…das uralt kluge Kind

Als die Volksarmee der DDR im Frühling 1968 in die damalige Tschechoslowakei einmarschierte um der Sowjetarmee „brüderlich zu helfen“ den Volksaufstand in Prag mit Waffengewalt niederzuschlagen – die Älteren unter uns mögen sich erinnern – da hängte der 16 Jahre junge Florian Havemann eine selbstgemalte Flagge der CSSR aus dem Fenster seines Zimmers in Berlin-Grünheide.
Die Folgen sind bekannt und aktenkundig. Florian Havemann nebst seinen jugendlichen Mitstreitern wurde verhaftet, verhört und verschwand für einige Monate im Jugendknast der DDR.
Hier die Meldung aus dem „Neuen Deutschland“:
WEGEN STAATSFEINDLICHER HETZE BESTRAFT
29.10.1968 – Berlin (ADN-Korr.). Vor dem Berliner Stadtgericht wurde vom 21. bis 28. Oktober in zwei Prozessen gegen sieben Bürger verhandelt, die wegen staatsfeindlicher Hetze angeklagt waren. Hierbei handelt es sich um den 19jährigen Frank Havemann und den 16jährigen Florian Havemann, den 23jährigen Thomas Brasch, die 18jährige Rosita Hunzinger, die 20jährige Sanda WeigL, die 18jährige Erika- Dorothea Berthold und den 18jährigen Hans-Jürgen Uzkoreit …
Später durfte er sich dann – angeblich nach Einspruch des Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht – im Eisenbahnausbesserungswerk der Reichsbahn als Elektriker „bewähren“. Die SED wollte dem jugendlich-aufmüpfigen Sprössling des berühmten Regimekritikers Robert Havemann vermutlich eine „zweite Chance“ bieten, sich als nützliches Glied in der Volksgemeinschaft des ersten “ deutschen sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaates“ zu bewähren.
Florian Havemann pfiff allerdings auf diese Bewährungschance, die man ihm vorher beim Schuldspruch des Jugendrichters – anders als seinen mitangeklagten jugendlichen Freunden -verweigert hatte. Drei Jahre später hockte er sich mit seiner damaligen Freundin in einen leeren Tankwagen und „machte rüber“ nach Westberlin.
„Er ist hinüber, enfant perdu. Ach, kluge Kinder sterben früh“ , brüllte ihm Wolfgang Biermann , der alte Freund seines Vaters Robert Havemann ( im Hausarrest kaltgestellter sogenannter Regimekritiker ) , trotzig und traurig zur Klampfe hinterher; fein in Vinyl gegossen bei Columbia Records im Westen.
„Nun ist er meine Trauer, nun hockt er hinter der Mauer und glaubt, dass er vor ihr sitzt“…sang Biermann weiter, noch unwissend, dass er selbst bald nach seinem berühmten Kölner Konzert ebendort hocken würde.
Randbemerkung: es soll angeblich Margot Honecker gewesen sein, die Wolfgang Biermann kurz vorher davon in Kenntnis setzte, dass ihm die Ausweisung aus der DDR drohe, sollte er wie beabsichtigt, das Konzert in Köln veranstalten… ( ob das wirklich ihre eigene Idee war, ist nicht überliefert und wohl auch nicht mehr zu verifizieren). Stimmen aus dem damaligen Umfeld Biermanns äusserten sich „das stimmt hundertprozentig“ oder ähnlich lautend.
Nun war auf einmal der alte Philosoph und Dissident Robert Havemann derjenige, der einsam und allein in Grünheide im vom Politbüro veranlassten ewigen Hausarrest hockte und fortan ohne seinen Gitarristen und Kumpel die Cognacvorräte konsumieren musste.
Der Sohn „Flori Have, das uralt kluge Kind, war abgehaun nach Westen mit seiner derzeit Festen“…
Schon allzulange hatte der gerade 16jährige Dissidentensohn den nächtlichen Diskussionen, den totgedroschenen leeren Phrasen und den alkoholgeschwängerten Reformphantasien der Generation seiner Eltern zugehört. Aber am kleinbürgerlichen, spiessig-grauen Alltagsmief der DDR änderten diese fromm sozialistischen Tagträumereien nichts. Mochten sie auch noch so treffsicher-bissig in gleichwohl romantisch-melancholische Verse gegossen sein. Es war definitiv das „falsche Leben“, das sich tagtäglich unaufhaltsam in die Gesichter und Seelen der Menschen frass. Der „uraltkluge“ Florian Havemann riss sich fort aus der allzu fürsorglichen Umklammerung dieses spiessig-verlogenen, verordneten Staatssozialismus. Die davon flächendeckend durchseuchte DDR nichts als eine einzige leere Behauptung ( beim Wort „demokratisch“ fings ja schon an…), ein aufgeblasenes Nichts, eine leere, faulige Hülle. Die Träume eines intelligenten 16jährigen sahen damals wohl etwas anders aus.
Und Chapeau! Es gehörte damals schon verdammt viel Mut dazu, sich so klammheimlich aus dem sozialistischen Staub zu machen…
Später dann erschien im Westen das vielfach verschmähte und verrissene tausendseitige Grosswerk „Havemann – eine Behauptung“ mit anekdotisch scharfen Bildern über den berühmten Vater und auch dessen überhöhtes Denkmal innerhalb und ausserhalb der DDR, über seine Geschwister, Wolfgang Biermann und viele andere Protagonisten der Stalinallee-Aristokratie sowie der sogenannten rebellischen Bohème, die sich gern die Nächte in der Grünheider Datsche seines Vaters vertrieb. Immer gut beschützt von der Stasi, versteht sich.
Das bei Suhrkamp erschienene „Skandalbuch“ wurde schon kurz nach seiner Veröffentlichung wegen unzähliger Klagen der Schwester und Verwandschaft sowie betroffener Protagonisten leider vom Verlag ( der eigentlich seinen Autor pflichtgemäss hätte verteidigen können ) zurückgezogen und erschien fortan mit zahllosen gechwärzten Passagen, also als zensierte Ausgabe.
Der Autor hatte schon in seinem Buch einige Zeilen an seine Kritiker gerichtet:
“ Man schütte die Dreckkübel über mir aus, ich stinke gern ein bisschen – Hauptsache, wir spielen hier nicht auf privat- und persönlichkeitsrechtlicher Basis DDR und erfinden uns nicht feige noch einmal die Zensur, die wir in diesem Staate immer abschaffen wollten. Das sollte doch wohl unter uns Verdächtigern und Verleumdern ein bisschen zu sehr unter unserer Würde sein. Etwas mehr an Menschenwürde sollten wir aufbringen, als dass uns das groß kratze, wenn uns mal so ein kleiner Kläffer wie ich nun ans Denkmal pinkele. Ich muss doch bitten, meine Herren, meine Damen, entehren Sie sich nicht so, sich so leicht in Ihrer Ehre verletzt zu fühlen. Ehre, wem Ehre gebührt, und mir gebührt sie doch nicht, jedenfalls nicht so sehr, als dass man sich auf Ehrenhändel mit mir einlasse. Ich bin nicht satisfaktionsfähig. “ ( in Havemann S. 259)
Und allen, die immer sogleich die grosse Keule „Wahrheit“ schwingen, sogar dort, wo sie nichts zu suchen hat, nämlich in der Literatur, ruft er unbeeindruckt zu:
“ Meine Welt besteht doch nicht nur aus beweisbaren Fakten, meine Welt besteht auch aus Annahmen, aus Eventualitäten, die sich mir aufdrängen, so sehr aufdrängen, dass ich dann von ihnen ausgehe, dass von ihnen mein Verhalten bestimmt wird. Die Wahrheit dieser Geschichten ist nicht unbedingt die der Fakten. Die Wahrheit ist meine Wahrheit. Mehr nicht. Und wer’s glaubt, was ich zu erzählen habe, der wird seine Gründe haben zu glauben, was ich erzähle. Ich bin nicht dafür verantwortlich, was andere glauben, von dem glauben, was ich ihnen erzähle. Ich bin noch nicht mal dafür verantwortlich, was ich so glaube. “ (in Havemann, S. 367).
Und er versucht zu erklären, was doch keiner Erklärung bedarf:
“ Mein Problem ist der fehlende Leidensdruck wegen dem Zuviel an Problemen, sie alle aufarbeiten zu wollen, das gelänge doch sowieso nicht, das bliebe aussichtslos. (…) Ich streife den Kern meiner Probleme, des Problems, aus dem alle meine Probleme entstehen, aber ich streife es nur, ich wandele an meinen Abgründen entlang, ich überfliege sie, diese verlockenden Abgründe, ich schwimme leicht über meine Untiefen hinweg, ich habe damit kein Problem, sublimieren zu können. Und sollte es mir bei all dieser Verdrängung gelungen sein, sublim zu werden, umso besser. (…) Ich bleibe in Bewegung, auf der Flucht vor mir selbst, von einem Fettnäpfchen zum anderen eilend, von einer Peinlichkeit zur nächsten, gejagt von meinen vielen Leidenschaften, unstet, immer in Gefahr, mich zu verzetteln. “ (S. 520)
Gegen die geradezu „herdenhafte“ deutsche Literaturkritik stand ihm immerhin kein Geringerer als Jan Philip Reemtsma zur Seite. Ehre wem Ehre gebührt, denn er schien geahnt zu haben, was auf ihn zukommt:
„Eine brutale Mimose ziehe sich warm an. Wer so austeilt, muss einstecken lernen. Wer Stein des Anstoßes sein will, darf sich nicht wundern, wenn er sich stößt. Der Unerbittliche kann nicht bitten, der Erbarmungslose kein Erbarmen erflehen. Der Schuldige sich nicht selber entschuldigen. Der Sprücheklopfer sich keine Erlösung erhoffen. “ (S. 628)

