projekt, das 2024 ins Leben gerufen wurde. Sein Ziel ist es, insbesondere Open-Source-Entwicklern den Zugriff auf die Daten von Wikidata zu erleichtern und so die Entwicklung innovativer, KI-basierter Anwendungen zu fördern, die der Öffentlichkeit zugutekommen.

Im Rahmen des Projekts haben wir im Herbst 2025 eine Vektordatenbank veröffentlicht, die die hochwertigen Daten von Wikidata verarbeitet und sie direkt für die Entwicklung generativer KI-Anwendungen nutzbar macht. Davon profitieren vor allem kleinere Entwicklerteams und Open-Source-Initiativen, für die eine solche Aufbereitung in der Vergangenheit oft kaum zu leisten war.

Der Start des Embedding Projekts zeigt, dass leistungsstarke KI nicht von einer Handvoll Unternehmen kontrolliert werden muss – sie kann offen und kollaborativ entstehen.
Philippe Saadé, AI/ML-Projektmanager bei Wikimedia Deutschland

In der ersten Phase des Embedding Projektes wurden rund 23 Millionen Items aus Wikidata über die neue Datenbank bereitgestellt. Weitere Daten sollen folgen. Das Interesse an dem Angebot ist bereits hoch: Seit dem Launch wurde auf die Vektordatenbank zwischen 100.000 und 150.000 Mal pro Monat zugegriffen.

Community-Aufbau über Kontinente

Als Wikimedia Deutschland haben wir uns zum Ziel gesetzt, dass noch mehr Menschen Projekte wie Wikipedia und Wikidata nutzen und zu ihnen beitragen können. Dafür wollen wir leichtere, gerechtere und barriereärmere Zugangsmöglichkeiten und Vernetzungen schaffen.

Ein Beispiel für neue Wege bei der internationalen Zusammenarbeit ist das Projekt Software Collaboration for Wikidata, das bis Juni 2025 vom Arcadia Fund gefördert wurde. Im Rahmen dieser Kooperation arbeiteten Entwickler*innen-Teams aus Deutschland, Indonesien, Nigeria, Ghana und Brasilien daran, praktische Werkzeuge für die Arbeit in der freien Wissensdatenbank zu entwickeln – gerade auch in kleineren Sprachversionen, für die es oft keine Technologie oder keinen Zugang zu Informationen im Internet gibt. Unter anderem entstand das neue Tool Broomstick, das Editierenden dabei hilft, Probleme in Wikidata zu erkennen und zu beheben.

Aus der Software Collaboration for Wikidata ist auch das Projekt Wiki Mentor Africa hervorgegangen. Die Trainingsserie wurde von einem Team aus Nigeria ins Leben gerufen, das Workshops und Hackathons in verschiedenen afrikanischen Ländern anbot. Durch das Programm wurden viele Menschen befähigt, mit Wikidata zu arbeiten und ihr Wissen in ihrer Sprache ins Internet zu bringen.

Wikimedian of the Year: Auszeichnung für Softwareentwickler aus Deutschland

Portrait

Weltweit setzen sich hunterttausende Menschen ehrenamtlich dafür ein, dass Wissen frei zugänglich wird. Mit der Auszeichnung „Wikimedian of the Year“ werden jedes Jahr besondere Beiträge und Errungenschaften gewürdigt. 2025 ging der Preis unter anderem an Eugene Agbor Egbe. Der gebürtige Kameruner lebt in Paderborn und gestaltet als Softwareentwickler die technologische Zukunft von Wikimedia mit. Als Mentor im „Wiki Mentor Africa“-Programm gibt er sein Wissen und seine Erfahrung an neue Ehrenamtliche in afrikanischen Communitys weiter. Mehr dazu.

Wie Wikidata Projekte möglich macht: Einblicke von der WikidataCon

Wie vielseitig die Daten aus Wikidata eingesetzt werden können, wird jedes Jahr auf verschiedenen Veranstaltungen deutlich. Dazu gehören die Wikidata Data Reuse Days oder auch das Event Wikidata and Sister Projects. Ein weiterer zentraler Treffpunkt der internationalen Wikidata-Community ist die WikidataCon, auf der sich jährlich Ehrenamtliche, Entwickler*innen, Forschende und Organisationen austauschen, die mit Wikidata arbeiten.

Bei der Konferenz 2025, die Ende Oktober digital stattfand, war auch der Ehrenamtliche „Cookroach“ dabei. Er stellte das von ihm mit initiierte Projekt „Digitale Stolpersteine“ vor. Europaweit gibt es bis heute über 116.000 Gedenksteine für die Opfer des Nationalsozialismus. In dem Projekt werden Fotos der Gedenksteine mit den Biografien der Ermordeten und weiteren historischen Hintergründen zusammengetragen und in Wikidata verknüpft. So entsteht ein einzigartiges digitales und frei zugängliches Netzwerk der Erinnerung.

Ein weiteres Projekt, das auf der WikidataCon vorgestellt wurde, ist eine App für Hörtraining, die auf Wikidata-Lexemen basiert und Menschen mit Hörschwierigkeiten unterstützt.

Arbeit am Wikibase-Ökosystem

Ein weiterer Schwerpunkt für Wikimedia Deutschland lag 2025 auf dem Ausbau des Wikibase‑Ökosystems. Wikibase ist die Software, auf der auch Wikidata basiert. Hier entsteht nun ein vielfältiges, dezentral organisiertes Netzwerk von Daten-Instanzen. So sollen Techcommunitys, Forschungsgruppen und Institutionen eigene Wissensdatenbanken ganz im Stil von Wikidata, sogenannte Wikibase-Instanzen, betreiben können, um spezialisierte Daten unabhängig zu pflegen.

Eines von vielen Beispielen ist das Projekt einer Gruppe aus Peru, die Wikibase nutzt, um die indigene Quechua-Sprachfamilie zu dokumentieren und ein frei zugängliches Wörterbuch aufzubauen. Auch die National Library of Nigeria nutzt Wikibase, um Daten über nigerianische Autor*innen besser zugänglich zu machen und so die Vernetzung innerhalb der nigerianischen Wissenslandschaft zu stärken.

Die Zukunft ist frei und offen

All diese Entwicklungen zeigen, wie wichtig freie und offene Wissensprojekte wie Wikidata und Wikibase sind. Nicht nur die Zahl der zugänglichen Daten wächst kontinuierlich – auch immer mehr Menschen und Initiativen arbeiten an und mit den Projekten. Diese Entwicklung wird von Wikimedia Deutschland auch in Zukunft gefördert.

Franziska Heine, Portrait
Durch Open-Source-Projekte wie Wikidata können wir Wissensmonopole verhindern und sicherstellen, dass Wissen als gemeinsames Gut allen Menschen gleichermaßen zugutekommt.
Franziska Heine, Geschäftsführende Vorständin von Wikimedia Deutschland

Open Source Award für Wikidata – Interview mit Preisträgerin Lydia Pintscher

Lydia Pintscher bei Preisverleihung
Lydia Pintscher erhält einen European Open Source Award 2025 in der Kategorie Advocacy & Awareness

Große Ehre für Open Source und Freies Wissen: Lydia Pintscher wurde im Januar 2025 mit dem Europäischen Open Source Award ausgezeichnet! Als eine der treibenden Kräfte hinter Wikidata hat sie maßgeblich dazu beigetragen, eine offene und vernetzte Datenbasis für die Welt zu schaffen. Im Interview spricht sie über die Bedeutung von Wikidata, die Rolle von Open Source und warum dieser Preis auch ein wichtiger Meilenstein für die Community ist.

Freies Wissen funktionierte lange nach einer einfachen Gleichung: Menschen schreiben ehrenamtlich Inhalte, andere können sie lesen und frei weiterverwenden. Crawler und Bots gab es zwar schon immer, doch sie bewegten sich im Hintergrund in einem überschaubaren Rahmen – etwa zur Indexierung für Suchmaschinen oder andere Wissensplattformen. Viele Nachnutzer, wie beispielsweise Suchmaschinen oder Sprachassistenten, führten Nutzer*innen zudem wieder zurück zu Wikipedia und anderen Projekten. So entstand ein funktionierendes Ökosystem, in dem Nutzung und Mitwirkung sich gegenseitig verstärkten.

In den vergangenen Jahren hat sich dieses Gleichgewicht jedoch grundlegend verschoben. Mit dem Aufkommen generativer KI-Systeme ist der Datenverkehr durch Crawler und Bots großer KI-Anbieter sprunghaft angestiegen. Sie analysieren Inhalte, extrahieren Daten und nutzen sie, um eigene Systeme zu betreiben oder zu trainieren – ohne dabei etwas an die Wikimedia-Projekte zurückzugeben.

Für die technische Infrastruktur, die über Jahre hinweg für menschliche Nutzung, Wissenssuche und ehrenamtliche Zusammenarbeit aufgebaut wurde, stellt das eine enorme Herausforderung dar: Automatisierte Zugriffe belasten Server, verlangsamen Werkzeuge und beanspruchen genau die Ressourcen, die die Community von Wikipedia oder Wikidata für ihre Arbeit benötigt.

Wenn Nutzung zur Belastung wird

In diesem Umfeld trägt Wikimedia Enterprise dazu bei, wieder etwas Balance herzustellen. Die Initiative der Wikimedia Foundation verfolgt zwei zentrale Ziele:

  • Erstens soll sie die Arbeit der Community und die Stabilität der Infrastruktur für Freies Wissen schützen.
  • Zweitens bietet sie großen Technologieunternehmen einen skalierbaren Zugang zu Wikimedia-Inhalten – in Formaten, die sich besser für deren technische Anforderungen eignen, für die Nutzung durch Menschen aber oft weniger relevant sind.

Damit folgt Wikimedia Enterprise den Empfehlungen der Wikimedia Movement Strategie, die auf mehr Nachhaltigkeit innerhalb der Bewegung und eine Verbesserung der Nutzererfahrung abzielen. Diese Empfehlungen wurden zwischen 2018 und 2020 in einem kollaborativen Prozess mit Wikimedia-Organisationen und den Communitys weltweit erarbeitet.

Über die APIs von Wikimedia Enterprise erhalten Nutzer*innen strukturierte und verlässliche Daten. Für kommerzielle Anwendungen mit hohem Datenbedarf bietet das Angebot unter anderem höhere Abfragekapazitäten, Zugriff auf Echtzeit-Änderungen in großem Umfang sowie professionellen 24/7-Support. Das Preismodell ist dabei so gestaltet, dass alle Funktionen grundsätzlich auch über einen kostenlosen Zugang im Sinne der Projektprinzipien verfügbar sind – größere Nutzungskontingente sind jedoch kostenpflichtig.

Die Einnahmen aus Wikimedia Enterprise fließen zurück in die Wikimedia-Projekte und unterstützen langfristig Infrastruktur, Softwareentwicklung und Community-Arbeit. Gleichzeitig wird sichergestellt, dass die öffentlichen Schnittstellen, die von Ehrenamtlichen und Leser*innen genutzt werden, nicht zusätzlich belastet werden. Textbasierte Wikimedia-Projekte wie Wikipedia, Wikivoyage oder Wiktionary sind bereits über Enterprise verfügbar – nun kommt mit Wikidata ein weiterer zentraler Baustein hinzu.

Wikidatas Inhalte als Teil des Enterprise-Angebots

Wikidata nimmt im Wikimedia-Ökosystem eine besondere Rolle ein. Anders als klassische Wikipedia-Artikel besteht es aus strukturierten Aussagen – sogenannten Tripeln –, die Beziehungen zwischen Dingen beschreiben: Subjekt → Prädikat → Objekt, zum Beispiel: Marie CurieBerufPhysikerin. Dadurch sind die Daten nicht nur für Menschen lesbar, sondern auch direkt maschinell weiterverarbeitbar. Genau deshalb sind sie für Suchmaschinen, KI-Systeme und Wissensdatenbanken besonders wertvoll.

Da Wikidata-Daten nun auch über die Enterprise-APIs verfügbar sind, können kommerzielle Nutzer*innen gezielt einzelne Datensätze abrufen, Änderungen in Echtzeit verfolgen oder große Datenmengen nahtlos in ihre Systeme integrieren – ohne die offenen Schnittstellen der Community zu überlasten. Für Unternehmen bedeutet das vor allem: planbare Verfügbarkeit, konsistente Datenformate und technische Unterstützung für den Einsatz in produktiven Anwendungen.

In dieser ersten Phase liegt der Fokus auf einem Beta-Zugang, über den Daten entweder in Echtzeit – also direkt bei Änderungen – oder gezielt auf Anfrage abgerufen werden können. Vollständige Datensätze („Snapshots“) werden in einem späteren Schritt ergänzt. Weitere Details zu den technischen Funktionen finden sich im Ankündigungsblog.

Neue Arbeitsteilung hinter den Kulissen

Für die Community ist diese Entwicklung vor allem deshalb relevant, weil sie die Zugriffsstrukturen neu ordnet. Wenn große Crawler und Bots künftig verstärkt über Wikimedia Enterprise auf die Daten zugreifen, reduziert sich die direkte Belastung der technischen Infrastruktur von Wikidata und Wikipedia. Das sorgt für stabilere Tools, weniger Ausfälle und insgesamt mehr Verlässlichkeit für alle, die an den Wiki-Projekten arbeiten.

Gleichzeitig bleiben die bestehenden Zugänge zu Wikidata – etwa der SPARQL Query Service oder die REST-API – unverändert bestehen. Laut Wikimedia Foundation werden sie weiterhin der zentrale Zugang für Community-Tools, Forschung und experimentelle Anwendungen bleiben. Wikimedia Enterprise ersetzt diese Schnittstellen nicht, sondern ergänzt sie um ein Angebot für hochvolumige, kommerzielle Nutzung.

Dass diese Trennung notwendig geworden ist, hängt auch mit der veränderten Rolle von Wikidata zusammen. Der Wissensgraph ist längst mehr als ein internes Hilfsmittel für Wikipedia und andere Schwesterprojekte – er ist zu einer globalen Infrastruktur für strukturierte Informationen geworden, die von zahlreichen externen digitalen Projekten genutzt wird.

Mit über 120 Millionen Einträgen und Verbindungen zu externen Normdatenbanken wie VIAF (einer internationalen Datei zur eindeutigen Identifikation von Personen und Werken) oder GND (der Gemeinsamen Normdatei, die vor allem im deutschsprachigen Bibliothekswesen genutzt wird) ist Wikidata zu einem zentralen Knotenpunkt im offenen Daten-Ökosystem geworden. Entsprechend wichtig ist eine stabile und verlässliche Infrastruktur, auf die sich viele Menschen und Anwendungen verlassen können.

Community first

Die Integration von Wikidata in Wikimedia Enterprise wirft in der Community verständlicherweise auch Fragen auf: Bleiben die offenen Daten langfristig wirklich frei, wenn sie über kostenpflichtige Schnittstellen bereitgestellt werden? Können auch nicht-kommerzielle Projekte mit sehr hohem Datenbedarf auf die Wikidata-Daten über die Enterprise-APIs zugreifen? Und entstehen der Community gegenüber Unternehmen tatsächlich keine Nachteile?

Die kurze Antwort auf alle diese Fragen ist laut Wikimedia Foundation: Ja.

Alle Daten in Wikidata bleiben weiterhin unter der freien Lizenz CC0 verfügbar und alle bisherigen Zugänge bleiben bestehen. Enterprise schafft keinen exklusiven Zugriff, sondern bietet lediglich einen alternativen Weg für Akteure mit sehr hohem Datenbedarf. Das Motto der Wikimedia Foundation dabei ist: „Das Wissen ist frei – die Infrastruktur ist es nicht.

Deshalb können die Wikimedia Enterprise APIs in kleinerem Umfang auch von allen kostenlos genutzt werden, oder über die Wikimedia Cloud Services auf Echtzeitdaten zugreifen. Wenn nicht-kommerzielle Projekte und Partner, die unsere Mission teilen, mit großen Datenmengen arbeiten und erweiterte Anforderungen haben, können sie kostenfreien Zugang zu erweiterten Nutzungsmöglichkeiten beantragen – ähnlich wie kommerzielle Nutzer*innen. So nutzt beispielsweise die gemeinnützige Organisation Internet Archive, die alle Internetinhalte archiviert und eine wichtige Rolle bei der Bewahrung von Wissen im Internet spielt, den Echtzeit-Stream von Wikimedia-Inhalten über die Enterprise APIs kostenlos. Wer sich dazu im Detail informieren will, findet hier mehr Informationen.

Auch wenn sich das Angebot von Wikimedia Enterprise stärker an externe, auch kommerzielle Zielgruppen richtet, steht im Kern etwas anderes im Mittelpunkt: der Schutz der Arbeit der Community und die Sicherung Freien Wissens. Für Community-Mitglieder und Leser*innen entstehen dadurch keine Einschränkungen – im Gegenteil: Das Angebot soll gerade dazu beitragen, solche Einschränkungen langfristig zu vermeiden.

Bezahltes Wikipedia-Schreiben in der Belletristik

Monday, 12 September 2022 20:02 UTC

Bezahltes Schreiben im PR-Auftrag in der Wikipedia, ist ein Thema, das mich und die Wikipedia-Community seit einigen Jahren umtreibt. Das Thema wabert seit etwa 2010 durch die Wikipedia, mal intensiver und mal weniger intensiv diskutiert; mal mit Skandal und mal ohne. Aber wenn man sich, ganz ohne Insiderkenntnisse, einfach mal durch Wikipedia-Artikel lebender Personen clickt (sei es in der deutschen Ausgabe oder der englischen): normalerweise riecht man die gekauften und geschönten Artikel 500 Kilobyte gegen den Wind. Die peinlichen PR-Artikel: weil auch die siebte Teilnahme am Rettet-die-Bergdackel-Benefiz-Gala-Dinner getreulich unter dem Punkt „gesellschaftliches Engagement“ gelistet wird. Die weniger peinlichen PR-Artikel: weil sie so nichtssagend sind.

Wie lange das Problem existiert und wie sehr es schon vor vielen Jahren auffiel, wurde mir letztens beim lesen gewahr. Es war ein Fantasy-Crime Roman – komplett fiktiv, mit vagen Bezugspunkten zu unserer Welt. Und selbst dort kommt Wikipedia-PR-Schreiben vor. Es geht um „Moon over Soho“ von Ben Aaronovitch. Erstmal erschienen 2012 bringt es der Roman auf den Punkt:

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Auf deutsch etwa:

„Die Reichen, vorausgesetzt sie vermeiden Prominenz, können etwas Unternehmen um ihre Anonymität zu bewahren. Lady Tys Wikipedia-Artikel las sich als wäre sie von einem PR-Schreiber verfasst worden, denn zweifellos hatte Lady Ty einen PR-Schreiber beschäftigt, um sicherzustellen, dass die Seite ihren Vorstellungen entsprach. Oder wahrscheinlicher: Einer ihrer „Leute“ hatte eine PR-Agentur beauftragt, die einen Freelancer beschäftigt hatte, der das in einer halben Stunde runtergeschrieben hatte, damit er sich schneller wieder auf den Roman konzentrieren konnte, den er grade schrieb. Der Artikel gab preis, dass Lady Ty verheiratet war, zu nicht weniger als einem Bauingenieur, dass sie zwei schöne Kinder hatten von denen der Junge 18 Jahre alt war. Alt genug um Auto zu fahren aber jung genug um noch zu Hause zu wohnen.“

Diese Beschreibung trifft auch zehn Jahre später auf einen Großteil aller PR-Artikel zu. Schnell und lieblos, aber professionell gemacht. Oft genug mit Versatzstücken aus anderen Werbematerialien; zu unauffällig, um jemand ernstlich zu stören. Aber auch zu nichtssagend, um der Leser*in auch nur den geringsten Mehrwert zu bieten.

Damit hat ein Roman-Autor, der selber kein aktives Mitglied der Wikipedia-Community ist, die PR-Problematik schon im Jahr 2012 richtiger eingeschätzt als ein relevanter Teil der diskutierenden Community im Jahr 2022.

(Und Randbemerkung: die Community rächte sich, indem sie Aaronovitchs Autoren-Artikel mit einem unvorteilhaften Autorenfoto versah – no PR-flack weit und breit war hier unterwegs.)

Von einer anderen Form des beeinflussten Schreibens erfuhr ich heute beim Mittagsessen. In immer mehr autoritären Regimes scheint es vorzukommen, dass einzelne Wikipedia-Autor*innen, die in dem jeweiligen Land leben, einen Anruf oder einen Besuch bekommen. Mit dem freundlichen Tipp, doch den ein oder anderen Artikel zu „verbessern“ sonst.. Das ist natürlich noch raffinierter: Einfach einen etablierten Nutzer und dessen Vertrauensvorschuss nehmen und in dieser Tarnung PR-Edits durchführen.

Die Lyrik der Wikipedia-Auskunft

Monday, 18 July 2022 17:15 UTC

Menschen können auf der Wikipedia:Auskunft Fragen an die Wikipedia richten. Die Fragen sind mal banal, mal lehrreich, und manchmal hohe Poesie. Daran solltet ihr teilhaben.

Ich stelle mich auf, Brust nach vorne, Kinn nach oben, räuspere mich noch einmal und deklamiere:

Honda Motorrad,
6-Zylinder,
6 Vergaser,
Blockmotor quer,
luftgekühlt.

Alle Daten fehlen!
Keine Daten vorhanden.
Warum?

Die Frage stammte von einer nicht angemeldeten Person, die am 17. Juli um 16:19h mit der IP 2003:D4:2713:1F50:F120:9BAE:47CF:6C2A unterwegs war.

Beitragsbild: 2016-08-05 Tokaido Seki Juku Kameyama City Mie,東海道五十三次 関宿 DSCF6949☆ von: 松岡明芳 Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International

Wir waren dieses Jahr mit WikiAhoi wieder bei der SMWCon dabei. Die Konferenz zu Semantic MediaWiki findet zweimal pro Jahr statt, im Frühling in Nordamerika und im Herbst in Europa. Letztes Jahr waren wir schon in Wien dabei und dieses Jahr gings ins herbstlich-sonnige Barcelona. In freundlicher, persönlicher Atmosphäre wurden technische Neuigkeiten, innovative Projekte und besondere Anwendungsfälle besprochen. Wir möchten Sie an den wichtigsten Neuerungen teilhaben lassen.

Neuigkeiten aus der Semantic MediaWiki-Welt

Semantic Forms (Version 3.4 September 2015) hat sich mittlerweile als eigenständige Erweiterung etabliert und ist nun technisch nicht mehr von der Grunderweiterung Semantic MediaWiki abhängig. Weitere wichtige Änderungen:

  • Statt den Spezialattributen werden nun ParserFunctions eingesetzt.
  • Kartenbasierte Eingabeformate (Google Maps, Open Layers) sind nun möglich – diese werden nur eingesetzt, wenn Semantic Maps nicht vorhanden ist.
  • Weiters wird nun Cargo unterstützt, es lassen sich in Formularen auch Eingabeformate und die Autovervollständigungsfunktion aus Cargo nutzen.
  • Dazu kann man nun auch „mapping“-Werte hinterlegen, das sind andere Werte, als auf der Seite angezeigt werden.
  • Ein neuer Parameter erlaubt es, nur einzigartige Werte speichern zu lassen.
  • Alle roten Links können nun mit einer einzelnen Einstellung auf eine Formularauswahlliste weitergeleitet werden.

Die MediaWiki Stakeholder’s Group nahm die Konferenz zum Anlass, um weitere Schritte zu besprechen: Ziel der Gruppe ist die Koordination und die Kommunikation mit Wiki-Nutzern in Unternehmen, die Unterstützung von Entwicklern und Administratoren und die offizielle Kommunikation mit der Wikimedia Foundation. Wikipedia hat etwas andere Ziele als einzelne Drittnutzer der Software MediaWiki. Es geht also stark darum, die Interessen der Nutzer von Wiki in Unternehmen zu vertreten und in der Weiterentwicklung der Software voranzutreiben.

Interessante neue semantische Erweiterungen gibt es zu Breadcrumbs, Zitaten, Sprachenlinks und Metatags:

Und warum „eine Konferenz mit Folgen“? Diese Konferenz hat Folgen auf mehreren Ebenen: Wir haben persönliche Kontakte für Zusammenarbeit und Austausch geknüpft, es wurden Ideen beflügelt und Inspirationen für neue Projekte ausgetauscht, die Motivation wieder gestärkt, das Projekt MediaWiki als Ganzes voranzubringen und nicht zuletzt viele Features und Software-Änderungen besprochen, die in der Regel meist recht schnell umgesetzt werden. Die Konferenz war somit ein voller Erfolg.

Die Konferenz fand von 28.–30.10.2015 in Barcelona statt, in der schönen Fabra i Coats Kunstfabrik im Stadtteil Sant Andreu. Knappe 40 Teilnehmer nahmen an einem Tutorial- und zwei Konferenztagen teil.

WikiPRedia

Tuesday, 23 November 2021 17:31 UTC

Die deutschsprachige Wikipedia-Community versucht wieder einmal, die Regeln zum bezahlten Schreiben zu verschärfen. Das Thema wabert ungelöst seit Jahren durch das Wikiversum. Und auch dieses Meinungsbild ist ein notwendiger Schritt voran. Aber der Weg ist noch weit. Der beste Kommentar meinerseits wäre die Komposition eines Quartetts für Singende Säge, Bassdrum, Cembalo und Spottdrossel.

Aber ich kann nicht komponieren. Deshalb kommt das Nächstbeste: ein Gedicht.

Wikipredia

Die Regeln
existieren und doch nicht
nach Mondstand

Die Ethik
absolut seit Anbeginn
nein denn ja

Die Praxis
gesperrt verworfen gelöscht
freigeschaltet

Wikipredia
Darwinismus der Agenturen
Überleben des Dreistesten

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Allein mit der Madonna zum Hasen

Thursday, 30 September 2021 19:49 UTC

Darmstädter Madonna
Hans Holbein der Jüngere, 1526/1528
Öl auf Nadelholz (?), 146,5 × 102 cm
Sammlung Würth, Johanniterhalle (Schwäbisch Hall)

Wikipedia-KNORKE erwähnte ich ja an dieser Stelle schon einmal. Berliner Wikipedianerinnen und Wikipedianer treffen sich und erkunden zusammen eine ihnen unbekannte Gegend. Soweit so üblich. Diesmal jedoch gab es etwas besonderes: Auf ins Museum!

In Berlin gastiert gerade die Darmstädter Madonna, ein 1526 entstandenes Gemälde von Hans Holbeim dem Jüngeren. Diese Madonna hat eine bewegte Lebens- und Reisegeschichte, ist eines der bedeutendsten deutschen Gemälde des 16. Jahrhunderts und kann Menschen auch über Jahre faszinieren. Wunderbar, wenn man eine kundige Bilderklärung der Autorin des exzellenten Wikipedia-Artikels dazu bekommt.

Wir trafen uns einige Minuten vor der Öffnung in kleiner Gruppe vor dem Bode-Museum und konnten - da alle Anwesenden über eine Jahreskarte verfügten - auch sofort zur Madonna und zur Sonderausstellung "Holbein in Berlin" begeben. Der Raum war noch leer, die Museumswachmannschaft ließ freundlicherweise die leise aber engagiert redende Gruppe gewähren. Ein einziger Saal, in dessen Mittelpunkt die Madonna hängt. Links davon einige Holbein-Teppiche, ansonsten weitere Bilder und Zeichnungen von Holbein, Inspiratoren und andere Madonnen. Nicht überladen, sinnvoll aufbereitet und mit einem klaren Konzept - eine der besseren Kunstausstellungen.



Und dann ging es los: Es begann mit Schilderungen von der bewegten Entstehungszeit zur Zeit des Basler Bildersturms im Auftrag des Basler Ex-Bürgermeisters Jakob Meyer zum Hasen. Die Aussage des Bildes traditioneller Marienfrömmigkeit in Zeiten der Reformation war Thema, ebenso natürlich wie der Teppich und seine Falte. Wir staunten über die Eigentümlichkeit, dass sich niemand auf dem Gemälde eigentlich anschaut und wurden über dden Unterschied zwischen Schutzmantelmadonnen und Stifterbildern aufgeklärt. Vermutungen tauchten auf, wo das Bild wohl im Original hing - vermutlich in der Martinskirche als Epitaph - und wir verfolgten gedanklich seine Wanderung aus Basel über den Grünen Salon im Berliner Stadtschloss bis hin zum Hause Hessen und das Frankfurter Städelmuseum bis hin zum spektakulären Verkauf an die Privatsammlung Würth. Die Meinungen über die Sammlung Würth in der Gruppe waren durchaus geteilt, ebenso wie die richtige Benennung des Bildes: ist es nun eher die Darmstädter Madonna oder eher die Madonna des Bürgermeisters Jakob Meyer zum Hasen?

Über die Darmstädter Madonna ging es dann zur Dresdner Madonna und einem der prägenden Momente deutscher Kunstgeschichte: dem Dresdner Holbeinstreit. Im 19. Jahrhundert wurde es den Menschen bewusst, dass es zwei fast identische Holbein-Madonnas gab und nur eine die echte sein konnte. In einer großen Ausstellung, unter lebhafter Anteilnahme der Öffentlichkeit und erregten Debatten der Experten entschieden sich die Kunsthistoriker schließlich für das Darmstädter Gemälde. Eine Sensation,  da die Kunstkennerschaft vorher felsenhaft von der Originalität des Dresdner Gemäldes ausging. Hier zeigte sich erstmals das Bemühen, um eine rein sachlich, objektive Abwägung der verschiedenen Gesichtspunkte - der Dresdner Holbeinstreit ist einer der Ausgangspunkte um die Kunstwissenschaft als Wissenschaft zu etablieren. Und - wie sich später herausstellte - lag die Kunstwissenschaft auch in diesem ihren Anfangsurteil richtig; sämtliche mittlerweile vorhandenen naturwissenschaften Verfahren die Darmstädter Madonna als die originale der beiden bestätigten.

Erkenntnisse am Rande: eine weitere Kopie des Gemäldes (beziehungsweise eine Kopie der Kopie - es stellt aus unerfindlichen Gründen das Dresdner Exemplar dar) hat sich in das Set des James-Bond-Filmes "Man lebt nur zweimal verirrt".

Hans Holbein der Jüngere: Bildnis des Danziger Hansekaufmanns Georg Gisze in London, 1532. Eichenholz, 96,3 × 85,7 cm. Gemäldegalerie Dahlem der Staatlichen Museen zu Berlin – Preussischer Kulturbesitz

Und nachdem wir dann auch noch gerätselt hatten, wer die beiden Knaben unterhalb der Madonna sind, den verschwundenen Haaren der Tochter nachspürten und weiter über den Teppich in der Renaissancemalerei sinniert hatten, kamen wir dann nach knapp einer Stunde noch zu Georg Giesze. Giesze (auch Georg Giese) ist Titelheld in einem anderen Holein-Hauptwerk, das praktischerweise fünf Meter weiter links hing. Wieder mit Teppich und nun auch noch mit Glas, Metall, Bücherregalen und Briefen. Gedanklich begleitete wir Holbein dann weiter von Basel nach Antwerpen und London. Mittlerweile hatte sich der Raum etwas gefüllt. Nachdem wir dann noch den Weg aus dem Museum gefunden hatte (wie immer im Bodemuseum nicht ganz einfach und jedes mal findet man zwischendurch neue Säle) folgte noch ein erschöpfter Abschlusskaffee.

Eine Stunde fast allein mit der Madonna. Und immer noch Neues zu entdecken. Image

Wen wählen in das Board der Wikimedia Foundation?

Friday, 20 August 2021 21:03 UTC

Vorweg, für die Eiligen

Meine Wahlvorschläge

  • Top 4: Douglas Ian Scott, Iván Martínez, Adam Wight, Dariusz Jemielniak
  • Top 8: Rosie Stephenson-Goodknight, Lorenzo Losa, Farah Jack Mustaklem, Gerard Meijssen
  • Wählbar: Reda Kerbouche, Pavan Santhosh Surampudi, Ravishankar Ayyakkannu

Wichtige Links

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Vote now für das Wikimedia-Board

Für die nicht so Eiligen

Über den Dächern, Türmen und Gasometern Westberlins senkte sich die Abendsonne. Ich stand auf den Zinnen des Ullstein Castles und sinnierte. Direkt unter mir Straßentreiben, Sirenen, betrunkene Jugendliche, ein Ausflugsboot auf dem Teltowkanal, radelnde Ausflügler überquerten die Stubenrauchbrücke.

In der Ferne betrachtete ich die Türme des Spitzenlastheizkraftwerks Lichterfelde, der Sendeturm auf der Marienhöhe, den BfA-Büroturm und den ehemaligen Wasserturm im Naturpark Schöneberger Südgelände. Heute Nacht auf dem Heinweg: Welchen Weg sollte ich wählen? Unten, im Süden, über den Prellerweg vorbei am Sommerbad am Insulaner? Die Nordvariante über den Tempelhofer Damm und durch die Kopfsteinpflaster Tempelhofs? Oder die Mittelweg, mit Erklimmen der Höhe am Attilaplatz und später über den Ikea-Parkplatz? So viel zu wählen.

Wahlen spukten in meinem Kopf herum. Da war die Mitgliedsversammlung unseres Dauergartenvereins. Die Vorstandswahlen dort sollten wahrscheinlich, hoffentlich, unspektakulär verloren. Aber die Anträge. Wenn ein einzelnes Mitglied auf einem A4-Blatt 40 verschiedene Anträge stellt, richtig ernsthaft, dann verspricht das Unterhaltung.

Die Bundestagswahl: Auf dem Weg zum Ullstein Castle passierte ich zahlreiche Bundestagstagswahlplakate: den unlesbaren Blob der Grünen in Tarnfarbenoliv, die bildhaft dargestellte Biederkeit der Berliner SPD, zahlreiche Kleinparteien von Team Tödenhöfer über Volt bis zur Tierschutzpartei. Und so sehr es mich schmerzte das zu sagen: Das Plakatgame gewannen bisher die CDU und ihr Wahlkreiskandidat Jan-Marco Luczak. Sowohl optisch – als auch damit, überhaupt inhaltliche Aussagen fern von Plattitüden zu machen.

Vor allem aber war ich innerlich bei einer ganz anderen Wahl. Die Wikimedia Foundation wählte und wählt ihr Board, auf Deutsch das ehrenamtliche Präsidium der Wikimedia Stiftung. Die Wikipedia steht meinem Herzen näher als der Bundestag und selbst als der Dauergartenverein. Aber die Board-Wahlen erfordern merh Gedanken. Diese Gedanken bedurften des Kontextes.

Was ist die Wikimedia Foundation?

Die Wikimedia Foundation (WMF) ist die Betreiberin der Wikimedia-Projekte wie zum Beispiel der Wikipedia aber auch Wikimedia Commons und Wikidata. Die Foundation hostet die Server, stellt die Technik, ist am Ende rechtlich dafür verantwortlich was in den Wikipedien passiert. Dafür hat die Foundation derzeit etwa 450 Angestellte, ein Endowment von 90 Millionen Dollar und hatte 2020 Jahreseinnahmen von 127 Millionen US-Dollar.

Wo genau die Grenzen zwischen dem Einfluss der Wikimedia Foundation und den Communities liegen, ist umstritten. Letztlich kann die Foundation alles ändern und machen in den Projekten. Sie ist meistens weise genug, es nicht zu tun. Insbesondere schreiben keine Foundation-Mitarbeiter*innen in ihrer Arbeitszeit Artikel oder legen Inhalte in den Projekten an.

Die Foundation ist eine Organisation eigener selbstgenügsamer Vollkommenheit. Sie hat keine Mitglieder und ist – rechtlich – niemand rechenschaftspflichtig. Das Board besetzt sich prinzipiell aus sich selbst heraus. Es hat entschieden die Hälfte der Sitze Wahlen der weltweiten Wikip/media-Communities besetzen zu lassen zu lassen.

Was ist das Board of Trustees?

Das Board of Trustees ist das ehrenamtliche Aufsichtsgremium der Foundation. Es hat derzeit 16 Sitze. Davon steht einer Jimmy Wales als Gründer zu, sieben Sitze besetzt das Board selber, acht Sitze werden durch eine weltweite Communitywahl bestimmt.

Nun ist allein aus den Worten „ehrenamtlich“ und „weltweit / 450 Mitarbeiter / 127 Millionen Dollar Einnahmen“ klar, dass das Board eine abstrakte Leitungsposition einnimmt. Alleine, einen Überblick über so eine Organisation zu behalten, ist eine Mammutaufgabe. Dieser Organisation noch Vorgaben zu machen und sie in eine bestimmte Richtung zu lenken, eine Herausforderung.

Die Gefahr, in Detailinformationen zu ertrinken oder sich hoffnungslos im Alltagsgeschäft zu verfangen, ist groß. Seiner Aufgabe nach, beaufsichtigt das Board, was die Vollzeitkräfte machen und besetzt die Geschäftsführung.

Was zur Zeit ein besonderer Job ist: Die Geschäftsführerin der Foundation Catherine Maher verschwand im April 2021 überraschend. Der Posten ist seitdem unbesetzt. Ebenso wie sich die Chief Operations Officer im Jahr 2021 verabschiedete, die Abteilungen Communication und Technology auch niemand im Vorstand haben. Auf dem Schiff besetzt nur eine Notbesatzung an Offizier*innen die Brücke. Dem Board obliegt es derzeit, dieses Führungsvakuum schnell und kompetent zu beenden.

Welche Kriterien habe ich?

Grundsätzlich sollte jede*r Kandidat*in zwei Kriterien erfüllen. Sie sollte meine inhaltlichen Ziele teilen. Und sie sollte in der Lage sein, sich in einem ehrenamtlichen Job gegen eine komplette Organisation aus Vollzeitangestellten zu behaupten. Oft genug stehen bei solch ehrenamtlichen Gremien Kandidat*nnen zur Wahl, bei denen ich denke „Will Schlechtes, aber wird das erreichen“ und „Will Gutes, ist aber planlos. Am Ende werden die Hauptberuflichen machen was sie wollen. Oder es gibt Chaos.“

Angesichts der bewegten Zeiten, in denen wir leben; angesichts der latenten Führungslosigkeit der Foundation derzeit, möchte ich Kandidat*innen, die sich durchsetzen können. Kandidat*innen, die nach Möglichkeit die US-Zentrik der Foundation aufbrechen können. Ich möchte Kandidat*innen, die verstehen, dass Wikip/media keine allgemeine Weltbeglückungsorganisation ist, sondern sehr spezifische Sachen sehr gut durchführt – und andere überhaupt nicht kann. Es bringt nichts, sich auf allgemeine Weltbeglückungsziele zu stürzen, die weder die Foundation noch die Communities umsetzen können.

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Wählenswert: Adam Wight. Bild: Recent selfie. Von: Adamw Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International

Welche Kandidaten?

Insgesamt stehen 19 Kandidat*innen zur Auswahl, die um vier Plätze streiten. Dabei sind Wikimedia-Urgesteine ebenso wie Newbies, viele Männer, mir auffallend viele Inder, viele Kandidat*innen mit NGO-Hintergrund, kaum eine*r, der/die fortgeschrittene IT-Kenntnisse hat.

Die Urgesteine

Dariusz Jemielniak – Professor of Management, daueraktiv auf allen Ebenen und vielleicht der einzige Mensch, der intellektuell versteht wie Wikipedia funktioniert.

Rosie Stephenson-Goodknight – WikiWomensGroup, Women in red, you name it. Bei überraschend vielen der Wikipmedia-Genderaktivitäten, die funktionieren, ist Rosie Stephenson-Goodknight beteiligt.

Gerard Meijssen – gefühlt war Gerard schon Wikipedianer bevor es Wikipedia gab. Vielleicht der spannendste Autor des Meta-Wikiversums und ein Chaot.

Mike Peel – langjähriges Mitglied des Funds Dissemantion Committees. (FDC) Hat bei mir in der Rolle durchgehend einen schlechten Eindruck hinterlassen.

Ravishankar Ayyakkannu – Mr. Tamil Wikipedia, der seinem Resumee zufolge seit 2005 in der Community und mit externen Partnern (wie Wikipedia Zero, Google) zusammenarbeitete. Gewinnt bei mir Diversitätspunkte, weil er nicht nur aus dem Global South stammt, sondern auch Ausbildung und Berufstätigkeit dort durchführte.

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Wählenswert: Dariusz Jemielniak Bild: Dr. Dariusz Jemielniak – Wikimedia Foundation Board von: VGrigas (WMF) Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Im Wikiversum aktiv


Reda Kerbouche – Aktiv bei Wikimedia Algeria, Founding member der Wikimedia of Tamazight User Group. Lebt in Europa.


Lorenzo Losa – Ex-Vorsitzender von Wikimedia Italia.


Farah Jack Mustaklem
– Software Engineer, einer der wenigen Kandidaten mit Ahnung von Software. Aktiv bei den Wikimedians of the Levant und der Arabic language User Group. Mir persönlich zu sehr USA-sozialisiert für eine Board-Mitgliedschaft, andererseits sicher in jeder Hinsicht kompetent.

Douglas Ian Scott – Präsident von Wikimedia South Africa, Organisator der Wikimania 2018 und einziger Kandidat, den ich dank eines langen Wartepause am Kofferband irgendeines Wikimania-Flughafens persönlich besser kennenlernte – und begeistert war.

Iván Martínez – langjährig engagiert bei Wikimedia Mexiko, LGBTQ+-Aktivist und soweit ich hörte, das Wikiversum Lateinamerika ist begeistert von ihm.

Pavan Santhosh Surampudi – Community Manager at Quora. Versteht also vermutlich professionell etwas von Communities.

Adam Wight – Programmierer, Ex-Angestellter und WMF und WMDE und neben Gerard der Vertreter des Ur-basisdemokratischen, selbstorganisierten und Gegen-Informationsmonopole-Geistes des frühen Movements.

Vinicius Siqueira – in Wiki Movimento Brasil

Newbies

Es kann sich hierbei um langjährige und erfahrene Wikipedianer*innen handeln, die im kleinen Rahmen auch Projekte oder Gruppen organisiert haben. Erfahrungen in oder mit größeren Organisationen im Wikiversum fehlt vollkommen.

Lionel Scheepmans
Pascale Camus-Walter
Raavi Mohanty
Victoria Doronina
Eliane Dominique Yao
Ashwin Baindur

Wen werde ich wählen?

Leute, die sich durchsetzen können, und die auch die Grenzen des Wikiversums sinnvoll einschätzen können. Perspektiven auf das Leben, anders aussehen als „in US-NGOs sozialisiert“ werden bevorzugt.

Die Top 4

  • Douglas Ian Scott
  • Iván Martínez
  • Adam Wight
  • Dariusz Jemielniak

Top 8

  • Rosie Stephenson-Goodknight
  • Lorenzo Losa
  • Farah Jack Mustaklem
  • Gerard Meijssen

Wählbar

  • Reda Kerbouche
  • Pavan Santhosh Surampudi
  • Ravishankar Ayyakkannu

Wer wird wählen

Es wählen alle Menschen, die vage aktive Accounts in einem Wikimedia-Projekt haben. Die Bedingungen dafür sind niedrig angesetzt. Für Autor*innen ist es nötig 300 Bearbeitungen zu haben, kein Bot zu sein und höchstens in einem Projekt gesperrt zu sein. Die Bedingungen für die Board-Wahlen sind somit einfacher zu erfüllen als die Bedingungen zum Sichten in der deutschen Wikipedia. Die Kriterien mussten am 5. Juli 2021 erfüllt sein. Es hilft nicht, jetzt noch schnell zu editieren.

Das Wahlsystem

Es gilt das Präferenzwahlsystem. Dieses wird weltweit von einschlägigen Fachleuten als besonders fair bezeichnet. Es verzerrt den Wählerwillen weniger als viele andere Wahlsysteme. Praktisch wird es allerdings nur selten eingesetzt. Die bekannteste Wahl mit Präferenzwahl in letzter Zeit war die Bürgermeister*in-Wahl in New York, New York.

Bei Wahlsystem nummeriert man „seine“ Kandidat*nnen nach Präferenzen. Die beste Kandidatin bekommt eine Eins, der Kandidat danach eine zwei und so weiter. Hält man keine Kandidatin mehr für geeignet, hört man auf zu nummerieren.

Bei der Wahl werden in der ersten Runde alle Präferenzen mit „1“ gezählt. Ein Kandidat hat am wenigsten davon. Dieser scheidet aus. Von allen „1“-Wählerinnen des Kandidaten werden nun die „2“-Präferenzen seiner Wählerinnen auf die entsprechenden weiteren Kandidaten verteilt. Und so weiter, bis nur noch so viele Kandidatinnen übrig sind, wie es Plätze zu besetzen gilt.

Zur Wahl

Geht es hier.

Beitragsbild: Die Apostel wählen einen zwölften Zeugen als Ersatz für Judas. Aus dem Rabbula-Evangeliar.

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Wiki Loves Jules Verne. Mit Wikipedia in Braunschweig.

Tuesday, 17 August 2021 08:28 UTC


Mensch-Maschine Braunschweig


Im ICE ist Deutschland. Der Zug fährt ein und hält. Das Schild am Gleis behauptet tapfer „Zugdurchfahrt“. Die Türen lassen sich öffnen. Am Zug steht nichts geschrieben, außer Wagennummern, die nicht zu den Reservierungen passen. Das Publikum bleibt irritiert. Etwa die Hälfte der Anwesenden geht in den Zug und bleibt im Wageninnern ratlos stehen. Die andere Hälfte steht ratlos am Bahnsteig. 

Schließlich: Lichter gehen an. Der Zug verkündet mittels seiner Anzeigen nun auch, nach Kassel zu fahren.  Eine Frau entschuldigt sich über die Lautsprecheranlage über die falschen Wagennummern, man solle ich immer zehn wegdenken „Also 22 statt der angezeigten 32.“

Ein Mensch mit re:publica-Bändchen am Arm verscheucht die ältere Dame ohne Reservierung von seinem Platz und liest den gedruckten Spiegel. Ich höre ein angeregtes Gespräch zwischen einem Musicaldarsteller und einer Abteilungsleiterin im Innenministerium, die sich gerade kennenlernen über, den relativen Wert von Musikgymnasien in Berlin. Geht es noch deutscher?

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Illustration aus dem Buch ""Le tour du monde en quatre-vingts jours" Alphonse de Neuville & Léon Benett


Passenderweise habe ich ein entsprechendes Buch mitgenommen. Nils Minkmars „Mit dem Kopf durch die Welt.“ Das hat schon auf dem Cover ein ICE-Fenster und geht der Frage nach, was Deutschland bewegt. Minkmar lässt sich über deutsche Normalität aus. Der deutsche Ingenieur, lange Jahrzehnte Sinnbild der Normalität, sei nicht mehr normal. Minkmar erzählt aus seiner französisch-deutschen Kindheit:

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„Meine Mutter nannte dann immer eine Berufsgruppe, die uns besonders fern war, nämlich les ingenieurs. Wir waren in Deutschland […] und das ganze frisch aufgebaute Land ruhte auf Säulen, die les ingenieurs berechnet, gegossen und zum Schluss noch festgedübelt hatten. […] Viele Jahre später sollte ich die Gelegenheit haben, diese seltene Spezies besser studieren zu können. Sie saßen direkt hinter mir, zwei ausgewachsene Exemplare: Ingenieure, Familienväter, auf der Rückfahrt von einer Dienstreise. Sie plauderten über die sich verändernden Zeiten. […] Fernsehen, Marken, Politiker, auf keinem Gebiet fanden sich diese beiden braven Männer wieder, alles zu grell und bunt, zu aufgeregt. Ihre spezifischen Werte und Tugenden, Sorgfalt und diese stille Freude an der eigenen Biederkeit, das alles war an den Rand gerückt. Ingenieure waren nun Exzentriker. […] Diese Männer fanden sich kulturell kaum zurecht.“

Wenn „der deutsche Ingenieur“ nicht mehr normal in Deutschland ist, sind es jetzt Ministerialbeamtinnen und Musicaldarsteller?




Forschung Maschinenbau Braunschweig


Minkmar war noch nicht in Braunschweig. Oder Braunschweig ist nicht normal. Da steige ich harmlos aus dem Zug und die Stadt schlägt mir „Deutscher Ingenieur“ rechts und links um die Ohren. Braunschweig hebt das Thema "autogerechte Stadt" in Höhen, die selbst mir als gebürtigem Hannoveraner unerreichbar schienen.

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Braunschweig. Bahnhofsvorplatz.


VW ist daran beteiligt, ist klar in der Gegend. Aber nicht nur. Ich wandelte also Freitagabend gegen 21 Uhr auf der Suche nach einem Wegbier durch das verlassene Braunschweig, passierte die Stadthalle und wurde prompt begrüßt mit „Tag des Maschinenbaus. Herzlich Willkommen.“

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Vor allem aber  fiel mir bei diesem Wandeln auf, wie unglaublich gepflegt diese Stadt aussieht. Ich erblickte  keine einzige Kippe auf dem Weg. Selbst die Großbaustelle, über die irrte, wirkte irgendwie aufgeräumt. Viel verwunderlicher war, dass selbst die in Braunschweig reichlich vorhandenen 1970er-Großbauten gepflegt und sorgsam hergerichtet wirkten. Die Stadthalle selber, offensichtlicher spät 1960er/früh 1970er-Stil wirkte besser gepflegt als Berliner Gebäude nach zwei Jahren. Die Wege und Lampen darum herum: offensichtlich keine zehn Jahre alt. Sie wirkten wie frisch aus der Packung genommen.

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Wegbier. In Braunschweig nur schwerlich aufzutreiben, dann aber stilgerecht,


Selbst die Schwimmbäder sind alle gepflegt(*), alle haben gleichzeitig geöffnet und keines ist aus obskuren Gründen gesperrt. Da spielt nicht nur bürgerschaftliches Engagement eine Rolle, sondern offensichtlich ist auch Geld vorhanden.

Auf dem Hotelzimmer, noch so ein sehr gut gepflegter und hergerichteter Bau, der einem „1970er!“ ästhetisch schon ins Gesicht schreit, mit dem Hotel-Wlan (7 Tage, 7 Geräte) nachlesend, wie das nun ist mit Braunschweig. Bekanntes taucht beim Nachlesen auf: Die physikalische-technische Bundesanstalt mit der Atomuhr; geahntes lese ich (Volkswagen – hey, das ist Niedersachsen und die Technische Universität existiert ja auch) und nicht bekanntes:

„Im gesamten Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) verfügt die Region Braunschweig über die höchste Wissenschaftlerdichte,[103] im bundesweiten Vergleich über eine hohe Ingenieurquote[104] sowie über die höchste Intensität auf dem Gebiet der Ausgaben für Forschung und Entwicklung. In der Region Braunschweig arbeiten und forschen mehr als 16.000 Menschen aus über 80 Ländern[105] in 27 Forschungseinrichtungen sowie 20.000 Beschäftigte in 250 Unternehmen der Hochtechnologie[106]“

Dazu noch „Braunschweig ist die Stadt mit der niedrigsten Verschuldung Deutschlands.“ Und nach einer obskuren EU-Rangliste ist Braunschweig  die innovationsfreudigste Region der EU vor Westschweden und Stuttgart. Hier lebt der deutsche Ingenieur. Hier lebt die deutsche Technik. Was für ein passender Ort für Jules Verne.


Jules Verne


Jules Verne; französischer Erfolgsautor des 19. Jahrhunderts und vor allem bekannt als "Vater der Science Fiction." Von seinem vielfältigen Werk sind vor allem die Abenteuer-Techno-Knaller wie Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer, die Reise Von der Erde zum Mond oder die Reise zum Mittelpunkt der Erde bekannt. Wikipedia und die Deutsche Jules-Verne-Gesellschaft hatten ein gemeinsames Wochenende organisiert mit einer Tagung zu Jules Verne und Gesprächen zu Wikipedia.

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Volker Dehs bestreitet das halbe Programm


Jules Verne, mir vor allem bekannt durch vage Erinnerungen an den 1954er Nemo-Film, Weiß-orange Taschenbücher und einen blau eingebunden Robur-Roman, der mich verstörte, weil er so anders war als die großen mir bekannten Abenteuerromane von Jules Verne. Warum ich überhaupt fuhr: Intuition. Ich hätte nur schwerlich begründen können, was genau mich reizte, aber die Mischung aus Vertrauen in die Veranstalter, Science Fiction und Neugier auf diese andere niedersächsische Stadt nach Hannover, trieben mich dorthin.

Verne selber gilt als Begründer Science Fiction. Und so bringt er als Autor frankophile Literaten und Groschenromanfans, Ingenieure und Naturwissenschaftler zusammen. Besessene Bibliographen waren Thema und Anwesend, ebenso wie die phantastische Bibliothek in Wetzlar – die Mischung der Jules-Verne-Aktiven unterscheidet sich gar nicht so sehr von der Mischung der Wikipedia-Aktiven. Die Perspektiven, aus denen Verne hier unter die Lupe genommen wurden, waren vielgestaltiger als sie es in der Literatur sonst sind. Faszinierend hier war die Neigung unterschiedlicher und leicht besessener Menschen sich zu einem Thema auseinanderzusetzen.

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Haus der Braunschweigischen Stiftungen - Veranstaltungsort.



Dementsprechend hatte der Veranstalter, der Wikipedia-Autor Brunswyk das Programm gestaltet: ist Verne eher katholisch oder eher laizistisch? Kam der Wille zur Aufklärung in seinen Büchern durch seinen Verleger Pierre-Jules Hetzel hinein, während auf Verne eher zurückgeht, dass alles menschliche Streben gegenüber der göttlichen Macht sinnlos bleibt? Wen inspirierte er? Ist es eine sinnvolle Frage, dem nachzugehen, welche seiner Voraussagen, sich bewahrheiten? Dazu kamen dann noch Exkursionen zu Friedrich Gerstäcker, Fenimore Cooper, die Ingenieure, die ihre U-Boote dann nach Jules Verne „Nautilus“ nannten – und stark von diesem beeinflusst waren

Für mich brachte das Treffen interessante Erkenntnisse, wie die Tatsache, dass Verne immer Theaterautor oder – produzent werden wollte und wie sehr der Katholizismus sein Denken beeinflusste. Romancier war er eher gezwungenermaßen – und verdiente mit seinen zwei erfolgreichen Theaterstücken in seinem Leben ein Viertel so viel Geld wie mit etwa 80 bis 100 Romanen.

Interessant das Rätseln aller Anwesenden, warum Vernes Roman "der Grüne Strahl" so ein kommerzieller Erfolg war, was niemand der Anwesenden nachvollziehen konnte. Und dann eine Dreiviertelstunde später kam die Bemerkung in einem anderen Zusammenhang, dass "der Grüne Strahl" quasi Vernes einziges Buch mit einer weiblichen Hauptfigur war. Ich ahne einen Zusammenhang, Update: Es kam wie es kommen musst. Da denke ich mal, ich habe etwas entdeckt, dabei habe ich nur etwas falsch verstanden. Tatsächlich ist Der Grüne Strahl nicht das einzige Werk mit einer Protagonistin. Das prägnanteste Buch ist dabei Mistress Branican*, da hier die Titelfigur die komplette Handlung quasi im Alleingang bestreitet. Aber auch in anderen Büchern spielen Frauen eine wichtige Rolle (und dieser Umstand war Jules Verne sogar so wichtig, dass er in Interviews darauf hinwies): Die Kinder des Kapitän Grant*, Nord gegen Süd*, Reise um die Erde in 80 Tagen*, Ein Lotterielos* ... und einige mehr. (*Affiliate Links)

Für mich neu war die Erkenntnis, dass ein Großteil von Vernes Werk gar nicht in den Bereich Science Fiction gehört, sondern es (fiktive) Reisebeschreibungen sind. Und selbst dort wo Verne Maschinen und phantastische Gerätschaften erfindet, dienen diese vor allem dem Zweck zu reisen.

Und jetzt recherchiere ich, natürlich, zum Grünen Strahl.

Die Phantastische Bibliothek


Meine beiden Programmhighlights beschäftigten sich nur mittelbar mit Jules Verne. Sie kamen von der Phantastischen Bibliothek Wetzlar: zum einen der Rückblick von Thomas Le Blanc auf Wolfgang Thadewald. Den großen Phantastik- und Jules-Verne-Sammler. Thadewald verstarb 2014. Er lebte in Langenhagen. Mehrere der Anwesenden hatten ihn noch persönlich gekannt. Und die Schilderung seiner Sammlertätigkeit, seiner Liebe zu Büchern und zu Menschen, aber auch die Besessenheit mit der Thadewald an ein Thema heranging und auch von Krankheit schon schwer gekennzeichnet das Arbeiten an Bibliographien nicht lassen konnte – es ließ sich nicht anders beschreiben als bewegend. Sicher war dieser Vortrag mein emotionaler Vortrag des Programms.

Wer auch immer aber auf die Idee kam, den Vortrag von Klaudia Seibel zu Future Life: Wie (nicht nur) Jules Verne dabei hilft, die Zukunft zu gestalten an Ende der Konferenz zu legen: Chapeau! Das Projekt ist, kurz gesagt, ein Projekt der Phantastischen Bibliothek. Die stellt zu bestimmten Themen Dossiers zusammen, wie Science-Fiction-Autoren sie sich vorstellen. Die Berichte  werden manchmal von öffentlichen Stellen, öfter von Großunternehmen bestellt, die damit selber zukunftsfähig werden wollen und in die Zukunft denken.

So als Beispiel: Nanotechnische Ideen in der Science Fiction


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Wobei Auftraggeber von Staats wegen selten sind. Die meisten Aufträge kommen aus der Privatwirtschaft. Die allerdings meist gleich umfangreiche Verschwiegenheitsklauseln verlangt, weshalb die Phantastische Bibliothek da wenig zu sagen kann.

Da haben also Autoren und Mitarbeiter der Bibliothek ein profundes Wissen über die Science-Fiction-Literatur und die größte Bibliothek ihrer Art im Hintergrund und seit mittlerweile einigen Jahren eine große Datenbank aufgebaut, was Autoren zu verschiedenen Themen schreiben.

Als jemand, der ich selbst weiß, wie viele Situationen ich durch gelesene Bücher interpretiere – Bilder aus diesen Büchern im Hinterkopf habe und mir immer wieder mal sagen muss, dass ein Roman nur bedingt real ist, glaube ich sofort, dass es nichts gibt, was so sehr Denkprozesse auslösen und Kreativität triggern kann, wie Romane. Der befreit das Hirn gerade vom strikt logisch-folgerichtigen Denken, verrückt die Perspektive etwas nach links oder oben, und schon öffnen sich vollkommen neue Gedankenwege. Die Idee ist so brillant, dass es überraschend ist, dass sie wirklich angenommen wird. Anscheinend wird sie das.


Mensch Maschine Normal


Und nachdem ich dann wieder im Zug saß und das erste Handy-Ticket meines Lebens gekauft hatte, fragte ich mich wieder. Ist diese Stadt – die mir in vieler Hinsicht – so unfassbar „normal“ vorkommt, vielleicht die große Ausnahme? Sind die Musicaldarsteller, die mit „dem Alex“ [Alexander Klaws] telefonieren, normal? Die Menschen im Ministerium? Die größten Jules-Verne-Experten des Landes, die alle noch einen anderen Brotjob haben? Oder eher die Normalität vieler Menschen, die darin besteht, am Ende des Monats zu überlegen, wie denn die letzten 10 Tage mit dem leeren Konto noch überbrückt werden können?



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Brauschweig ist die verstädterte Mensch-Maschine-Kopplung. In seiner Normalität sicher schon wieder ein Ausnahmefall in Deutschland. Aber ich sah die Zukunft: sie sitzt in einer Bibliothek in Wetzlar und liest Science-Fiction-Romane.

Weiterlesen


Mit Wikipedianern kann man nicht nur Verne lesen, sondern auch Cocktails mischen: Ramos Gin Fizz für die Enzyklopädie.

Oder man läuft mit Wikipedianern durch den Wedding:Tanz auf dem Guglhupf, Automatenmaden und die „brutalism appreciation society“ im #wedding

Mehr zu Future Life bei der phantastischen Bibliothek: Future Life. 

Zum Jules-Verne-Club

Die Wikipedia-Seiten zur Veranstaltung: Wikipedia:Wiki Loves Jules Verne

Beiträge zur Veranstaltung im Wikipedia-Kurier und im Blog von Wikimedia Deutschland.

Der grüne Strahl im Gesamttext bei zeno.org: Der grüne Strahl

Alle Iberty-Posts zur Kultur stehen unter: Kultur in Iberty!

Anmerkungen


Auch zu Schwimmbädern ein schönes Minkmar-Zitat aus dem Mit-dem-Kopf-durch-die-Welt.Buch:

„Nichts gegen das große Geld und die wenigen, die es genießen können, aber die Stärke mitteleuropäischer Gesellschaften liegt gerade in der Mischung. Für Reiche ist es in Singapur, Russland und Malaysia ideal. […]Glaspaläste und Shopping Malls gibt es auf der ganzen Welt, bald vermutlich auch unter Wasser und auf dem Mond. Öffentliche Freibäder, Stadtteilfeste oder Fußgängerzonen, in denen sich Reiche und Arme, Helle und Dunkle, Christen und Muslime mit ihren Kindern vergnügen und drängeln, gibt es nur hier. Ich fand es immer erstaunlich, dass es in Algerien beispielsweise keine öffentlichen Schwimmbäder gibt oder dass man in den USA oder in Brasilien Mitglied in einem Club werden muss. Das ist eine teure und in vieler Hinsicht sozial sehr voraussetzungsreiche Angelegenheit, nur um mit den Kindern mal schwimmen zu gehen, es sei denn natürlich, jeder hat seinen eigenen Pool im Garten, was, für mich zumindest, wie eine Definition von struktureller Langeweile klingt.“ (s. 104)


 

*Dieser Post enthält Affiliate Links zu geniallokal. Es handelt sich dabei um Werbung. Ich bekomme eine kleine Provision, wenn ihr dort bestellt, und ihr habt bei den Guten bestellt.


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Berlin celebrates old school #wikipedia15

Tuesday, 17 August 2021 08:13 UTC

I still remember the time when real life meetings for Wikipedians were new and adventurous and a bit scary. Did one really want to meet these strange other people from the Internet? How would they be? Could they even talk in real life or would they just sit behind a laptop screen staring on it for hours?

My first meeting in Hamburg – THE first Wikipedia meeting in Hamburg - would consist of three people (Hi Anneke, Hi Baldhur!) sitting in a pub, and just waiting and seeing what would happen. These meetings were kind of improvised, in a pub, quite private and personal in nature and no talk about projects, collaborations, “the movement” whatever. Just Wikipedia and Wikipedians having a nice evening.

WP15 Germany Berlin 01
Bild: By Sargoth, CC BY-SA 3.0

So what a fitting setting to celebrate this day in Berlin just the old school way. Half improvised, organized by our dearest local troll user:Schlesinger on a talk page, we met in a pub, it was not clear who would come and what would happen except some people having a good time.

And so It was. In the “Matzbach” in the heart of Berlin-Kreuzberg seven people promised to come, in the end we were almost twenty. Long time Wikipedians, long-time-no-see-Wikipedians, a Wikipedian active mostly in Polish and Afrikaans, some newbies and two and a half people from Wikimedia Deutschland. Veronica from Wikimedia Deutschland brought a tiny but wonderful home-baked cake, and we just talked and laughed, talked about history and future.  Actually, mostly we talked about future.

WP15 Germany Berlin 03
Bild: By Sargoth, CC BY-SA 3.0

About the Wikipedian above 30, who has just started a new a university degree in archaeology, the question whether the Berlin community should have its own independent space, industrial beer, craft beer and the differences, the district of Berlin-Wedding, the temporary David-Bowie-memorial in Berlin-Schöneberg, the vending machine for fishing bait in Wedding, new pub meet-ups in the future, who should come to the open editing events, how to work better with libraries, colorful Wikipedians who weren’t there, looking for a new flat, whether perfectionism is helpful or rather not when planning something for Wikipedians, explaining Wikipedia to the newbie, the difficulties of cake-cutting and whatsoever.

No frustration, almost no talk about meta and politics, just Wikipedians interested in the world, Wikipedia and eager to be active in and for Wikipedia and with big plans for the future. Old school. So good.

WP15 Berlin Torte angeschnitten

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Die Verschwundenen

Tuesday, 17 August 2021 08:13 UTC

Crossposting eines Posts von mir aus dem Wikipedia Kurier. Erfahrungsgemäß lesen das dort und hier ja doch andere Menschen.

Wikipedistas kommen und gehen. Manchmal gehen mehr, manchmal weniger. Einzelne davon fallen durch ihr Wirken in der gesamten Wikipedia auf oder versuchen sich wenigstens durch einen spektakulären Abgang in Szene zu setzen. Die meisten Autoren und Autorinnen aber gehen genauso still und leise wie sie gekommen sind und gearbeitet haben.

Die unseligen Autorenschwund-Debatten der unseligen Wikimedias kümmern sich ja um Zahlen und nicht um Autorinnen und Autoren. Wie armselig! Den Meta-aktiven Communitymitgliedern - aka Wikifanten - fallen vor allem die anderen Wikifanten auf, die entschwanden. Dabei zeigt sich bei genauerer Betrachtung, dass es um lauter einzelne Individuen mit verschiedenen Vorlieben, Arbeitsstilen und Interessen geht, die in Wikipedia tätig waren und sind. Es gibt vor allem diejenigen, die kommen, einen Beitrag leisten und dann wieder verschwinden. Der größte Teil der tatsächlichen Wikipedia wird von Menschen und Accounts gestaltet, deren Edits fast nur im Artikelnamensraum aufzufinden sind. Manchmal arbeiten sie unermütlich über viele Jahre, manchmal auch nur einige Wochen an einen oder zwei Artikeln. Viele davon sind als IP aktiv, so dass sich fast nichts über sie sagen lässt. Vielleicht sind die Beitragenden per IP auch gar nicht viele, sondern eine einzige sehr fleißige Autorin? Wer weiß?


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 Viele Wikipedianerinnen und Wikipedianer sind derzeit inaktiv.

Anlässlich des Projektes WikiWedding und in meinem Bestreben möglichst viele Wedding-Aktive daran zu beteiligen, lese ich ja derzeit viele Artikel zu einem Themengebiet, das mir in den letzten Jahren eher fremd war und an dessen Entstehung ich nicht beteiligt war. Wer sich in den letzten Monaten am Thema beteiligt hat, ist mir bewusst, wer sich von 2001 bis 2014 des Weddings angenommen hat, musste ich nachlesen. Eine spannende Lektüre voller mir unbekannter Namen und Accounts. Neben einigen mir bekannten Wikipedistas waren dort vor allem mir unbekannte Accounts. Accounts, die oft aufgehört haben zu editieren. Meist sind sie still und leise gegangen. Ihre Edits und Kommentare geben keinen Hinweis warum. Aber anscheinend war es anderswo schöner. Oder sie hatten den Einruck, alles in Wikipedia geschrieben zu haben, was sie beitragen wollten. Um diesen Autorinnen und Autoren zumindest nachträglich etwas Aufmerksamkeit zu geben, um ihre Namen kurz aus den Tiefen der Versionsgeschichten zu retten, sollen hier einfach einige Autorinnen(?) und Autoren gewürdigt werden, die sich um den Wedding in Wikpedia bemühten bevor sie verschwanden.



Da ist zum Beispiel der Artikel zur Chausseestraße. Ein Mammutwerk von Gtelloke, dessen Wikipedia-Edits sich von Juni bis Dezember 2012 fast ausschließlich auf diesen Artikel beschränkten.


Bild: Die Chausseestraße 114-118 in Richtung Invalidenstraße von Gtelloke
Lizenz: CC-BY-SA 3.0



Da ist der Artikel zum Wedding selber. Angelegt 2002 von Otto, dessen letzter Edit aus dem Dezember 2004 stammt. Im November 2004 dann maßgeblich ausgebaut von Nauck, der sich auch sonst dem Ortsteil und seinen Themen widmete. Artikel zu Moabit, den Meyerschen Höfen, Mietskasernen und Schlafgängern waren Teil seines kurzen Werks, das im Wesentlichen nur zwei Wochen im November 2004 dauerte, aber die Grundlagen wichtiger Artikel zur Berliner Sozialgeschichte legte. Ein Blick auf seine Benutzerseite zeigt auch den Geist der Wikipedia-Frühzeit: ''GNU rockt! Der König ist tod, lang lebe das Volk! Lang lebe die Anarchie des Netzes! Licht und Liebe''

Weiterer Ausbau erfolgte durch 87.123.84.64, auch zu wikipedianischen Urzeiten. Dann passierte 500 Edits und acht Jahre im Wesentlichen nichts – mal ein Halbsatz hier, mal die Hinzufügung von drei Bahnstrecken dort, Hinzufügen und Löschen von berühmten Persönlichkeiten bis im Dezember 2014 der erste heute noch aktive Wikipedianer hinzukommt: Fridolin freudenfett verpasst dem Artikel mit „Katastrophalen Artikel etwas verbessert)“ eine Generalüberholung.

Der Leopoldplatz; angelegt von Frerix, der in den immerhin fünf Jahren seiner Wikipedia-Aktivität nie auch nur eine Benutzerseite für nötig hielt und anscheinend auch in keine Diskussion verwickelt wurde.  Zu seinen wenigen Beiträgen gehören neben der Anlage des Leopoldplatzes auch noch die Anlage der englischen Stadt Sandhurst, die Anlage des Kreuzviertels in Münster und des Three Horses Biers. Dann war er/sie wieder weg. Mutter des Artikels ist hier aber 44Pinguine, die den heutigen Inhalt maßgeblich prägt und auch heute noch aktiv ist.

Da wäre das Wahrzeichen des Weddings. Die Alte Nazarethkirche. Der Artikel stammt vor allem von 62.246.210.30.


Bild: Leopoldplatz, Ev. Alte Nazarethkirche, 1832–35 von Karl Friedrich Schinkel von Schliwiju

Nichts war für die Entwicklung des Weddings wohl so entscheidend wie die Geschichte der AEG. Dieser Artikel stammte in seiner Frühzeit von WHell, engagiertem Wikifanten, mit ausführlicher Artikelliste und Diskussionsseite, der uns 2007 verließ. Der letzte Eintrag auf seiner Diskussionsseite war „Hallo WHell, ich möchte Dich als den Hauptautor darüber informieren, dass ich den Artikel John Bull (Lokomotive) in die Wiederwahl zum Exzellenten Artikel gestellt habe,“ Größere Beiträge zur WEG folgten in den späteren Jahren durch Peterobst – aktiv von Februar bis April 2006 vor allem mit Beiträgen zur Berliner Industriegeschichte, nach seiner Benutzerseite AEG-Kenner und in Arbeit an einem Buch über den Konzern. Es folgten 80.226.238.197, von Georg Slickers 2006 (auch heute noch aktiv, wenn auch recht unregelmäßig), Flibbertigibbet 2006 , 79.201.110.89 im Jahr 2008 und der unermüdlichen 44Pinguine. Weiter ausgebaut von Onkel Dittmeyer, aktiv von 2009 bis Juli 2015 in Technikthemen und vielleicht immer noch unter neuem Account? Begann seine Karrier mit der Nutzerseite „Hier ist Nichts und das soll so bleiben !“ und hielt sich im Wesentlichen daran.

Da ist der Volkspark Rehberge. Angelegt von Ramiro 2005, aktiv 2005/2006, vor allem zum Thema Fußball. Maßgeblich ausgebaut, umfassend überarbeitet 2007 von 84.190.89.208 und noch einmal 2010 stark erweitert von Katonka. Landschaftsplaner mit unregelmäßigen Edits zwischen 2009 und 2014, die Edits waren wenige, aber die Qualität war hoch.


Bild: LSG-6 Volkspark Rehberge Berlin Mitte - Panoramabild auf die Wiesen des Volkspark Rehberge in Berlin, Wedding (Mitte). Von: Patrick Franke Lizenz: CC-BY-SA 3.0

Neben diesen Verschwundenen tauchen glücklicherweise aber auch heute noch aktive Wikifanten auf. Immer wieder 44Pinguine und Fridolin freudenfett. Darüber hinaus Definitiv, Magadan, Flibbertigibbet und Jo.Fruechtnicht.

Die Artikel entstanden durch Wikifanten und IPs. Accounts mit nur einem Thema oder anderen, die über Jahre thematisch sprangen. Während in der Frühzeit aber viele verschiedene Accounts und IPs an den Artikel beteiligt waren, waren in den letzten Jahren deutlich weniger Menschen aktiv. Fast alle inhaltlichen Edits in den von mir angesehenen Artikeln verteilen sich auf 44Pinguine,  Fridolin freudenfett und Definitiv. Wikipedia wird kleiner und noch lebt sie. Aber wir können all‘ den Verschwundenen danken, die vor uns kamen. Image

Seit nun schon ein paar Jahren hört man immer wieder über Probleme in der kroatischen (und zu einem gewissen Grad auch der serbischen) Wikipedia. Rechte Gruppen sollen das Projekt übernommen haben und alle Wikipedianer, die nicht ihrer Meinung sind, rausgeekelt oder einfach gesperrt haben.

Lange war nichts passiert, aber seit Ende letzten Jahres sah sich die WMF dann doch mal die Situation an und es wurde schon zumindest ein Admin gebannt.

Nun hat die WMF ein Abschlußdokument veröffentlicht; oder genauer schon Mitte Juni und ich habe es erst heute bei reddit gesehen. In dem Dokument finden sich solche Perlen, als das in hrwp behauptet wurde, Nazi-Deutschland habe Polen überfallen weil Polen einen Genozid an Deutschen verübt hätten.

Der ganze Bericht kann hier gefunden werden. Mich macht die ganze Geschichte sowohl traurig als auch wütend. Wikipedia soll die Leute so gut es geht aufklären und nicht Propaganda verbreiten!

IeS: Blog ist zurück

Friday, 16 April 2021 21:38 UTC

Ich habe heute dieses Blog auf einen neuen Server umgezogen, sein DNS aktualisiert und sein SSL repariert. Werde versuchen, es nun wieder öfters zu befüllen. Wünscht mir Glück 🙂.

Wahl: Oversighter-Wahlen

Friday, 16 April 2021 21:11 UTC

Bereits seit gestern und noch bis zum 28. April laufen die Oversighter-Wahlen. Doc Taxon, User:He3nry und Nolispanmo treten zur Wiederwahl an. Ich wünsche: Viel Erfolg!

Gab es in der DDR Spaghetti?

Friday, 26 March 2021 09:39 UTC

Eine der schöneren unbekannten Ecken der Wikipedia ist die Seite zur Auskunft. Dort können Menschen mögliche und unmögliche Fragen stellen, die dann mal launisch, mal larmoyant, mal ernsthaft oder auch gar nicht beantwortet werden. Wie im wahren Leben und eine ewige Fundgrube obskuren Wissens, seltsamer Fragestellungen und logischen Extremsports.

Nicht die DDR. Bild: Giorgio Conrad (1827-1889) - Mangiatori di maccheroni. Numero di catalogo: 102.



Dort nun fragte vor ein paar Tagen ein unangemeldeter Nutzer:

 "Warum gab es in der DDR eigentlich nur Makkaroni (die in Wirklichkeit Maccheroncini waren), aber keine Spaghetti? Das erscheint mir nach Lektüre einiger Bücher aus der DDR so gewesen zu sein und ist mir auch so von meiner aus Ex-DDR-Bürgern bestehenden Verwandtschaft bestätigt worden. Warum?"

Es folgte eine längere und mäandernde ausgiebige Diskussion, die immerhin folgendes ergab:

* Anscheinend gab es in der DDR Spaghetti, zumindest erinnerten sich einige der Diskutanten an derartige Kindheitserlebnisse.
* Ob Spaghetti so verbreitet waren wie Makkaroni oder Spirelli, darüber bestand Uneinigkeit.
* Die Nudelsaucensituation war in Berlin besser als im Rest der DDR.
* Die DDR allgemein pflegte in vielerlei Hinsicht traditionellere Essgewohnheiten als Westdeutschland, die Küche der DDR ähnelte in vielem mehr der deutschen Vorkriegsküche als dies für die westdeutsche Küche gilt.
* In Vorkriegszeiten waren Makkaroni verbreiteter als Spaghetti.
* Schon bei Erich Kästner wurden Makkaroni gegessen
* Der Makkaroni-Spaghetti turn im (west-)deutschen Sprachraum war Mitte der 1960er
* Schuld könnten wahlweise das mangelnde Basilikum, die mangelnde Tomatensauce, überhaupt mangelnde Kräuter, Italienreisen, Gastarbeiter, Miracoli oder auch was ganz anderes sein.
* Klarer Konsens im Rahme: Sahne gehört keineswegs in Sauce Carbonara!


Gab es in der DDR nicht: Miracoli. Bild: Miracoli-Nudeln mit Mirácoli-Soße von Kraft. Von: Brian Ammon, Lizenz: CC-BY-SA 3.0
 
Daneben tauchten eine ganze Menge Kindheitserinnerungen auf an exotische Spaghettimahlzeiten mit kleingeschnittenen Spaghetti, Ketchup-basierter Tomatensauce und anderen kulinarischen Exotika des geteilten Deutschlands.

Einige Antworten, viel mehr Fragen:
* seit wann wird in Deutschland überhaupt Pasta gegessen?
* wie lange schon ist Tomatensauce verbreitet?
* seit wann essen westdeutsche Spaghetti?
* Und wer ist Schuld? Die Gastarbeiter? Die Italienurlauber? Miracoli?
* Und wie kommen eigentlich die Löcher in die Makkaroni?

Also verließen wir dann erst einmal die Auskunft und die dortige Diskussion und betrieben etwas weitere Recherche. Das heimische "Kochbuch der Haushaltungs- und Kochschule des Badischen Frauenvereins", veröffentlicht 1913 in Karlsruhe, kennt sowohl Makkaroni wie auch Spaghetti. Ungewohnt für heute: die Makkaroni werden in "halbfingerlange Stückchen gebrochen" und dann 25 bis 30 Minuten gekocht.

Neben den diversen Makkaroni-Gerichten gibt es auch einmal Spaghetti. Die Priorität ist klar. Spaghetti werden erklärt als "Spaghetti ist eine Art feine Makkaronisorte. Beim Einkauf achte man darauf, daß sie nicht hohl sind"

Die "Basler Kochschule. Eine leichtfaßliche Anleitung zur bürgerlichen und feineren Kochkunst" von 1908 kennt keine Spaghetti aber diverse Gericht mit "Maccaronis". Darunter sogar schon die Variante "a la napolitaine" mit Tomatensauce.

Weitere Recherche. Weitere Erkenntnisse bringt das Buch "Meine Suche nach der besten Pasta der Welt: Eine Abenteuerreise durch Italien", das die Ankunft der Makkaroni in Deutschland auf das frühe 18. Jahrhundert verlegt. Die 1701 nachweisbaren "Macronen" waren wohl eher Lasagne, aber Anfang des 18. Jahrhunderts entstanden in Prag und Wien echte Makkaroni-Fabriken.

Die Pasta folgte anscheinend den jungen Männern der Grand Tour aus Italien in das restliche Europa. Bestimmt waren die Grand Tours für junge Männer, die mal etwas von der Welt sehen und klassische europäische Bildung mitbekommen sollten, die auf der Tour aber anscheinend nicht nur Statuen und Kirchen kennenlernten, sondern auch Pasta.

Philip Dawe, The Macaroni. A Real Character at the Late Masquerade (1773) - 02
Der Macaroni. Der Hipster seiner Zeit. Bild: Philip Dawe: The Macaroni. A Real Character at the Late Masquerade, 1773.

In England gab es sogar einen eigenen Modestil Macaroni für exaltierte junge Männer - "a fashionable fellow who dressed and even spoke in an outlandishly affected and epicene manner". Die englische Wikipedia schreibt dazu lakonisch: "Siehe auch: Hipster. Metrosexuell." Komplett falsch wäre wohl auch die Assoziation zur Toskana-Fraktion nicht.

Nach diesen extravagant und auffallend auftretenden jungen Männern ist nun wiederum im Englischen der Macaroni penguin - auf deutsch der Goldschopfpinguin - benannt.


Makkaroni-Penguin. Benannt nach dem Stil, nicht nach den Nudeln. Bild: Macaroni Penguin at Cooper Bay, South Georgia von Liam Quinn, Lizenz: CC-BY-SA 2.0

Wie aber kommen nun die Löcher in die Makkaroni? Und seit wann? Licht in dieses Dunkel bringt die "Encyclopedia of Pasta." Diese lokalisiert die Entstehung der maschinellen Pastafertigung - die für Makkaroni in zumutbarer Menge unvermeidlich ist - in die Bucht von Neapel in das 16. Jahrhundert. Dort existerte eine Heimindustrie mit Mühlen, an die sich relativ problemlos eine im 16. Jahrhundert aufkommende ’ngegno da maccarun anschließen lies, die es den Neapolitanern ersparte stundenlang im Teig herumzulaufen, um ihn zu kneten: im Wesentlichen Holzpressen mit einem Einsatz aus Kupfer, je nach Form des Einsatzes entstehen verschiedene Nudelsorten und damit unter anderem Makkaroni. Die Makkaroni wurden dann in langen Fäden zum trocknen in die süditalienische Sonne gehängt.


Sommer, Giorgio (1834-1914) - n. 6204 - Napoli - Fabbrica di maccheroni
Neapel, 19. Jahrhundert. Bild: Giorgio Sommer (1834-1914), "Torre Annunziata-Napoli - Fabbrica di maccheroni". Fotografia colorita a mano. Numero di catalogo: 6204. 


Das hat alles nicht mehr wirklich etwas mit Spaghetti und der DDR zu tun, beantwortet nicht, warum die Deutschen in den 1960ern plötzlich lieber Spaghetti als Makkaroni mochten, oder warum die Makkaroni bei ihrem ersten Zug über die Alpen die Tomatensauce in der Schweiz ließen? Warum gibt es in Deutschland kein Äquivalent zu "Macaroni and cheese" (mehr)? Gab es ein Miracoli-Äquivalent in der DDR, bei dem es Pasta, Sauce und Käse schon in einer Packung gab? Warum sind Makkaroni in Deutschland tendenziell lang und dünn in vielen anderen Ländern aber dicker und hörnchenförmig-gebogen? Es ist hochspannend. Und ein Grund, noch viel mehr zu recherchieren.

Weiterlesen

Eine Investigation: Es gibt kein Mirácoli Carbonara mehr.
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